Full text: Beschäftigungspolitik (72)

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IV. ARBEITSZEIT UND BESCHÄFfIGUNG
1. Zusammenhänge zwischen Arbeitszeitgestaltung und
BeschAftlgungspolltlk: Möglichkeiten und Grenzen
Hohe und von Zyklus zu Zyklus wachsende Arbeitslosigkeit hat in Europa
und auch in Österreich eine intensive Diskussion um die Frage entstehen las-
sen, ob und inwieweit durch den Einsatz arbeitszeitpolitischer Instrumente ei-
ne Verbesserung der Situation zu erzielen wäre. Anders als in ftilheren Episo-
den sich verschlechternder Arbeitsmarktbedingungen stehen dabei nicht nur
Verkürzungen der (Wochen- )Arbeitszeit oder längere Urlaubszeiten, sondern
auch verschiedene Formen der Arbeitszeitflexibilisierung im Mittelpunkt der
Diskussion, wobei gelegentlich allerdings auch die Kombination solcher
Schritte mit allgemeinen Arbeitszeitverkürzungsmaßnahmen als besonders er-
folgversprechend dargestellt wird.
Im folgenden soll abstrakt - bzw. an prototypischen Beispielen der Frage
nachgegangen werden, ob und in welchem Umfang beschäftigungspolitische
Hoffnungen in eine andere Arbeitszeitpolitik berechtigt sind.
1.1. Entkoppelung von Betriebszeiten und Arbeitszeiten
Theoretisch könnte bei einer fix gegebenen physischen Anzahl von "Ar-
beitsplätzen" die Beschäftigung entweder durch Verkürzung der Normalar-
beitszeit oder Ausweitung der Betriebszeit erhöht werden. (Dabei bleiben we-
sentliche Faktoren wie unterschiedliche Qualifikation und regionale Verteilung
von Arbeitsplätzen und Arbeitskräften ausgeklammert.) Im folgenden sollen
modellhaft unter Annahme eines geschlossenen Wirtschaftssystems die denk·
baren kurzfristigen und lokalen Effekte einer Ausweitung der Betriebszeit am
Beispiel des Arbeitszeitmodells in einer Pkw-Fabrik dargestellt werden.
Angenommen, die wöchentliche Betriebszeit beträgt 99 Stunden, Montag
bis Freitag werden je 2, am Samstag 1 Schicht gefahren, und jeder Beschäftig-
te hat in einem rollierenden Schichtsystem während eines Zeitraumes von
3 Wochen 11 Arbeitstage zu je 9 Stunden - im Wochendurchschnitt somit
33 Stunden - zu leisten. Um auf die kollektivvertraglich vereinbarte Arbeits-
zeit von 36 Stunden zu kommen, werden variable Ausgleichsschichten nach
betrieblichem Bedarf erbracht. Im Schnitt wird ein physischer Arbeitsplatz von
2,75 Personen "besetzt". Würde eine zusätzliche Samstagsschicht eingeführt
(die Betriebszeit erhöht sich auf 108 Stunden), könnte der Beschäftigtenstand
- rein rechnerisch - um etwa 9% ausgeweitet werden; dazu käme - könnte die
Produktion im gleichen Ausmaß ausgeweitet werden - eine Erhöhung der
Kapitalproduktivität in gleicher Höhe.
Auf unvollkommenen Wettbewerbsmärkten ist allerdings die mengenmäßi-
ge Marktnachfrage kurzfristig - bei von den Firmen gesetzten Preisen - gege-
ben. Wenn der Autohersteller die Preise für seine Autos - trotz höherer Kapi-
talproduktivität im beschriebenen Werk - nicht senkt, kann er die höhere Kapi-
talproduktivität in diesem Werk nur nutzen, wenn andernorts ein weniger pro-
        

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