Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 18 (18)

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geboren. Dieser Staat ist entweder Industrie- oder Agrar¬
staat. er ist schwach bevölkert, mit zahlreichen Arbeits-
gelogeniieiteri, oder er ist übervölkert und muß daher einert
Teil seines Bevöikerungsüberschusses an das Ausland ab¬
geben, er kann im wesentlichen die Bedürfnisse seiner
Bevölkerung: decken und noch einen Überschuß an einzelnen
Produkten abgeben, oder er ist mehr oder weniger auf die
Einfuhr ausländischer Waren angewiesen, der Wert seines
Geldes ist ein guter oder ein schlechter.
Der Neugeborene kommt entweder geistig oder kör¬
perlich gesund auf die Welt oder er ist mit Gebrechen be¬
ruftet, er entstammt entweder einer kinderreichen oder
kinderarniüii Familie, durch den Beruf und die wirtschaft¬
liche Stellung seiner Eltern wird er entweder von vorn¬
herein ein Mitglied der wohlhabenden Schichten der Be¬
völkerung oder er wird Proletarier.
Bei fortschreitender Entwicklung fühlt der einzelne
immer mehr, wie bedeutungslos im Getriebe der Allge¬
meinheit seine eigene Existenz ist und daß er bei allem
leinen Tun und Lassen fortwährend von Tatsachen beein¬
flußt wird, auf die er gar keinen Einfluß nehmen kann. Die
Art und das Ausmaß seiner Vorbildung wird gewöhnlich
von seinen Eltern und sonstigen Verwandten bestimmt,
leine Berufswahl wird in den meisten Fällen getrofien,
ohne daß seine wirklichen Kenntnisse und Neigungen aus¬
schlaggebend wären, sondern der Beruf der Eltern, die
Notwendigkeit, rasch zu verdienen, eine momentan sich
bietende günstige Gelegenheit auf dem Arbeitsmarkt und
.viele andere äußere Umstände geben seinem Leben die
entscheidende Wendung.
Steht er aber einmal im Erwerbsleben und hat er die
„von ihm so heiß herbeigesehnte Selbständigkeit erreicht,
so ist er erst recht äußeren Einflüssen unterworfen und
muß die größten Anstrengungen machen, um sich im
Kampfe um das Dasein zu behaupten. Das Entgelt, das er
für seine Arbeitniefstung erhält, wird nicht von ihm be¬
stimmt und regelt sich nicht nach seinen Bedürfnissen,
sondern die Bedingungen des Arbeitsvertrages werden
nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage diktiert. Sein
Arbeitgeber vermag gegenüber seinen Lohnansprüchen
die Behauptung geltend zu machen, daß er von der Lage
des Wirtschaftsmarktes, von der Preislage seiner Pro¬
dukte am Weltmarkt abhängig ist, und das schließlich
festgesetzte Entgelt stellt sich als Ergebnis eines Kampfes
zwischen den beiden großen Produktionsfaktoren des Wirt¬
schaftslebens, dem Kapital und der Arbeitskraft, dar. Von
Seinem Entgelt kann sich der Arbeiter zu verschiedenen
Zeiten verschieden viel kaufen, denn die Preise aller Pro¬
dukte und auch die der lebenswichtigen Bedarfsartikel
werden von zahlreichen wirtschaftlichen Momenten, von
Export und Import, von der politischen und wirtschaftlichen
Macht des Staates, von der Zoll- und Tarifpolitik usf. be¬
einflußt. Mühsam versucht der Arbeiter eine regelmäßige
Haushaltungsstatistik zu führen, um seine Ausgaben den
Einnahmen anpassen zu können, aber eine Teuerungswelle,
deren Ursachen er gar nicht zu überblicken vermag, macht
alle seine Berechnungen wieder zunichte.
Der Arbeiter heiratet; scheinbar ist wenigstens dieser
Entschluß ein vollkommen freier, und doch trifft dies nicht
ganz zu, denn er heiratet, weil er sich in dem ent¬
sprechenden Alter befindet, weil es andere auch tun und
weil er schließlich mit der Zeit gezwungen ist, einen Haus¬
halt zu führen, um nach des Tages Arbeit wenigstens
einigermaßen zur Ruhe kommen zu können.
