Full text: Beschäftigungspolitik (72)

- daß Teilzeitbeschäftigung für Frauen und Männer auch im mittleren und
höher qualifizierten Bereich angeboten wird (hier kann durch Teilzeitar-
beit eher ein existenzsicherndes Einkommen erzielt werden als im Nied-
riglohnbereich. Teilzeitarbeit als bloßer, nicht existenzsichernder Ne-
benverdienst soll damit freilich nicht ausgeschlossen werden);
- daß gewährleistet ist, daß Möglichkeiten zu Aufstieg und individueller
Lautbahnplanung gegeben sind;
daß ein Wechsel von Vollzeit auf Teilzeit und umgekehrt möglich ist
(hier ist der Aufholbedarf im öffentlichen Dienst besonders groß);
- daß ein breites Spektrum an Wahlmöglichkeiten (von täglicher Verkür-
zung über wöchentliche oder monatliche bis zu jährlichen Freizeitblök-
ken) individuellen Spielraum bietet.
In den Niederlanden beispielsweise stieg die Teilzeitquote von 5,9% im
Jahre 1973 auf 37,4% 1995, was den höchsten Wert innerhalb der EU bedeu-
tet. Die Initiative zur verstärkten Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen kam
von Gewerkschaften, Arbeitgebern und der Regierung. Mittlerweile hat Teil-
zeitarbeit breite gesellschaftliche Akzeptanz gefunden. Da die Zunahme der
Teilzeitarbeitsplätze einen Beitrag zur Anhebung der Erwerbsquote und zur
Senkung der Arbeitslosenquote leistete, erscheint eine nähere Untersuchung
der Bedingungen, unter denen diese Entwicklung stattfand, sowie der Qualität
der geschaffenen Arbeitsplätze angezeigt. Dies könnte auch eine weiterfUh-
rende Aufgabe für den Beirat ftlr Wirtschafts- und Sozialfragen darstellen.
Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Modellen (z. B. Vorruhestand mit
ErsatzeinsteIlung in Deutschland) und Überlegungen, wie eine Verbindung
von Teilzeitarbeit mit Teilleistungen aus Systemen der Sozialen Sicherheit
hergestellt werden kann. Unter beschäftigungspolitischen Aspekten wären die
Vor- und Nachteile solcher Modelle näher zu untersuchen, wobei darauf zu
achten ist, daß es über diesen Weg zu keiner verdeckten Lohnsubvention aus
öffentlichen Mitteln kommt. Eine spezielle Form einer derartigen Teilzeitar-
beit ist die Gleitpension. In Österreich besteht diese Möglichkeit, wird aber nur
in geringem Ausmaß in Anspruch genommen, was wohl auch in Zusammen-
hang mit dem derzeitigen realen Pensionsantrittsalter zu sehen ist. Auch dieses
ModeIl ist daher neu zu überdenken.
3. Arbeitszeit und Beschäftigung in der Industrie
Ab Beginn bis Mitte der achtziger Jahre begannen die Unternehmungen
sowohl im Investitionsguterbereich als auch im Konsumgüterbereich unterein-
ander ihr Bestell- und Auftragsvergabeverhalten zu ändern, nämlich weg von
der klassischen Auftragsabwicklung in Form von längerfristig eingeteilten
Zug-um-Zug-Geschäften hin zum ,just-in-time"-System. Seither steht zwangs-
läufig die generelle Diskussion um flexible Arbeitszeiten auf der Tagesord-
nung wirtschaftspolitischer Themen.
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