DAS
RECHT
DER
ARBEIT
6. JAHR DEZEMBER 1956 25. HEFT
Univ. Doz. Dr. THEO MAYER-MALY (Wien):
Aufgabe und Probleme einer Geschichte des
Arbeitsrechts
Das Ziel jeder wissenschaftlichen Arbeit, die Ursachen
von Ereignissen und Vorg�ngen zu erkennen, fordert auch
Auseinandersetzung mit der Geschichte des Arbeitsrechts.
Doch geht es hier nicht nur um den Erkenntniswert solchei
Studien an sich, sondern mehr noch um die dringend
notwendig gewordene Erg�nzung jener Untersuchungen,
die andere Forschungseinrichtungen zum Komplex der
Sozialwissenschaften beitragen. In der Rechtswissenschaft,
der Gesellschaftslehre, der Wirtschafts- und Kultur�
geschichte, der theoretischen National�konomie und der
Wirtschaftspolitik, aber auch in Medizin und Theologie
wird jenen Problemen, die aus dem Abschlu� von Arbeits�
vertr�gen und der wirtschaftlichen Schw�che des Arbeit�
nehmers erwachsen (� �soziale Frage"), besondere Auf�
merksamkeit zugewandt. Arbeitsrecht, Sozialgeschichte,
Sozialpolitik, Arbeitsmedizin,' Sozialpsychologie, So/io-
metrie und Sozialstatistik sind gewi� nur die wichtigsten
jener Disziplinen, die so entstanden sind.
Dabei ist es bemerkenswert, da� viele solcher Unter�
suchungen, gleichg�ltig ob sie unter dem Einflu� der dia�
lektischen Methode und des historischen Materialismus
stehen oder nicht, geschichtlich orientiert sind. Restim�
mend daf�r ist gewi� das Strel>en, angesichts der erst im
vergangenen Jahrhundert bewu�t gewordenen sozialen
Frage deren Ursachen historisch zu ergr�nden. Eine
solche Analyse der geschichtlichen Entwicklung des Ar�
beitsrechtes ist �berdies schon um des aHgemcinen Lebens�
wertes der Rechtsgeschichte willen fruchtbar, ist diese doch
vor allem Geschichte des Weges zur Verwirklichung von
Freiheit und Gerechtigkeit im sozialen Verband1). Im fol�
genden soll an Hand einer �bersicht �ber die schon ge�
leistete Arbeit Aufgabe und Problematik k�nftiger For�
schung skizziert werden.
Freilich begn�gten sich viele, die etwas �ber die Ge�
schichte des Arbeitsrechtes auszusagen trachteten, bisher
') Enger, weil zu stark an Hegel gebunden, Heinrich Mitteis, Vom
Lebenswert der Rechtsgeschiclite. 1947, S. 83: .Rechtsgcschichtc ist recht
eigentlich die Geschichte des Weges zur Freiheit und zum Bewu�tsein
davon."
mit einer knappen Zusammenfassung der seil der indu�
striellen Revolution geschaffenen Rechtsquellen. So kam
es zu d�rftigen �Einleitungshistorien" fast aller g�ngigen
Lehrb�cher. Diese unbefriedigende Darstellungsweise h�ngt
innig mit dem viel diskutierten Kontinuit�tsproblem, also
der Frage nach entwicklungsgeschichtlicher Verbindung
mit fr�heren Epochen zusammen. Dabei wird aber viel�
fach das Bestehen solcher Beziehungen f�r das Arbeits�
recht vorschnell geleugnet, �berdies jedoch verkannt, da�
der Vergleich strukturell verwandter Sozialordnungen sehr
ergiebig sein kann, auch wenn in mehrfacher Hinsicht
tiefgreifende Unterschiede gegeben sind. Es ist nur n�tig,
sich solcher Unterschiede bewu�t zu werden und ihnen
Rechnung zu tragen. Das bedeutet vor allem, da� leiden�
schaftslos zwischen Problemen,' die dem Vertrag �ber
menschliche Arbeitskraft als Rechtsinstitut entspringen,
und Fragen, die aus der wirtschaftlichen Schw�che gewis�
ser Gesellschaftsschichten erwachsen, unterschieden werden
mu�. Dabei gestatten gewi� die ersten, im engeren Sinne
arbeitsrechtlichen Themen eher geschichtliche Analysen
mit Gegenwartsbezug als die anderen, st�rker sozialpoli�
tisch zu sehenden Probleme.
Dennoch zeigt schon die bisher zur antiken Sozial-
und Rechtsgeschichte geleistete Forschungsarbeit, da� beide
Aufgaben l�sbar sind. Freilich wurden die bisher bedeu�
tendsten Leistungen mit sozialpolitischem Akzent nicht
von juristischer Seite erbracht: Der Kultursoziologe Max
Weber hat mit seiner Gesamtschau von �Wirtschaft und
Gesellschaft"2) auch des antiken Rom die Voraussetzungen
des Rechtslebens in meisterhafter Weise darzustellen ver�
mocht. Vor allein aber ist Robert von P�hhnann mit
seiner �Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus
in der antiken Welt"3) ein in seiner Art bisher un�ber�
troffenes Werk gelungen, obwohl manche Deutung antiker
Institutionen umstritten bleiben mu�.
Von juristischer Seite geb�hrt zwei �sterreichern das
') Grundri� der Sozial�konomik 3, 1922, S. 3S6 ff.
*) 3. Aufl., 1925.
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