Full text: Finanzmärkte (50)

Es ist schließlich zu bedenken, daß Vermögen in Finanzanlagen oft
nur de jure bestands- und ertragsbesteuert (mit zum Teil nicht unbe-
trächtlichen Ausnahmen in Form von Freibeträgen) wird. Produktiv-
vermögen wird hingegen auch de facto bestands- und ertragsbe-
steuert.
Im Frühjahr 1985 hat das Finanzministerium Grundzüge einer Re-
form der Besteuerung der Kapitalgesellschaften präsentiert, die für
die Ausschüttungen das Halbsatzverfahren vorsieht. Daneben soll das
Interesse der Anleger für junge Aktien durch eine Sonderausgabenre-
gelung geweckt werden.
2.2 Intermediatisierung
Als Folge historischer Erfahrung, insbesondere der Vernichtung
der Wertpapierstände in und nach dem Zweiten Weltkrieg, ist in
Österreich ein Finanzierungssystem entstanden, das stärker als in an-
deren Industriestaaten auf den Instrumenten der Bankeinlage und des
Bankkredites basiert. Die Beziehung zwischen Gläubiger und Schuld-
ner kommt somit fast ausschließlich durch rechtliches Dazwischentre-
ten (somit also nicht bloß Vermittlung) des Kreditapparates zustande
(Intermediatisierung). Selbst das Wertpapier wurde in Österreich ins-
besondere im letzten Jahrzehnt in den Dienst der Intermediatisierung
gestellt. Der Kreditapparat begibt im großen Umfang Wertpapiere im
eigenen Namen zur Refinanzierung von Krediten. Der Charakter des
Wertpapiers, das seinem Sinn nach eine direkte Schuldbeziehung zwi-
schen letztem Gläubiger und letztem Schuldner schaffen und vom
Kreditapparat bloß vertrieben werden soll (Provisionsgeschäft), wird
dadurch aufgehoben. Die Tendenz zur zunehmenden Intermediati-
sierung hängt zum Teil mit der Vorliebe der Österreicher für das
Sparbuch zusammen, sie wurde vom Kreditapparat jedoch auch da-
durch gefördert, daß für Einlagen auch bei bloß formaler Bindung
häufig Kapitalmarktzinssätze geboten wurden und in der Kundenbe-
ratung die Einlage deutlich gegenüber titrierten Formen forciert wird.
Hinter dieser Aktivität der Kreditunternehmungen stehen in erSter Li-
nie Überlegungen der Mittelbeschaffung und des Bilanzsummen-
wachstums.
Da Finanzvermögen und Verschuldung sehr viel rascher wachsen
als die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen (und damit das
BIP), expandierte der Kreditapparat im Zuge der Intermediatisierung
überdurchschnittlich kräftig. Das war während der Wiederauffül-
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