Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 18 (18)

266 DER BETRIEBSRAT
•Taditionellen Lager des Hochschutzes ins Lager des
Freihandels. Ihre wirtschaftlichen Interessenver¬
tretungen stellten sich mit aller Klarheit auf den
Stanupunkt: Keine Agrarzölle, aber auch keine
Industriezölle! Das war eine geschichtlich äußerst
bemerkenswerte Wandlung. Zwischen der agrari¬
schen Politik von 1876 bis Kriegsende und der agra¬
rischen Politik vom Frühjahr 1922 schien ein himmel¬
hoher Unterschied zu liegen, so daß es sich verlohnt,
mit ein paar Worten darauf einzugehen.
Auch die österreichische Agrarschutzzollperiode
datiert von dem Zeitpunkt der in den siebziger
Jahren beginnenden Überschwemmung des Welt¬
marktes m,t amerikanischem Ausiuhrgetreide. Der
Zirkel ist aann alsbald geschlossen: Agrarzölle ver¬
teuern die Lebenshaltung der industriellen Bevöl¬
kerung, verteuern damit also auch die Industrie-
Produkte und machen auch deren Schutz gegen die
Weltmarktkonkurrenz unentbehrlich. Die notwendige
Ergänzung der Agrarzölle sind Industriezöile und
ebenso umgekehrt. Die notwendige Ergänzung beider
zusammen aber ist der Zollkrieg, das gegenseitige
Sich-Überlizitieren der einzelnen Staaten, die sich
durch immer höhere Zollmauern voneinander ab¬
schließen, den inneren Markt durch Kartelle mono¬
polistisch beherrschen und auf dem Weltmarkt durch
ihre imperialistisch-militaristische Kolonialpolitik neue
Absatzsphären gewalttätig zu erobern trachten.
Diese doppelte Kriegspolitik: einerseits Kampf im
Inland gegen die durch das Karteünionopol ausge¬
beuteten, in immer heftigere soziale Gärung ge¬
ratenden besitzlosen Massen, anderseits Bedrohung
des Auslandes durch ständiges Säbelrasseln und
wahnsinnige militärische und maritime Rüstungen,
eine-solche doppelte Kriegspolitik: einerseits gegen
den gleichgearteten Militarismus des Auslandes,
anderseits gegen den Revolutionarismus des In¬
landes konnten sich natürlich nur die wirtschaftlich
und machtpolitisch stärksten Staaten leisten. Die
übrigen gerieten unter das Rad und waren eigentlich
nicht mehr Subjekte, sondern nur noch Objekte der
schließlich unvermeidlichen Kriegsanseinandersetzung.
Zu dieser zweiten Kategorie von Staaten gehörte
auch die österreichisch-ungarische Monarchie, die,
für eine wirklich aktive Kolonialpolitik zu impotent
und lebensschwach, nur deren bramarbasierenden
Formen schlampert nachlallte und in aller Unschuld
eines bösartig-idiotischen Kindes, das mit dem
Pulverfaß spielt, ohne zu wissen, was darin ist,
schließlich schuldig-unschuldig das Pulverfaß zum
fürchterlichen Weltkrieg entzündete. Solcher hohlen,
todgeweihten Ohnmacht war wirklich respektein¬
flößende Aggressivität oder Autorität der Welt gegen¬
über natürlich versagt, desto grimmiger suchte sie
sich an den Konsumenten des Inlandes auszutoben,
und so machte dieses Land unter dem Kommando der
T isza und Hohenbluni die Hochschutzzöllnerei
getreulich mit Die zu Hoffnungen berechtigende
österreichische Industrie, welche der ganzen Mon¬
archie wenigstens einen letzten Halt gegeben hätte,
wurde der ungarischen Junkerherrschaft und den
laar österreichischen Großgrundbesitzern ausgeliefert
ind die unübersteiglichen Agrarzollmauern gerade
regen die wichtigsten industriellen Absatzländer
Österreichs, wie zum Beispiel gegen Serbien, ge-
jogen. Dabei bedenke man noch, daß zu der agra¬
rischen Verteuerungspolitik schon deshalb gar keiner¬
lei volkswirtschaftlicher Anlaß bestand, weil die
inländische Agrarfrucht schon damals nicht aus¬
reichte, den Inlandsmarkt zu befriedigen, dieser viel¬
mehr auf steigende Ouantitäten ausländischer Ein¬
fuhr angewiesen war. Man darf also wohl sagen, daß
das österreichische und ungarische Agrarjunkertum
der Totengräber der Monarchie gewesen ist.
