Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 08 (08)

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.Jahrgang Wien, 4. Juli 1922 Cammer
Organ der Gewerkschaftskommission
DeutschösterrelchsfUrdiefreigowark-
schiftlich organisierten Betriebsräte
lind Vertrauensmänner und für die
Beisitzer der EinigungsSmtar und
wviwvin Gewerbegerichte wm»««
Mitteilungsblatt der Kammern für
Vi Arbeiter und Angestellte «nw
Herausgeber: Anton Hueber * Schrift*
ieltang: Ed. Straas und Dr.]. Hannak
Adresse: Wien I, Eber.dorfersträOa 1
Telephon 15124 vi Postsparkasj#
170.355 vi Administration und Expe¬
dition: Wien I, Ebaniiorfers'raDa 1
Bezugspreis: halbjährlich 1000 Kranea
vi Einzelnummer S9 Kron°n
Inhalt
Eduard Straas: Betriebsrätefragen auf dem Leipziger
Gewerkschaftskongreß.
'J. Hannak: Wirtschaftliche Rettungspläne.
Käthe Pick-Leichter: Irrwege der Handespolitik.
(Volkswirtschaft. Benedikt Kautsky: Der Mehrwert.
Sozialpolitik. Richard N e u d e c k—Jenny Adler: Uber
die Gefahren bei der Ausführung von Bauarbeiten.
Gewerkschaftliche«. Heinrich Holek: Der wirkliche Unter¬
schied.
Lehrlings- und Gehilfeuwesen. Karl Metsehl: Der zünft-
lerlsche Zwangsunsinn.
_Technik und Wirtschaft. Alois Berger (Knittelfeld): Das
Taylor-System (XXV).
Arbaiterrecüt. Richard Fränkel: Verkürzte Arbeitszeit,
Teuerungszulage und Urlaubsentgelt. — Literatur über
Arbeitsrecht.
Bildung und Erziehung. Gz. Engelbert Graf (Rutheshelm):
Gewerkschaftliche Schulungsarbelt.
Biicherschau. Otto Leichter: „Das friedlose Europa." —
Kar! Heinz: Der Sozialismus einst und jetzt. — Die
materialistische Geschichtsauffassung.
Betriebsrätefragen auf dem Leipziger
Gewerkschaftskongreß
Der Ende Juni in Leipzig abgehaltene elfte Kon¬
greß der Gewerkschaften Deutschlands hatte unter
den neun Punkten seiner Tagesordnung drei, welche
das besondere Interesse der Betriebsräte bean¬
spruchen müssen. Über die Betriebsräte- und die Ge-
werkschaftsorganisationsformen sowie die Methoden
jder Gewerkschaftsbewegung, dann über die Arbeits¬
gemeinschaften und Wirtschaftsräte wurde recht aus¬
führlich gesprochen und zu dieser^ Fragen in bedeu¬
tungsvollen Entschließungen Stellung genommen.
Die Art des Verhältnisses der Betriebsräte zu
den Gewerkschaften ist es vor allem, was über
Deutschlands Grenzen hinaus die Gewerkschafter
interessiert. Das Verhältnis der Betriebsräte zu den
Gewerkschaften steht aber in engem Zusammen¬
hang mit der Frage nach der Form der Organisation
Üer Gewerkschaften und kann nur gemeinsam mit
Idiesen gelöst werden. Eine lange Reihe von Anträgen
sind zu dieser Frage gestellt worden. Sie gehen fast
alle von der Auffassung aus, die bisherige Form der
reinen Berufsgewerkschaften entspreche den ge¬
änderten Zeitverhältnissen und den neuen Aufgaben
der Arbeiterbewegung nicht mehr. Zur Begründung
dieser Anschauung wird unter anderem angeführt!
die fortschreitende Zentralisation der Warenerzeu¬
gung in den industriellen Großbetrieben, die Ab¬
hängigkeit der Lohnhöhe von den allgemeinen und fast
überall gleichen Preisverhältnissen (Monopolpreise)
sowie die praktische Auswirkung des Betriebsräte¬
gesetzes, welches immer stärker die einzelnen Berufs¬
gruppen der Betriebe und Industrien zu gemeinsamen
Aktionen zusammenführt, wobei dann aber die fach¬
liche und rein berufliche Gliederung der Gewerk¬
schaftsorganisationen die Arbeiter eines Betriebes an
der bestmöglichen Ausnützung ihrer Aktionskraft
hindert. Viele Resolutionen forderten die sofortige
Umbildung der Berufsgewerkschaften zu Industrie¬
verbänden, unbekümmert um die Schwierigkeiten,
welche der Verwirklichung solcher auftauchender
Forderungen entgegenstehen. Andere Anträge waren
vorsichtiger gehalten und verlangten nur die Hin¬
setzung von Studien- und Arbeitskommissionen,
welche diese Frage durcharbeiten, die Abgrenzung
der Zuständigkeiten der einzelnen Industrieverbände
und die Zuteilung der Gewerbe zu denselben vor«
bereiten sollen.
Die Meinungen zu diesen Fragen waren auf dem
Kongreß sehr geteilt. Die erdrückende Fülle der vor¬
liegenden Anträge konnte der Kongreß nur dadurch
erledigen, daß er sich auf die von den Referenten
beantragten Entschließungen einigte und sie mit
überwältigender Majorität guthieß. In der Grund¬
frage, der Stellung der Betriebsräte zu den Gewerk¬
schaften, wurde von einigen Rednern die Gewerk¬
schaft in ihrer heutigen Form in den Vordergrund
gestellt und es wurden die Betriebsräte als deren
ausführende Organe gekennzeichnet. Andere Redner
aber wiesen den Betriebsräten eine Menge neuer, von
den bisherigen Aufgaben der Gewerkschaften ab¬
weichender Arbeiten zu. So wurde verlangt, die I5e-,
triebsräte sollten den Unterbau und die Glieder der,
Arbeitnehinervertretungen darstellen, die teils neben,
teils innerhalb der reichsdeutschon Wirtschafts¬
parlamente (Reichswirtschaftsrat und Bezirkswirt¬
schaftsräte) zu wirken "hätten. Freilich mußten jene
nur das Endziel im Auge behaltenden Anträge fallen
gelassen werden, da es dem Kongreß darum zu tun
war, den Wirtschaftsanfordeiungen der Gegenwart
in erster Linie gerecht zu werden. Es konnten also
jene Anträge nicht auf Verwirklichung rechnen,
welche die Durchführung der Planwirtschaft und der
Sozialisierung durch die Betriebsräte forderten. Es
klingt ja ganz schön und wäre wert, verwirklicht zu
werden, was zum Beispiel ein Antrag der Berliner.
        

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