Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 18 (18)

DER BETRIEBSRAT 267
hat es sich daium gehandelt, dem Kranken eine mög¬
lichst geringe Unterstützung zukommen zu lassen,
eine ärztliche Behandlung und etliche Medikamente
zu sichern und um nichts mehr. Wir glaubten, die
Arbeiterschait düne sich damit nicht abspeisen lassen.
Schon vor 25 Jahren versuchten wir andere Einrich¬
tungen zu treuen. Wir haben Kekonvaleszentenhä.iser
geschafien und eine Entbindungsanstalt errichtet,
Röntgeninstitute, chemiscu-mikroskopiscne Institute
und zahntechnische Ambulatorien ins Leben geraten.
Auch Wohnpolitik wurde betrieben. Die erzielten
Resultate wären besser, wenn wir keinen Krieg ge¬
habt hätten. Wir haben jetzt auch die Lungenholl-
anstalt AKand übernommen, in der vorwiegend Ar¬
beiter und Arbeiterinnen Genesung suchen. Aber auch
auf dem Gebiet der Heilfürsorge haben wir bedeu¬
tende Erfolge erzielt, so durch die Entsendung von
Kranken nach Baden, Bad Hall, Karlsbad, Pistyan
und sonst'gen Kurorten. Was auf diesem Gebiete ge¬
leistet wurde, soll nur ein Anfang sein. Der Erfolg
konnte nur verzeichnet werden, indem mit den
Grundsätzen der Gesetzgeber gebrochen wurde. Wir
mußten weiter gehen, als das Gesetz erlaubt. Das
Gesetz hatte zuerst nicht gestattet, üas Kraukengeld
über die Dauer eines Jahres hinaus zu bezahlen. Wir
haben die Möglichkeit erlangt, die Unterstützuiigs-
dauer auf anderthalb Jahre festzusetzen, und damit
gewissermaßen auch lür invaiiue Sorge getragen.
Wir haben überall außerordentliche Unterstützungs¬
fonds geschaffen. Wer selbst nach anderthalb Jahren
der Hibe -zusammenbrechen sollte, der wird aus
diesem Fonds über Wasser gehalten. So haben wir
ein Stück Invalidenversicherung an uns gerissen. Der
Invalide ist bei uns besser aufgehoben als bei jenen,
die seiner spotten, wenn er Hil/e begehrt. Wir haben
noch einen anderen Zustand beseitigt, der früher in
cen Arbeiterkrankenkassen zu finden war und der
im Gedanken gipfelte, daß der Kranke, je länger er
krank ist, desto weniger bekommt Ganze Genera¬
tionen hatten sich mit diesem Gedanken abgefnnden.
Wir sind zum entgegengesetzten Standpunkt über¬
gegangen. Wir steigern mit der Dauer der Krankheit
die Krankenunterstützung, denn je länger jemand
krank ist, desto bedürftiger wird er. Ein Kranker
bekommt in der höchsten Klasse vom dritten Tag än
11.000 K, von der 5. bis 20. Woche 12.000 K, von der
21. bis 52. Woche 13.000 K und nach der 52. Woche
15.000 K tägliches Krankengeld. Hierin liegt ein Stück
Menschlichkeit. Es ist eine Anschauung zum Aus¬
druck gebracht, die wohl nicht mehr beseitigt werden
dürfte. So haben wir aus eigener Überlegung, ohne
auf die Gesetzgebung zu warten, manch Neues ge¬
schaffen.
Doch noch etwas Wichtiges ist zu besprechen.
Die Frage aller Fragen muß erörtert werden: die
Frage der Selbstverwaltung alier Krankenkassen.
Wir brauchen vor allem die von den v~rsicherten
selbst verwaltete E i n h e i t s k a s s e. Wie bei der
Unfallversicherung, so sind in verstärktem Maß bei
der Krankenkasse die Unternehmer in der Mitwir¬
kung an der Verwaltung überflüssig. Wir verlangen
E'nheitskassen für große Gebiete, wie Wien und Um¬
gebung. Wiener-Neustadt usw. Wir brauchen keine
Genossenschafts- und keine Vereinskassen mehr. Wir
haben mit der Zersplitterung die schlimmsten Erfah¬
rungen gemacht, die Leidtragenden waren dabei die
Kranken. Die Einheitskasse vermag die Verwaltung
zu bessern und die Einrichtungen gleichmäßiger zu
gestalten. Krankenkassen müssen Großbetriebe sein.