Das haben wir ausgeführt, um den außerordent¬
liche:: Gesinnungswandel zu charakterisieren, der
sich in der Haltung der Agrarier zum heurigen ZoIU
entwurf Gürtlers vorzubereiten schien. Die Agrarier
schienen damals das Fazit ihrer falschen Vorkriegs¬
rechnung gezogen zu haben. Sie schienen erkennen
zu wollen, dal^das kleine, schwache Deutschöster¬
reich einen gar zu verengten Inlandsmarkt besitze,
den zu beherrschen es sich gar nicht verlohne,
schwere wirtschaftliche und politische Kämpfe zu
riskieren, die bei der heutigen großen Macht der Ar¬
beiterklasse ja nur geringe Gewähr auf halbwegs
erfolgreichen Abschluß böten. Die Agrarier schienen
einzusehen, daß eine argrarische Produktion von der¬
art bescheidenem Ausmaß, welches kaum ein Sechste!
des Jahresbedarfs unseres Volkes deckt, alle Ursache
hat, an eine Verbesserung und Verfeinerung ihrer
unmodernen, senilen Produktionsmethoden zu denken.
Die technische Umgestaltung des Produktionsappa¬
rates ist aber zu günstigen Bedingungen nur möglich
bei Beschaffung billiger Industrieartikel. Dies setzt
voraus: Verbilligung der Lebenshaltung der Masse»
und Verhinderung der Verteuerung der Industrie¬
produkte durch Industriezölle. So schien also der
Zirkel der agrarischen Politik sich jetzt in der umge¬
kehrten Richtung zu schließen: keine Agrar¬
zölle und infolgedessen auch keine In¬
dustriezölle!
Es bleibt eine der schwersten Verfehlungen
des für Österreich so unglückseligen Regimes Ssipel.
daß dieser Mann die agrarische Taktik wieder aus
ihrer richtigen Linie herausgebracht und in den
Agrariern neue Begehrlichkeiten geweckt hat, die
ihren Appetit auf doch nimmer zu erreichende Ziele
neu entfachten und sie in die längst ausgetretenen
Pfade öden, produkfionslähmenden Schutzzöllnertums
wie in der seligen Vorkriegszeit zurückkehren ließen.
Der Anschlag der Agrarier auf die Lebenshaltung
der breiten Volksmassen ist mißlungen. Hätte doch
sein Gelingen jede Hoffnung auf Regeneration der
österreichischen Volkswirtschaft erschlagen. Aber
nicht die Größe oder Kleinheit des Erfolges, den
die Agrarier für ihre engherzigen Absichten zu er¬
zielen vermochten, diinkt uns in diesem Zusammenhang
das Entscheidende, sondern die Kleinheit der Ge¬
sinnung, die ihrem Wesen nach heute eine geradezu
staatsverneinende ist und jedes Opfer ödes
Entgegenkommen der Stadtbevölkerung an die Land¬
bevölkerung von vornherein zu einem vergebliche«
stempelt. Deshalb können wir auch dem Genossen
Paul S z e n d e (vergleiche „Betriebsrat" Nr. 17)
darin nicht beistimmen, daß um den Preis großer
wirtschaftlicher und politischer Zugeständn'sse eine
Annäherung an das Bauerntum derzeit vielleicht er¬
reichbar wäre. Ein Partner, der vom andern als
Konzession den — Selbstmord verlangt, ist nicht ver-
handlnngsfäh'g Die Agrarier müssen den Weg zw
ihrer neuen zeitweiligen Frübjahrstaktik. die ja auch
ihrem wohlverstandenen ebenen Vorteil entsprach,
wieder zurückfinden, den Weg zum Grundsatz
des Freihandels. D:ese Taktik muß für sie mehr
werden als eine bloße Taktik, muß für sie ein B e-
k e n n t n i s werden. Mit einer modern orientierten
Bauernschaft wird sich die Arbeiterschaft schon aus¬
einanderzusetzen verstehen. Der Anfang muß von
drüben gemacht werden, dann sind auch wir zur Ver¬
ständigung bereit. _ J. H a n n a k.
Von der österreichischen Sozialer«
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(Schluß.)
Wir haben aber auch aus eigener Kraft manches
bewirkt. Und dies nicht erst seit dem Kriege. Wir
haben uns bemüht, aus der Krankenversicherung
etwas anderes zu machen, als jene Leute wollten, die
seinerzeit das Stammgesetz :scliaffer: haben. Damals
        

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