Full text: Arbeitszeitverkürzung (31)

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lern.- Lohnausgleich durchnetzt, bezieht
hingegen öffentliche Schelte für diesen
angeblichen Beitrag zur1 Schwächung
unserer Wirtschaft. Wer begründen
möchte, daß die Gewinne' unangemessen
.gestiegen sind, muß zut moralischen
Kategorien greifen und sagen, die.Höhe
der Gewinne sei ungerecht im Vergleicji;;
zum Anstieg der Löhne. Von der Sache '
her kann er sich "zwar auf die Notwen¬
digkeit der . Massenkaufkraft im wirt¬
schaftlichen Kreislauf berufen, eine Be¬
gründung, die auch bei der Verkürzung
,der •. Arbeitszeit greift, weil weniger
Arbeitslose mehr Massenkaufkraft be¬
deuten'; aber spätestens bei der Frage :
des vollen Lohnausgleichs tritt das AU-^
'zweckargCtiiieiit „Gefährdung der inter¬
nationalen ; Wettbewerbsfähigkeit" in
Funktion,-, - ? ?- j-
!
" Daß die Arbeitgeber den Verteil, den
sie in der Kostendiskussion .genießen,
voll ausspielen, darf niemanden wun¬
dern. Wie uneingeschränkt die Bundes¬
regierung ihnen dabei assistiert, wird
zwar auch nur noch wenige wundern, ist
aber gleichwohl bemerkenswert. Das Ka-'
biriett Kohl/Genscher folgt dabei der
Devise, die der Bundesarbeitsministert:
kürzlich in einem Spiegel-Interview
zum besten gegeben hat: „Von ruinier¬
ten Unternehmen haben nicht nur die
Unternehmer, sondern auch die Arbeit¬
nehmer nichts. Also: Was den Unter¬
nehmen hilft, hilft auch den Arbeitneh¬
mern." Solche Sätze muß man sich auf
der Zunge zergehen lassen. Diese dem- |
agogische Mischung aus v/ahrer Schale
und falschem Kern macht dem Kollegen
Blüm so schnell keiner nach. (Polemisch
läßt sich solchen Äußerungen leicht be¬
gegnen, z. B. mit der Frage, warum Nor¬
bert Blüm dann Mitglied einer Gewerk¬
schaft und nicht eines Unternehmer-
Unterstützungsvereins ist; aber er ist ja
immerhin Mitglied der christlich-libera¬
len Regierung.) Sie argumentativ zu
zerlegen, erfordert einige Anstrengun-
| gen.
I Diese Schwierigkeit beruht u. a. dar-
I auf, daß in der öffentlichen Diskussion
i zwar unterschieden wird zwischen dem
Interesse der Arbeitnehmer und dem,
I was im gesamtwirtschaftlichen Inter-
| esse liegt. Bs wird jedoch nicht mehr
! unterschieden zwischen dem Interesse
j der Unternehmer und dem der Wirt¬
schaft, Was Arbeitnehmer in ihrem In-.
| teresse fordern oder ablehnen, steht —
jedenfalls in weiten Teilen der öffent-
lichkeit — von vornherein im Verdacht,
unserer Wirtschaft abträglich zu sein.
' Die Interessen hingegen, die Unterneh¬
mer geltend machen, lallen im öffent¬
lichen Verständnis beinahe automatisch
? mit dem Interesse der Wirtschaft insge¬
samt zusammen. Der Grund dafür liegt
auf der Hand: Für den realen Gang des
Wirtschaftsprozesses ist die Unterschei¬
dung zwischen den Interessen der Un¬
ternehmer und dem Interesse der Wirt¬
schaft nur von geringer Bedeutung,
denn am"Ende sind es immer die Unter¬
nehmer, die "die wirtschaftlichen Ent¬
scheidungen fällen —• und sie fällen sie
selbstverständlich „in ihrem Interesse".
Diese Machtposition der Unterneh¬
mer, die nur die Kehrseite der unzurei¬
chenden Mitbestimmungsmöglichkeiten
der Arbeitnehmer ist, hat weitreichende
gesellschaftspolitische Konsequenzen,
denn — wir'wüßten es auch, wenn es
uns nicht tagtäglich gepredigt würde —
vom Wohl und Wehe der Wirtschaft
hängt dag Wohlergehen der Gesamtge-
sellschaft entscheidend ab. Ein aktuelles
Beispiel mag genügen: Noch vor weni¬
gen Jahren bestand zwischen allen
Parteien Ubereinstimmung, daß die
Arbeitsschutzbestimmungen für
Jugendliche und Frauen, die jetzt ent¬
weder schon beseitigt wurden oder zur
Disposition gestellt werden, einen wich¬
tigen gesellschaftspolitischen Fortschritt
bedeuten. Wenn die Unternehmer auf¬
grund des Uberangebotes an Auszubil¬
denden und arbeitsuchenden Frauen
ihre wirtschaftliche Entscheidung, ob
sie mehr Auszubildende und mehr
Frauen einstellen, von der Abschaffung
dieser Arbeitsschutzbestimmung abhän¬
gig machen können, dann verwandeln
sich diese Bestimmungen eben in „aus-
bildungs- und einstellungshemmende
Vorschriften". Und Norbert Blüm hat
wieder einmal recht: Der Abbau des
Arbeitsschutzes hilft den Unternehmern
— sie können über die Arbeit der Aus¬
zubildenden und der Frauen freier ver¬
fügen, und er hilft den betroffenen
Arbeitnehmern — sie bekommen einen
Arbeitsplatz. „Also: Was den Unterneh¬
men hilft, hilft auch den Arbeitneh¬
mern." Der Bundesarbeitsminister kann
sich sogar einbilden, etwas für die
Arbeitnehmer getan zu haben, indem er
etwas gegen sie tut
öffentlich legitimieren läßt sich diese
politische Logik aber eben nur dann,
wenn man das Interesse der Unterneh¬
mer ohne jede kritische Distanz um-
standslos mit, dem Interesse „unserer
Wirtschaft" gleichsetzt, .
