Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 13 (13)

DER BETRIEBSRAT 795
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einer wichtigeren Branche Folgeerscheinungen her¬
vorruft, welche tief in das Leben der Volkswirtschaft
und der Gesellschaft eingreifen und den Streik weit
über die bloße Angelegenheit einer einzelnen Branche
hinausheben, ihn vielleicht in einschneidender Weise
nicht mehr bloß wie früher die gewerkschaftlichen
Interessen der einzelnen Arbeiter und Arbeitsberufe,
sondern die volkswirtschaftlichen Interessen der Ge¬
samtheit der Arbeiterklasse berühren lassen. So wird
also nicht mehr allein die Kampfrüstung und Schlag¬
fertigkeit jeder Organisation, der innere Ausbau jeder
einzelnen Gewerkschaft zum brennenden Erfordernis
der Gesamtheit, sondern mehr wie je gilt heute auch
fiir uns der Grundsatz, daß die Taktik der einzelnen
Heersäulen unserer gewerkschaftlichen Armee abge-
stinftnt sein muß auf die Erfordernisse der Gesamt¬
heit. Jedes Losschlagen eines einzelnen Armeekorps
zieht unfehlbar die gesamte Armee in den Kampf und
jede Verstrickung in eine Niederlage gibt nicht nur
bereits Errungenes in der einen Branche preis, son¬
dern gefährdet die ganze soziale Machtstellung (Ter
'Arbeiterklasse.
Ein Streik ist also heute mehr denn je eine An¬
gelegenheit. die mit größter Besonnenheit erwogen
.werden muß und nicht nur Bedachtnahme auf die
finanzielle Leistungsfähigkeit der Gewerkschaft und
darüber hinaus auf die finanzielle Leistungsfähigkeit
der Arbeiterklasse überhaupt erfordert, sondern auch
die gründliche Berücksichtigung aller ökonomischen,
politischen und moralischen Folgen, die die Gesamt¬
heit auf sich zu nehmen hat und nur dann auf sich
nehmen wird, wenn eine gewerkschaftliche Aktion
wirklich von allgemeiner proletarischer
Tragweite ist. Die Solidarität, welche eine im
Kampfe mit dem Kapital stehende Berufsgruppe mit
'Recht von allen anderen Arbeiterschichten heischt,
dieselbe Solidarität dürfen auch alle anderen Arbeiter¬
schichten von dieser einen Berufsgruppe heischen.
Solidarität aller für einen, aber auch eines für alle,
Solidarität auch in dem anderen Sinne, daß eine ein¬
zelne Berufsgruppe nicht mit engherzigem Blick nur
den vermeintlichen eigenen Vorteil wahrnehme und
darob die Kollision (den Zusammenstoß) mit den Inter¬
essen der Gesamtheit übersehe, daß sie nicht einen
Kampf führe, der, wenn sie ihn auch für ihre persön¬
lichen Sonderinteressen für nutzbringend hält, ihr nie
und nimmer frommen kann, sobald er die Gesamt-
interessen in schwerwiegender Form verletzt. Ein
Streik zum Beispiel, der wider den wohlmeinenden
"Rat aller gewerkschaftlich in Betracht kommenden
Instanzen als „wilder" Streik geführt würde, in den
dazugehörigen wilden Formen mit fortwährend
wechselnden und sich gegenseitig stürzenden Streik¬
komitees oder ein Streik, der ohne Not und Zwang
gegen eine sozialistische Stadtverwaltung, gegen
Gemeinwirtschaften und lebenswichtige Betriebe vom
Zaun gehrochen würde, verletzte nicht allein die
primitivsten Grundsätze gewerkschaftlicher Taktik,
sondern noch mehr jenen Grundsatz der Solidarität,
den wir soeben mit herzerfreuender Einmütigkeit von
der arbeitenden Gesamtheit zugunsten der kämpfen¬
den Kollegen in der graphischen Branche zur An¬
wendung gebracht werden sahen. Wie die Buch¬
drucker, eben weil sie eine erfahrene, disziplinierte,
kampferprobte Gewerkschaft sind, in ihrer ruhmvollen
Geschichte niemals leichtfertig zur Waffe des Streiks
gegriffen haben, so haben sie sich auch diesmal, erst
als wirklich keine andere Wahl mehr blieb, zum
äußersten Mittel entschlossen. Und wie jede gerechte
Sache ihre Kraft in sich selbst trägt und der
Sympathie der breiten Massen gewiß ist, so haben
auch die Buchdrucker spontan (ganz von selbst) die
Popularität gefunden, die ihr gerechter Kampf: die
Abwehr der von der vereinigten Unternehmerschaft
in letzter t Linie gegen das ganze Proletariat ge¬
richteten Aushuneerungstendenzen .verdiente. Weit
der Kampf der Buchdrucker gerecht war und in Ein¬
klang mit den proletarischen Gesamtinteresen stand
— halfen doch die Buchdrucker durch ihren Kampf
mit, dem Anschlag auf den Index entgegenzutreten —
darum hat dieser Kampf, ganz anders wie kürzlich
ein anderer Streik, auch wirklich die Massen
hinter sich gehabt, hat er Erfolg gehabt und
die Begehrlichkeiten des Kapitals, das sich so viel
proletarischen Opfermutes und proletarische Soli¬
darität durchaus nicht versehen hatte, tapfer zurück¬
gewiesen.