Ein Verschleppen dieser Angelegenheit dürfen wir
nicht länger dulden. Die Invalidenversicherung kann
nicht geschaffen werden ohne den Unterbau von
Einheitskassen. Das Leid der Invaliden ist groß, die
Witwen- und Waisenversorgung kann nicht hinaus-
eeschoben werden, hier können nicht Almosen ge¬
geben werden; die Invaliditäts- und Altersversiche¬
rung muß kommen. Wir brauchen keine Armenpdege.
wir wollen für die Arbeiter Rechtsansprüche. Mancher
Kampf des Augenblicks tritt an Bedeutung zurück
gegenüber der Forderung nach der Invaliden¬
versicherung.
Damit sind wir zur Besprechung eines Ver¬
sicherungszweiges gekommen, über den es uns an
Gcsetzesvorlagen nie gefehlt hat. Schon im Koerber-
schen Programm im Jahre 1905 war von dieser Ver¬
sicherung die Rede. Aus dem Jahre 1903 liegt ein
Entwurf der Regierung Beek vor. Beratungen, Er¬
hebungen und Enqueten hat es eine Menge gegeben.
Österreichs Bürokratie ist in der Lage, das Jubiläum
der 30jährigen Verschleppung dieser Angelegenheit
zu feiern. Sie braucht darauf nicht stolz zu sein. Un¬
endliche Not und namenloses Elend birgt sich hinter
dieser Haltung. Die Republik hat uns nunmehr eine
neue Vorlage gebracht. Sie ist mit Sachkenntnis ge¬
arbeitet und besser als alle früheren Vorlagen. Was
den Kreis der Versicherten betrifft, so sind alle Per¬
sonen, die Lohn oder Gehalt beziehen, einbezogen
worden. Hinsichtlich der Leistungen kann nicht ge¬
sagt werden, wie hoch diese sein sollen. Wer ver¬
möchte es angesichts der Valutaschwierigkeiten an¬
zugeben? Dickbauchige Zahlen wären nur Täuschun¬
gen. Wegen der Leistungen läßt sich also augenblick¬
lich keine Forderung aufstellen. Ohne Rücksicht auf
die Leistungen muß die Versicherung in Wirksamkeit
treten. Die Höhe der Leistungen ist überhaupt nicht
entscheidend. Die Vorlage enthält nur Ansätze zur
Witwenversicherung Sie will den Witwen an Stelle
einer Dauerrente eine einjährige Gewöhnungsrente
gehen. Invalide oder alte Witwen sollen eine Dauer¬
rente erhalten. Dei. gegenüber müssen wir verlangen,
daß mindestens die Witwen, die einen Haushalt
führen müssen, ebenfalls Dauerrenten erhalten. Von
dieser Fordet img können wir nicht abgehen.
Aber in noch einer Richtung befriedigt uns die
Vorlage nicht Die Selbstverwaltung ist darin schlecht
weggekommen. Wir brauchen sie auch bei der In¬
validenversicherung. Es sei nochmals gesagt: die
Unternehmer haben auch in der Invalidenversiche¬
rung nichts zu suchen. Das Geld, das sie einzahlen,
fließt aus den Betrieben und wird überwälzt auf die
Preise der Waren, wie die Löhne und die Beiträge
zu den Krankenkassen. Wozu also der mrßgebende
Einguß? Die Vorlage möge ungesäumt als Ausgangs¬
punkt zur grundsätzlichen Schaffung von Einheits¬
kassen benützt werden. Das ist unsere Forderung.
Ein Blick in das Gesetzblatt zeigt, we'ch label¬
hafte Arbeit die Gesetzgebungsmaschine leistet Bei
dem wichtigen Gegenstand der Versicherung aber
versagt die Maschine. Es ist der lebhafte Wunsch der
Arbeiterschaft die Irvnliditätsversicherung endlich
zu bekommen; er muß erfüllt weHen.
Leo V e r k a u f.
5 asili s Eo'&auötscfcsft j mmmmm s
Die Statistik im Diätste dar Ansiterbawagung
Im Verlag des „Betriebsrai es" ist
unter obigem Titel eine neue Broschüre
von Dr. Edmund P a 11 a, dem Ersten
Sekretär der Wier-er Arbeiterkanimer, er-
erscliisnen. Im nachstehenden bringen wit
den folgenden Abschnitt das Buches zum
Abdruck Die Redaktion.
Jeder Mensch hat von dem Zeitpunkt angefangen, in
den» er durch die Geburt in das Leben eintritt, mit ge¬
gebenen Verhältnissen zu rechnen» die von seiner eigene»
Willensäußerung unabhängig sind und doch? seine Zukunft
gewöhnlich in maßgebender Weise beeinfiusren. Er wird
als Bürger eines Staates mit festen Grenzen, bestimmten
ooIi tischen, wirtschaftlichen und soften Verhältnisse«
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.