Full text: Beschäftigungspolitik (72)

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Der Wunsch der Arbeitgeber nach flexibleren Arbeitszeiten beruhte auf
mehreren Faktoren, vor allem der Notwendigkeit, die Produktion den Auf-
tragsschwankungen infolge präziser Kundenforderungen an den jeweiligen
Liefertermin und des Bemühens, die Kosten von Logistik und Lagerhaltung zu
senken, anzupassen; der Senkung der Arbeitskosten vor dem Hintergrund der
zunehmenden Globalisierung der Wirtschaft; und der Erzielung höherer Kapi~
talrenditen.
Aufgrund der hohen Vemetzung der österreich ischen Industrie mit der
ausländischen Wirtschaft wurde der in Deutschland 1984/85 nach Streiks
mühsam gefundene gesellschaftspolitische Komprorniß "Arbeitszeitverkür~
zung gegen Arbeitszeitflexibilisierung" noch 1985 nach Österreich exportiert,
und zwar zu einem Zeitpunkt, als die in Österreich Vorbildwirkung inneha-
benden Kollektivvertragsverhandlungen der Arbeiter tUr den industriellen Ei-
sen- und Metallsektor sich diesen Herausforderungen unbedingt stellen muß-
ten. Das Ergebnis war neben einer normalen Kollektivvertragsrunde mit Ist-
und KV-Gehalts-/Lohnabschluß eine einmalige Arbeitszeitverkürzung - ohne
weiteren Zeitplan - mit Flexibilisierungsmöglichkeiten. Im Gegensatz zu
Deutschland kam es in Österreich zu keinen Arbeitsniederlegungen, die Kol-
lektivvertragspartner lösten die Fragen der zeitgemäßen Arbeitszeitgestaltung
ohne Schiedsrichter von außen gemeinsam.
Als Flexibilisierungssysteme tUr Arbeiter und Angestellte wurden dabei vor
allem zwei Modelle vereinbart:
1. Beibehaltung der Betriebslaufzeit bei gleichzeitiger Verkürzung von 40
auf38,5 Stunden pro Woche, was ca. 10 ganze freie Tage entstehen läßt,
wenn ein Jahr als Berechnungsbasis gewählt wird.
2. Wöchentlich unterschiedliche Normalarbeitszeit mit einer Bandbreite
von 37 bis 40 Stunden in verschiedenen Durchrechnungsspannen.
Die hohe Akzeptanz des Metallerabschlusses 1985, der auch der Sozial-
partnerschaft zusätzlich neue Qualität verlieh, machte ihn der Form wie dem
Inhalt nach zum Vorbild tUr die meisten Branchen. Als Formerfordemis war
etwa im Bandbreitenmodell tUr Durchrechnungszeiträume bis zu 52 Wochen
die Zustimmung der Kollektivvertragspartner vorgesehen. Alle Beteiligten ha-
ben bald erkannt, daß die betriebsintemen Partner viel Verantwortungsbe-
wußtsein und Flexibilität bei der Findung fIrmenspezifIscher Lösungen zeig-
ten. So wurde in der Folge bei anderen Kollektivverträgen auf diesen Zustim-
mungs- und Kontrollmechanismus zugunsten eines vereinfachten Einspruchs-
rechtes bei Kollektivvertragsüberschreitungen verzichtet.
Zu Beginn der neunziger Jahre erreichte die Flexibilisierungsdiskussion ei-
ne neue Dimension, als nach dem Fall des Kommunismus die industrielle
Wiederentdeckung Oste uropas begann. Das sofort auf dem Markt spürbare
Lohn-Preis-Gefälle zwischen den westlichen Industriestaaten und den Re-
form staaten machte Österreich seine Exponiertheit als Wirtschaftsstandort aufs
neue - oft schmerzlich - bewußt.
Der Abwanderung klassischer Wirtschaftszweige nach Osten müssen vor-
rangig die Kriterien Innovation, hoher technischer Standard, Qualität, hohe
        

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