Nicht das freilich ebenfalls ungemein wichtige,
nun so deutlich aufgetauchte gewerkschaftliche
Problem der Finanzierung künftiger Lohnkämpfe, der
Anpassung der gewerkschaftlichen Kampfmethoden an
die Wertbewegung des Geldes scheint uns das Vor¬
waltende, sondern der immer entschiedenere U ra¬
se h 1 ag jedes gewerkschaftlichen Lohn-
kampfes großen Stils in ein ein poli¬
tischen Machtkampf, die immer sichtbarere"
Verkettung der einzelnen Berufsinteressen mit der
Ökonomie als ganzer. Der öffentlich¬
rechtliche Charakter der Gewerk¬
schaften — gesehen aus der nationalen Wirt¬
schaft heraus — der ist es, der organisch aus der
Zeiten Schoß hervorwächst und uns vor unerhörte
neue Aufgaben stellt. Die neuen Aufgaben erweitern
das Kampf- und Arbeitsfeld der Gewerkschaften, sie
erhöhen auch ihre Verantwortlichkeit und lähmen in
diesem gesunden Sinne jeden falsch verstandenen
„Kadikalismus". Darum wollen wir gegenüber den
nach dieser Richtung zielenden gewissenlosen und
auch diesmal bestimmt nicht ausbleibenden Angriffen
der Kommunisten es mit den Worten halten, die Otto
Bauer schon nach dem Buchdruckerstreik 1914
im „Kampf" (VII. Jahrgang, Seite 246) ge¬
schrieben hat:
„Viele Gewerkschaften fürchten, der Eifer der
Arbeiterschaft für ihre Gewerkschaften werde er¬
kalten, wenn wir ihr sagen, wieviel schwerer als
früher der Kampf jetzt geworden ist. Wir halten
diese Befürchtung für unbegründet. Eine Arbeiter¬
schaft, die die neuen Kampfbedingungen nicht kennt,
wird zum Kampf drängen, wo der Kampf nur mit
einer Niederlage enden kann; sie wird gegen die
Organisation rebellieren, wenn die Vertrauensmänner
sie pflichtgemäß von hoffnungslosem Wagnis ab¬
halten wollen; sie wird die Vertrauensmänner mit
Vorwürfen überhäufen und an der Organisation ver¬
zweifeln, wenn der erwartete Erfolg nicht errungen
werden kann. Eine geschulte Arbeiterschaft dagegen
wird begreifen, daß wir Lohnkämpfe heute nicht
mehr so leichten Herzens wie früher wagen können.
Sie wird verstehen, warum wir uns heute so oft mit
kargen Erfolgen bescheiden müssen. Sie wird er¬
kennen, daß wir alle unseren Eifer für
die gewerkschaftliche Organisation
verdoppeln und verdreifachen müssen,
wenn die Arbeiterschaft nicht dem er¬
starkenden Kapital wehrlos erliege u.
s o 11." J. Hanna k
Wirtschaft, Horatio!
Schon während des Krieges hat der bekannte
deutsche Nationalökonom Lujo Brentano in einem
gedankenreichen Vortrag auf die furchtbaren Folgen
der handelspolitischen Feindseligkeiten hingewiesen,
die während des blutigen Völkerringens den Waren¬
austausch lahmlegten. Wenn schon in der normalen
Friedenswirtschaft, wo der ungestörte Fleiß von
Millionen schaffender Menschen den Nationalwohl¬
stand der einzelnen Länder zu einer erstaunlichen
Höhe gebracht hatte, die Verkehrshindernisse der;
kapitalistischen Zoll- und Absperrungspolitik die
Lebenshaltung der breiten Massen immer, wieder, jbe-
        

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