Full text: Beschäftigungspolitik (72)

und "aktive Arbeitsmarktpo/itik "). Die Anreizstruktur des Leistungssy-
stems bei Arbeitslosigkeit kann dabei insofern unterstützend genutzt
werden, indem die Leistungsgewährung stärker konditional gehandhabt
wird.
Arbeitslosigkeit im Reallokationsprozeß: Technologischer Wandel, Än-
derungen der Nachfragestrukturen und die tendenzielle Globalisierung
wirtschaftlicher Aktivitäten lösen auch im Beschäftigungssystem be-
ständige Reallokationsprozesse aus. Die EU-Integration und die Ostöff-
nung werden das Tempo des wirtschaftlichen Strukturwandels und damit
das Ausmaß an Arbeitsplatzumschichtungen von schrumpfenden zu ex·
pandierenden Betrieben in den nächsten Jahren weiter beschleunigen.
Per Saldo wird dieser Prozeß nach allen Erfahrungen mit insgesamt
mehr Arbeitsplätzen verbunden sein, aber die Arbeitskräfte, die in den
negativ betroffenen Unternehmungen bzw. Sektoren keine Beschäfti-
gung mehr fmden, werden nicht quasi automatisch die Arbeitsplätze in
den expandierenden Wirtschaftsbereichen einnehmen können, da diese
in der Regel andere Tätigkeitsprofile und Qualifikationsanforderungen
aufweisen werden. Dies bedeutet, daß sich die Profildiskrepanzen zwi-
schen Arbeitsplatzverlierern und offenen Stellen erhöhen könnten, was
wiederum auf die Bedeutung erhöhter (Re- )Qualifikationsanstrengungen
hinweist. (weiteres siehe Kapitel" Qualifizierung")
s. Lohnbildung und Arbeitskosten
Die gravierenden Arbeitsmarktprobleme, mit denen sich die meisten west-
europäischen Industriestaaten seit nunmehr zwei Jahrzehnten konfrontiert se·
hen, rUcken auch die Charakteristika der Lohnbildungsprozesse in das Zen-
trum kontinuierlicher Aufmerksamkeit. Denn die Flexibilität, mit der die Real-
lohnentwicklung in einer Ökonomie auf externe oder interne Angebotsschocks
reagiert, bildet eine essentielle Determinante der makroökonomischen Perfor-
manz einer Volkswirtschaft. Dies gilt umso mehr rur eine kleine offene
Volkswirtschaft wie Österreich, wo unter den Bedingungen einer Hartwäh.
rungspolitik die Aufrechterhaltung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit
im wesentlichen über die Lohnstückkostenentwicklung abgesichert werden
muß. Die Voraussetzungen dazu waren und sind in Österreich durch die er·
folgreiche konsensuale Einkommenspolitik der Sozialpartner gegeben.
Die Lohnkostenentwicklung verdient indes nicht nur unter dem Aspekt der
Wettbewerbsposition große Aufmerksamkeit. Die ökonomische Theorie weist
darauf hin, daß die Faktoreinsatzverhältnisse langfristig von den relativen
Faktorpreisen abhängig sind. Relative Verteuerungen des Faktors Arbeit im
Verhältnis zu anderen Produktionsfaktoren induzieren daher Substitutionspro-
zesse, die die Kapitalintensität (oder auch Energieintensität) der Produktion
ceteris paribus erhöhen. Derartige Prozesse des "capilal deepening" sind zwar
unbedenklich, solange Vollbeschäftigung herrscht, angesichts fast endemisch
anmutender Arbeitslosigkeit in Europa müssen sie aber wohl als problematisch
beurteilt werden.
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