Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 09 (09)

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DER BETRIEBSRAT
Vor allem schon die beiden Streitteile: Auf der
einen Seite die sozialdemokratische Gemeindeverwal¬
tung — also die ersten Vertrauensmänner des Wiener
Proletariats, alterprobte und bewährte Kämpfer um
die Rechte der Arbeiter nicht nur auf politischem
Gebiete, sondern auch auf jenem, das bei diesem
Streik, wie übrigens bei jedem anderen auch, im
Vordergrund des Interesses stand: auf dem des Ar¬
beitsvertrages. Demjenigen nun, der angesichts dieser
Erscheinung sich dreimal bekreuzt, da er in der
Naivheit seines Gemütes bisher glaubte, es sei in der
kapitalistischen Weit auch nur eine dauernde Aus¬
schaltung aller Meinungsverschiedenheiten auf dem
Gebiete des Arbeitsverhältnisses möglich, sei in aller
Gemütsruhe gesagt, daß diese Ausschaltung nie mög¬
lich sein wird, auch nicht dann, wenn auf beiden
Seiten Sozialdemokraten die Wortführer der beiden
Kampfparteien sind, solange die kapitalistische Wirt¬
schaft besteht und sonach die Nutznießung der
menschlichen Arbeitskraft nach kapitalistischen
Grundsätzen — auch von sozialistischen Verwaltern
— naturnotwendig erfolgen muß.
Allerdings haben alte Sozialdemokraten das
Recht zu fragen, ob diese in der kapitalistischen Welt
nicht wegdenkbaren Gegensätzlichkeiten zu einem so
ernsten Konflikt ausarten müssen, wie es der Straßen¬
bahnerstreik war, auch dann, wenn auf beiden Seiten
Sozialdemokraten stehen, von denen doch anzu¬
nehmen ist — oder zumindest anzunehmen sein sollte!
— daß beide das gleiche Interesse an einer möglichst
reibungslosen Erledigung des Konflikts haben.
Auf diese Frage kann die Antwort nur in einer
näheren Betrachtung der beiden Kampfparteien ge¬
funden werden. Auf der einen Seite — auf der der
Gemeindeverwaltung — in jahrzehntelangen Kämpfen
um die Rechte der Arbeiter, zur' Disziplin und zum
ausgeprägtesten Verantwortliclikeitsgefühl erzogene
Männer, die darum auch in diesem Konflikt in allem
bis an die Grenze des Möglichen gingen, soweit sie
glaubten, dies mit ihrem schweren Amte als Ver¬
walter der Gemeinde nur irgendwie in Einklang
bringen zu können — auf der anderen Seite eine ver¬
hältnismäßig junge Organisation, im eigentlichen
Wesen erst erstanden aus den Stürmen des Um¬
sturzes und der Revolution, deren Mitglieder zum
großen Teil deshalb auch von den Fehlern aller frisch
geworbenen Gewerkschaftsmitglieder noch nicht frei
sind, die vor allem darin gelegen sind, die Grenzen
der Macht der Organisation nie richtig beurteilen zu
können.
Kommt nun noch hinzu, daß die Wiener Straßen¬
bahner unter der bürgerlichen, will sagen: christlich¬
sozialen Gemeindeherrschaft immer ein Stück Politi-
kum darstellten und daß diese Partei noch immer
nicht von dem Irrwahn geheilt ist. es könne ihr noch
einmal gelingen, eine auch nur halbwegs nennens¬
werte christiichsoziale Arbeiterbewegung zu schaffen,
und ihr partim jeder Arbeiterkonflikt — um so mehr
also einer im Tätigkeitsgebiete der sozialdemokrati¬
schen Gemeindeverwaltung! — als gut genüg er¬
scheint, um dieser Fata Morgana nachzujagen, und
erinnert man sich weiters der vollkommen verant¬
wortungslosen Demagogie der kommunistischen
Partei, der es um so leichter gelingt, Augenblicks¬
erfolge zu erringen, je weniger durchgebildet eine
bestimmte Arbeitergruppe ist, also je jünger ihre ge¬
werkschaftliche Organisation ist. so wird man es
schon begreiflich finden, daß es dem holden Dreibund:
g e w e r k s c h a f 11 i c h - o r g a n i s a t o r i s c h e r
Rückständigkeit der Mehrheit der
Straßenbahner, christlich sozialem
M i t g 1 i e d e r f a n g und kommunistischer
Demagogie verhältnismäßig leicht gelang, die alt¬
bewährten Vertrauensmänner der Straßenbahner in
den Hintergrund zn drücken und an ihre Stelle Ele-
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mentezu setzen, die außer ihrem nicht anzweifele
baren guten Willen, den Interessen ihrer Mandatgeben
zu dienen, nichts mehr zur Versehung ihres schweren,
nicht nur Verantwortlichkeitsgefühl, sondern auch'
reiches soziales Wissen erfordernden Amtes mit«
brachten.
