Full text: Arbeitszeitverkürzung (31)

- kb
jst nur durch ein die Zunahme der Kapitalintensität
übersteigendes Wachstum des Kapitalstocks zu er¬
reichen, d. h. die Investitionen müssen kräftig steigen.
Voraussetzung hierfür ist in der heutigen Situation nach
aller Erfahrung zunächst ein deutliches Wachstum der
Nachfrage. Dies herbeizuführen ist Aufgabe der Wirt¬
schaftspolitik. Die Tarifpolitik kann hierbei nur insofern
Hilfestellung leisten, als sie wenigstens durchsetzt, daß
die private reale Konsumnachfrage nicht beschnitten
wird. Daß Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnaus¬
gleich dies zu bewirken vermag, bestreitet selbst der Bei¬
rat nicht. Daß sie dies erreichen kann, ohne gleichzeitig
die kostenseitigen Voraussetzungen für ein nachhaltiges
Wachstum von gesamtwirtschaftlicher Produktion und
Investitionstätigkeit 7.» verschlechtern, wird zu zeigen
sein.
a) Das zentrale Argument des Beirats ist die These, die
Verkürzung der Wochenarbeitszeit — ob mit oder ohne
Lohnausgleich — habe die Lohnstückkosten steigernde
Wirkungen, wodurch die Nachfrage nach Arbeit stärker
zurückgedrängt v/erde, als die den Arbeitsmarkt entla¬
stenden Effekte der Arbeitszeitverkürzung ausmachen.
Dabei geht er davon aus, daß das aktuelle Rcallohnni-
veau nicht vollbeschäftigungskonform ist. „Eine Arbeits-
; Zeitverkürzung korrigiert weder Fehlentwicklungen des
Reallohns noch Verzerrungen der Lohn-Zins-Rciation".
Als Therapie folgt daraus implizit: Die Lohnstückkosten
I müssen sinken.
Es überrascht nicht, daß aus dieser Position eine Ab¬
lehnung der Wochenarbeitszeitverkürzung mit Lohnaus¬
gleich erfolgt. Dabei richtet sich die Attacke irn Kern zu-
1 nächst nicht gegen Arbeitszeitverkürzung als eine beson¬
dere Form der Ausschöpfung des Verteilungsspiel-
raums, sondern gegen die Ausschöpfung des kostenni-
vcauneutralen Verteilungsspielraums zugunsten der Ar¬
beitnehmer schlechthin.
b) Für die Gewerkschaften ist weder die Ausgsngsdia-
gnose schlüssig noch der Therapievorschlag „Lohnver¬
zicht" (hier verstanden als Verzicht auf c'ie Ausschöp¬
fung des kostenniveauneutralen Verteilungsspielraums)
I zur Schaffung von Arbeitsplätzen akzeptabel; das gilt
zumindest so lange, wie das Produktionspotential nicht
voll ausgelastet ist. Abgesehen davon, daß in einer Situa¬
tion allgemein hoher nachfragebedingter Unterausla¬
stung der Kapazitäten das Grenzprodukt der Arbeit
nicht definiert ist, führt „Lohnverzicht" zu einem weite¬
ren Nachfrageausfall und damit zu einer Verschlechte¬
rung der Absatzerwartungen der Unternehmen, die
| mehr schadet, als die möglicherweise antretende Entia-
1 stung bei den Lohnstiickkosten nützt. Das gilt umso
mehr, als die Finanzpolitik einen zunehmend kontrakti-
ven Kurs, verfolgt und das hohe Realzinsniveau in den
USA den Kapitalmarkt in der Bundesrepublik belastet.
Die Hoffnung, in dieser Situation werden die autonomen
Investitionen anspringen und die Nachfragelücke schlie¬
ßen, ist Illusion. M.a.W. „Lohnvcrzicht" verbessert die
Bedingungen für den Aufschwung nicht, sondern ver¬
schlechtert sie. Er bewirkt allenfalls eine vorübergehende
Aufstockung der von vielen Unternehmen gehaltenen
hohen Liquiditätsbestände, was angesichts der interna¬
tionalen Zinskonstellation mit großer Wahrscheinlich¬
keit zu verstärktem Kapitalexport führen würde; indi¬
rekt trügen die deutschen Arbeitnehmer zur Finanzie¬
rung der Reaganschen Rüstungspolitik bei. Schließlich
führt „Lohnverzicht" zu sozialen Spannungen im In¬
nern, was die mittelfristigen Wachstumschancen bela¬
sten würde.
Auch das Argument, die internationale Wettbewerbs¬
fähigkeit der deutschen Wirtschaft und damit das Ex¬
portwachstum ließen sich so verbessern, hat nichts für
sich. Die hohen Außenhandelsbilanzüberschüsse de¬
monstrieren die Stärke der deutschen Wirtschaft im in¬
ternationalen Konkurrenzkampf. Die Ursache für die
trotzdem relativ schwache Expansion der deutschen Ex¬
porte liegt ausschließlich in der schlechten Konjunktur¬
entwicklung bei den Handelspartnerländern. Die wirt¬
schaftspolitische Aufgabe der Bundesrepublik im inter¬
nationalen Konzert besteht nicht in der Einfuhr, sondern
im Export von Beschäftigten. Bereits heute leiden viele
Länder unter dem Wettbewerbsvorsprung Japans und
der Bundesrepublik; bei stagnierendem Welthandel se¬
hen sie sich gezwungen, protektionistische Maßnahmen
zu ergreifen. Jede Aktion, die eine weitere Verbesserung
der internationalen Wettbewerbsfähigkeit für die deut¬
sche Wirtschaft über den erreichten hohen Stand hinaus
bewirkt, wird die Tendenz zum Protektionismus verstär¬
ken. Dadurch werden mittelfristig die Wachstumschan¬
cen der deutschen Wirtschaft beschnitten, denn es ist ein
schwieriges, langwieriges Geschäft, die Partnerländer
dazu zu bewegen, ihre Handelsbarrieren wieder abzu¬
bauen.
Aus diesen Gründen bestehen die Gewerkschaften in
der kommenden Tarifrunde auf der Ausschöpfung we¬
nigstens des kostenniveauneutralen Verteilungsspiel¬
raums, der im wesentlichen durch das Wachstum der
Arbeitsproduktivität und die Inflationsrate bestimmt ist.
Innerhalb dieses Rahmens wird zu entscheiden sein, wel¬
cher Anteil auf die Nominallohnsteigerung und welcher
auf die Verkürzung der Wochenarbeitszeit entfallen soll.
Setzt man die Konstanz der Reallöhne als wünschens¬
wert voraus, dann verbleibt eine Arbeitszeitverkürzung
im Ausmaß des Produktivitätsanstiegs. Dieses Bild wird
den folgenden Erörterungen zugrunde gelegt, und es
bleibt die Frage, ob eine im Ausmaß der Produktivitäts¬
steigerung durchgeführte Arbeitszeitverkürzung bei vol¬
lem Lohnausgleich mit dem Postulat der Kostcnniveau-
neutralität vereinbar ist oder nicht.
c) Der Beirat hat recht, wenn er sich nicht vorstellen
kann, daß eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn-
        

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