Full text: Der Betriebsrat - 1921-22 Heft 24 (24)

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phon 15124 « Pestssarkasse 170.35S
Administration und Expedition: Wlenf,
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ilhrtidi 240 Kranen, halbjährlich
191 Kranen, Einialnummer 20 Krone»'
Wien, 14. Februar 1922 Nummer 24
Inhalt: Bearatenibbau und Verwaltungsreform— Der Weltgläubiger — Arbeiter und Bauer —Volkswirtschaft:
Das Problem derArbeit — S o z i a i p o I i t i k: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den Monaten Dezember und Jänner — ü e w c r k-
s c h a f t Ii c h e s: Grundsätzliches zum gewerkschaftlichen Kampf (II) — Tech nikund Wir tschaft: Das Taylor-System
(XIX) — Betriebsrätliche Praxis: Die Kruppsche Arbeiteraktie im Urteil des Betriebsrates — Arbeiterrecht:
Erläuterungen zum Lehrvertrag — Bildung und Erziehung: Betriebsräte-Instruktorenschule der Linzer Arbeiter-
kammer — A r b e i t e r k a m in e r n : Zur Frage der Wohnbausteuer — Lohnsätze in Wien Ende Jänner 1922 — Bücher-
schau: Neue sozialwissenschaftliche Literatur — Eingelaufene Bücher
Beamtenabbau und I/erwaStungsreform
Selten wurde über eine wirtschaftliche Frage in
Österreich so einmütig geurteilt wie über die Notwen¬
digkeit des Beamtenabbaues. Sowohl die Überlegung,
daß die Wiener staatlichen Zentralstellen durch den
Zerfall des alten Österreich, für dessen Verwaltungs-
bedürfnisse sie eingerichtet waren, für das heutige
Österreich mit Beamten etwas zu reichlich besetzt
sein dürften, als auch der tägliche Anschauungsunter¬
richt über die Folgen einer an der eigenen Dickleibig¬
keit erstickenden bürokratischen Verwaltung haben
die Erkenntnis des Übels in allen Bevölkerungs¬
schichten wachgerufen. Dem sozialdemokratischen
Finanzplan blieb es aber vorbehalten, die Frage des
Beamtenubbaues in den Rahmen der gesamten Sa¬
nierungsmaßnahmen einzugliedern und so den bis¬
herigen, oft recht unliebsam unsachlichen Diskus¬
sionen den richtigen Weg zu weisen.
Wir erinnern uns, daß der Abbau des Beamten¬
standes neben dem Abbau der Lebensmittelzuschüsse
im Gürtlerschen Aktionsplan die hervorragendste
Rolle gespielt hat, und darum fragt sich heute die
Öffentlichkeit mit Recht, was denn aus dem mit
großem Elan in die Welt posaunten Plane geworden
ist und was in der verhältnismäßig langen Zeit des
unter" den Auspizien des Abbaues ins Leben getre¬
tenen Regimes Gürtler-Rosenberg zur Lösung der
Frage unternommen wurde.
Ganz tatenlos blieb die Regierung allerdings
nicht. Denn sie ließ einen Gesetzentwurf herstelleu,
den sie sogar im Hause einbrachte. Doch zog sie ihn
bald wieder zurück, da sie sich scheute, ihn dein
Lichte der öffentlichen Kritik auszusetzen.. Sie tat gut
daran, denn es dürften in der Geschichte der Gesetz¬
gebung nicht allzu viele Versuche mit so untauglichen
Mitteln unternommen worden sein wie in diesem
Falle.
Vor allem krankte der Entwurf an seinem
Grundgedanken. Er basierte nämlich auf dem Prinzip
der mechanischen S t e 11 e n v e r m i n d e-
rung und wollte sein Ziel dadurch erreichen, daß er
die erste freiwerdende systemisierte Stelle gar
nicht, die zweite nicht durch einen gleichwertigen,
sondern einen H il f s d n s t p o s t e h, und erst
die dritte wieder durch einen Posfen gleicher Qualität
besetzen wollte. Auf diese Art, meinte der Verfasser,
werde in einiger Zeit der Gesamtstand der Bundes¬
beamten — mit Ausnahme der leitenden, denn diese
waren von jener Behandlungsart ausgenommen —
auf ein Viertel des Gesamtstandes reduziert werden.
Abgesehen davon, daß ein solcher Modus den
Widerstand der zurückbleibenden Beamten¬
schaft, auf deren Rücken durch die Behinderung
beinahe jeglicher Vorrückung der „Abbau" aus¬
getragen werden sollte, hervorrufen mußte, trug der
Entwurf der Tatsache, daß man jedes Rezept der
Natur des Patienten anpassen muß und man nicht
jedes Ressort, jedes Amt ganz gleich dem anderen
behandeln darf, durchaus keine Rechnung. Denn wie
sähe es wohl aus, wenn man irgendwo, wo kein Be¬
amtenüberfluß, im Gegenteil. B e a m t e n m a u g e-l
herrscht, zum Beispiel im Steuer- o.ier im Justiz¬
dienst, eine derartige mechanische Minderung vor¬
nehmen würde? Und kann man wirklich einen zu¬
friedenstellenden Abbauetitwurf herstellen, wenn man
bloß von der Annahme ausgeht, daß einfach um
75 Prozent zuviel Beamte vorhanden sind?
Es ist nun einmal eine- vom Verfasser des Ent¬
wurfes zwar übersehene, aber dennoch bestehende
Tatsache, daß in der Praxis der einzelnen Ämter,
so paradox es klingen mag, kein Beamtenüber¬
fluß vorhanden ist, sondern daß fast überall
empfindlicher Mangel an Arbeitskräften
herrscht und daß in den weitaus meisten Ressorts
mit Überstunden gearbeitet werden muß, um
die Fülle des Materials zu bezwingen. Es müßte sich
daher nach einem mechanischen Abstrich von der
Zahl der Beamten die Folge ergeben, daß für jede
scheidende Kraft zumindest eine Erstzkraft auf¬
genommen werden müßte, so daß der Staat außer
den Lasten der Abfertigungen und Pensionen noch
die' Kosten der Ersatzkräfte zu tragen hätte.
Das Übel liegt also primär nicht im Beamten*
Überfluß. Es liegt vielmehr in der unheimlichen Fülle
von Arbeit und in der Unzahl von Ämtern, mit einem
Worte in der Verwaltung. Sonach ist jeder Ver>
such einer Sanierung, der die Wucherung unserej
staatlichen Lebens nicht an den Wurzeln faßt, vck
lorene Liebesmüh',
        

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