Die Anwendung dieser Überlegungen
auf die Tarifauseinandersetzung um die
35-Stunden-Woche mit vollem Lohnaus¬
gleich läßt die Probleme, die die Ge¬
werkschaften mit der öffentlichen Dar¬
stellung ihrer Position haben, in klare¬
rem Licht erscheinen. Solange das In¬
formationsmonopol und die fast unein¬
geschränkte wirtschaftliche Entschei-
dungsgewait der Unternehmer bestehen,
solange die Gewinnhöhe nicht ebenso
wie die Lohnhöhe einer sachlich kriti¬
schen Diskussion unterworfen und das
Unternehmerinteresse automatisch dem
wirtschaftlichen Gesamtinteresse
gleichgestellt wird — so lange werden
die Gewerkschaften in der öffentlichen
Auseinandersetzung um die Berechti¬
gung ihrer Forderungen notwendiger¬
weise nicht allzu gut dastehen. Auch
wenn jede Arbeitszeitverkürzung der
Vergangenheit von den Unternehmern
mit denselben Drohungen bekämpft*,
wurde, mit denen sie heute operieren,
und sich die Schreckensvisionen noch
jedesmal als falsch erwiesen haben
welches die Öffentlichkeit überzeugende
Argument kann ein Gewerkschafter
hier und jetzt ins Feld führen gegen den
Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber¬
vereinigung Gesamtmetall, der in bester
Klassenkampfmanier droht: „Die Be¬
reitschaft (!) der Betriebe zum Durch¬
halten von Belegschaften, zur Neuein¬
stellung von Arbeitsuchenden und zur
Ausbildung von Lehrlingen wird
zwangsläufig durch den IG-Metall-Kurs
in Mitleidenschaft gezogen."? Ich
fürchte, einen wirklich überzeugenden
Beweis für die Richtigkeit unserer Posi¬
tion werden wir erst im nachhinein lie¬
fern können, wenn durch die Arbeits¬
zeitverkürzung nachprüfbar Arbeits¬
plätze gesichert und geschaffen wurden,
wie es in der Vergangenheit immer der
Fall war.
Wenn ein Arbeitgeber statt bisher 5
nur 4 Auszubildende einstellen würde,
nur um der Öffentlichkeit zu demon¬
strieren, daß die Ausbildungswilligkeit
der Unternehmen unter der Gewerk-
schaftspolitik leidet, wenn so nicht nur
ein Arbeitgeber verführe, sondern wenn
10 000 so handelten, stünden bereits
10 000 Lehrlinge auf der Straße. Wären
dann die Gewerkschaften schuld? Wenn
es nach der Logik des Bundesarbeitsmi¬
nisters ginge, gewiß. Oder vielleicht
doch die Arbeitgeber, die ihre wirt¬
schaftliche Machtposition rücksichtslos
ausnutzen?
Wenn Arbeitgeber im Rahmen des
Spielraums, der für jede wirtschaftliche
Entscheidung zur Verfügung steht, ver¬
suchen würden, durchgesetzte Arbeits¬
zeitverkürzungen die Arbeitnehmer
ausbaden zu lassen, indem sie Neuein-.
Stellungen hinauszögern und statt des¬
sen das Arbeitstempo erhöhen — kön¬
nen sie dann wirklich eine zusätzliche
Arbeitskraft nicht bezahlen oder nutzen
sie wieder nur ihre Machtposition aus?
Diese drei Beispiele mögen ausrei¬
chen, um erkennen zu lassen, welche
unmittelbaren faktischen Schwierigkei¬
ten aus dem oben dargestellten prinzi¬
piellen Vorsprung der Arbeitgeber im
öffentlichen Argumentations-Kampf um
die 35-Stunden-Woche für die Gewerk¬
schaften entspringen. Der Satz, mit dem
sich diese gesamten Überlegungen zu¬
sammenfassen lassen, könnte etwa lau¬
ten: Wer die größere Macht hat, hat kei¬
neswegs immer die besseren Argu¬
mente, aber er hat die größere Möglich¬
keit, solche Tatbestände zu schaffen, die
seine Argumente als die besseren er¬
scheinen lassen.-
in.
Die Ablehnung aller beschäftigungs¬
politischen Initiativen des DGB in der
Vergangenheit hat die Gewerkschaften
nicht entmutigt. Die Dringlichkeit, den
Kampf gegen die Beschäftigungskrise
aus eigener Kraft zu führen, wurde j
dadurch für die Gewerkschaften im Ge¬
genteil eher erhöht. Die massiven An¬
griffe, mit denen die Arbeitgeber, die
Bundesregierung und Teile der Öffent¬
lichkeit in der Gegenwart auf diesen
Kampf reagieren, ändert nichts an sei¬
ner Notwendigkeit: Ohne Arbeitszeit¬
verkürzung Ist eine nachhaltige Redu¬
zierung der Arbeitslosigkeit nicht er-
        

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