*
Als besonders charakteristisch für den Geist,
von dem dieser Streik getragen war, mag wohl die:
Behandlung des Organisations¬
problems erwähnt werden. Gewiß hat es aucK
schon früher Lohnbewegungen in den verschiedensten]
Berufen gegeben, wo die Mehrheit der daran inter-
, essierten Arbeiter mit den Ergebnissen der von deri
Organisationsleitung geführten Verhandlungen nicht
zufrieden war, und dementsprechende Beschlüsse,
die geignet waren, die mit den Verhandlungen Be¬
trauten zu desavouieren, gefaßt wurden. Jeder Ge-.
werkschaftsfiihrer wird aus seinen Erfahrungen, ins¬
besondere seit der Zeit der Unrast, die der Umsturz;
auf wirtschaftlichem Gebiete mit sich gebracht, Bei¬
träge zu diesem Kapitel gewerkschaftlicher Tätigkeit
beisteuern können. Immer jedoch, wenn es sich um
einen solchen Fall unter 'gewerkschaftlich gründlich'
vor- und durchgebildeten Arbeitern handelte, war es
die selbstverständliche Voraussetzung aller weiteren
Aktionen, daß der Organisationsleitung das Vertrauert
gewahrt blieb und sie den Auftrag erhielt, in neuer-,
liehen Verhandlungen einen den Anschauungen der
Mehrheit mehr entsprechenden Erfolg zu erzielen.
Nicht so in diesem Falle. Rasch fertig ist die
Jugend (auch die der Organisation) mit dem Wort!
Und frisch und froh, als handle es sich etwa um
irgendeine Kleinigkeit, bestand die erste Tätigkeit der;
mit den Ergebnissen der Verhandlungen nicht zufrie¬
denen Mehrheit der Bediensteten darin, ihre erprobte
Organisation, die sie aus der Rechtlosigkeit der vor¬
revolutionären Zeit zur heutigen sozialrechtlicheri
Höhe geführt, die für sie im Laufe einiger weniger,
Jahre aus dem Nichts Arbeitsrechte geschaffen, die
nicht im geringsten den gleichgearteten Rechten auf
höchster sozialer Stufe stehender Arbeiter nach¬
stehen, über Bord zu werfen und sich förmlich über
Nacht an deren Stelle eine ganz, neue Organisation
mit ganz neuen Männern —< mitten im Kampfe
stehend! — zu schaffen.
Natürlich zeugt dieses Tun von der größten kind¬
lichen Naivität und muß gänzlich wirkungslos bleiben.
Es war sicherliclrauch nicht so bös gemeint und sollte
nichts anderes 'als eine schöne, möglichst radikal aus¬
sehende Pose darstellen. Man erkennt daran den kom¬
munistischen Einschlag der Bewegung! Ist es aber;
nicht kennzeichnend füf den Mangel an gewerkschaft¬
licher Reife, der diese Bewegung,, sein Merkmal auf¬
drückte, daß die Streikenden glaubten, es sei wirk¬
lich geeignet, ihrer Sache zu dienen, wenn sie mitten
im Kampfe ihrer Organisation das weitere Vertrauen
entzogen, an deren Stelle ein ganz neues Verhand¬
lungskomitee setzten, um auch dieses wieder förmlich
über Nacht für vertrauensunwürdig zu erklären, da es
sich allmählich anschickte, den Weg der Vernunft zu
betreten?
Wäre die Sache, um die es sich bändelt, nicht
se bitter ernst und die beiderseitigen Interessen, die
bei diesem Konflikt auf dem Spiele standen, nicht so
schwerwiegende: man könnte wirklich lachen über
das naive Getue, welches sich da breitmachte und
mit dem die Streikenden, respektive deren Wort¬
führer ihrer Sache zu dienen glaubten.
So wenig wir auch geneigt sind, in diesem Zu¬
sammenhange die materiellen Forderungen, die diesen'
Kampf hervorgerufen, auf ihre Berechtigung zu
prüfen, und so sehr wir uns bemühen wollen, lediglich
nur einige der gewerkschaftlichen Probleme, die sich
io den Vordergrund der, . öffentlichen Biskuissiftn _
        

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