Full text: Das Recht der Arbeit - Heft 37 (37)

DAS
RECHT
DER
ARBEIT
MIT BEILAGE: ENTSCHEIDUNGEN
DES OBERLANDESGERICHTES WIEN
IN SOZIALVERSICHERUNGSSACHEN
9. JAHR / Nr. 3 JUNI 1959 37. HEFT
EMIL KLAUDINGER (Wien):
Neuordnung der gewerblichen Berufsausbildung
in Österreich
Einleitung
Die gewerbliche Berufsausbildung erfolgt in Öster¬
reich überwiegend durch die Lehre: Es stehen nämlich
153.600 Lehrlinge nur ca. 40.000 Schülern berufsbilden¬
der Schulen gegenüber; die Relation beträgt also nahe¬
zu 4 : 1.
Das Lehrlingswesen findet seine gesetzliche Rege¬
lung vorwiegend in der österr. Gewerbeordnung aus dem
Jahre 1859 (GewO); daneben bestehen zahlreiche andere
Rechtsvorschriften.
Die gewerberechtlichen Bestimmungen über das
Lehrlingswesen, die teilweise den ehemaligen Zunftord¬
nungen entnommen wurden, entsprechen vielfach nicht
mehr den Erfordernissen der heutigen Zeit und sind
darum rechtspolitisch unanwendbar. Wiederholt vorge¬
nommene Novellierungen änderten nichts an dieser
Tatsache und führten mit den nach dem Jahre 1938 im
Zuge der Rechtsangleichung an die reichsdeutschen Be¬
stimmungen ergangenen „Erlässen", „Richtlinien" und
„Anordnungen" auf dem Gebiete des Lehrlingswesens
zu einer beträchtlichen Unübersichtlichkeit und Rechts¬
unsicherheit.
In den nachfolgenden Ausführungen wird der Ver¬
such unternommen, einen Weg aufzuzeigen, der diese
Rechtsunsicherheit ausschaltet, die Ausbildung des Fach¬
arbeiternachwuchses der technischen und wirtschaft¬
lichen Entwicklung anpaßt und das Mitbestimmungs¬
recht der Arbeitnehmerschaft bei der Führung des
Lehrlingswesens sichert.
Verbindung des Lehrlingswesens mit der Gewerbe¬
ordnung
Die Verbindung des Lehrlingswesens mit den Be¬
stimmungen der Gewerbeordnung mag zur Zeit des
Zunftwesens sinnvoll gewesen sein. Damals sorgte das
Handwerk zur Gänze für die Heranbildung des gewerb¬
lichen Nachwuchses. Heutzutage bestehen neben den
Handwerksbetrieben auch andere Ausbildungsstätten für
den gewerblichen Berufsnachwuchs.
Ferner errichtet heute — im Gegensatz zu früheren
Zeiten — nur ein verschwindend kleiner Teil, der die
Meisterlehre absolvierten unselbständigen Personen spä¬
ter einen eigenen Betrieb; vielfach nur Meisterkinder
oder Gesellen jener Gewerbe, bei welchen die Kosten
für die Anschaffung von Maschinen und Betriebsein¬
richtungen gering sind.
Die Lehrlingsbestimmungen der Gewerbeordnung
(§§ 97—105 a), „Das Gesetz, mit dem einige das Lehr¬
lingswesen betreffende gewerberechtliche Vorschriften
abgeändert und ergänzt werden", aus dem Jahre 19391)
und Art. XXXIII der Gewerberechtsnovelle 19522)
stehen aber im engen Zusammenhang mit den Vorschrif¬
ten über den Befähigungsnachweis zum Antritt eines
Gewerbes (§§ 13 ff. GewO).
Lehrlinge in Industriebetrieben
Neben der ursprünglichen Meisterlehre des Hand¬
werks entwickelte sich immer mehr und mehr auch die
Lehre in den Industriebetrieben. Holte sich der Indu¬
striebetrieb früher den notwendigen Facharbeiternach¬
wuchs aus dem Kreise der aus dem Handwerk hervor¬
gegangenen Gesellen, so bilden heute viele Industrie¬
betriebe ihren Nachwuchs in eigenen Lehrecken oder
Lehrwerkstätten selbst aus. Der Statistik der Bundes¬
kammer der gewerblichen Wirtschaft ist zu entnehmen,
daß in Österreich am 31. 12. 1958 10.544 Lehr¬
linge ihre Ausbildung in 150 Lehrwerkstätten außerhalb
des Handwerks erhalten. Die verstaatlichten österrei¬
chischen Stahlwerke in Linz (VÖEST) betreuen bei¬
spielsweise allein 539 Lehrlinge in ihren Lehrwerk¬
stätten.
Unzureichende gesetzliche Regelung
In Ermangelung einer Aufdingstelle für Industrie¬
lehrlinge wurden deren Lehrverträge seinerzeit bei den
Gemeinden (in Wien bei den Magistratischen Bezirks-
») GBl. f. d. L. ö. Nr. 302/1939.
') BGBl. Nr. 179/1952.
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