Um seine Stellung im Kampfe ums Dasein zu stärken,
sucht der Arbeiter Anschluß an- Vereine und insbesondere
an Berufsorganisationen zu gewinnen, er entscheidet sich
durch die Wahlen für eine bestimmte politische
Richtung und nimmt auf diese Weise an den großen Ent¬
scheidungen teil, dfe in Staat, Land und Gemeinde von den
berufenen Körperschaften gefällt werden. Durch die kraft
gesetzlicher Bestimmung vor sich gehende Eingliederung
in die Sozialversicherung wird der Arbeiter wenigstens
einigermaßen vor der Verelendung durch Krankheit. Alter,
Invalidität und Arbeitslosigkeit geschützt. Der eine vermag
sich im Kampfe um das tägliche Brot zu behaupten, der
andere bricht unter dem Einfluß äußerer Ereignisse zu¬
sammen; Krankheiten seiner eigenen Person, seiner Frau
und seiner Kinder .jntergraben sfiine Existenz. Die Lebens¬
dauer des Arbeiters und seine Arbeitsfähigkeit hängen viel¬
fach mit dem Beruf zusammen, den er sich nur in den
6. itensten Fällen ii ?i gewählt hat und den er gewöhnlich
JBicht mehr zu wechseln vermag, auch wenn er dessen nn-
jgiiastiitß üißwjrkuat;_auf. seine. Gesundheit.„erkannt bat
Die Summe von äußeren Ereignissen, die das Leben
beherrschen, sind wir gewohnt unter dem Sammelbegriff
Schicksal zusammenzufassen, und doch ist der Platz, der,
jedem einzelnen im Rahmen der wirtschaftlichen und
sozialen Ordnung, zugewiesen wird, durch statistisch erfaß*
bare Tatsachen bedingt Deren Gestaltung und Tragweite
können wir nur erfassen, wenn wir in dieses ganz«
Getriebe von Erscheinungen und Beziehungen einen Ein¬
blick gewinnen; diesen vermittelt uns neben anderen
Quellen der Erkenntnis vor allem die Statistik auf den
verschiedensten Gebieten.
„Von der Wiege bis zur Bahre geleitet die Statistik
den modernen Menschen durch das Leben und getreulich
folgt ihm der Schatten, den er selbst und seine Werke
im schonungslosen Lichte der Zahlen werfen." *)
Die Statistik lehrt uns die Erscheinungen zahlen¬
mäßig zu beobachten und daraus unsere Schlüsse zu ziehen.
Natürlich wird diese Beobachtung von jedem einzelnen von
seinem Standpunkt aus vorgenommen und der eine zieht
aus dem Ergebnis seiner Forschungen diese, der andere
jene Lehre. Gleiche Beobachtungen führen zu gleichen
Schlußfolgerungen, so daß die Bildung von Gruppen und
Klassen, die wir auf anderen Gebieten feststellen können,
sich naturgemäß auch dann vollzieht, wenn es sich um die
Beurteilung und Verwertung statistischer Erhebungen
handelt. Um aber die Ereignisse des wirtschaftlichen und
sozialen Lebens überhaupt zahlenmäßig beobachten zu
können, müssen wir zunächst statistisch denken lernen und
wir müssen nicht nur unsere Beobachtungen festzustellen
verstehen und auswerten, sondern auch die der Gegen¬
seite; nur dann werden wir in der Lage sein, uns ein
richtiges Urteil zu bilden und mit Erfolg die eigenen Inter¬
essen zu vertreten, eventuell sogar mit Benützung der
Argumente der Gegner. Edmund Patin.
j Sozialpolitik |f^»|
Abbau
Auf Schritt und Tritt begegnet man jetzt diesem
Wort, welches für jeden Arbeiter und Angestellten Not und
Elend bedeuten kann. Ob sich wohl alle Unternehmer,
welche jetzt Entlassungen vornehmen, der Verantwortlich¬
keit bewußt sind und bei der Auswahl der betreffenden
Arbeiter oder Angestellten sich keiner schwarzen Liste
bedienen, sich nicht von persönlichen Eindrücken, vun
Zorn wegen irgendeines in der Aufregung bei Lohn«
differenzen etc. gefalleneu Wortes leiten lassen, sondern
einzig und allein von der Erwägung, wer es am leichtesten
ertragen könne?! Als Not an Lebensmitteln herrschte, hat
man diese rationiert, um zu verhindern, daß der eine gar
nichts, der andere alles im Überfluß erhält. Unter diesem
Gesichtspunkt sollte sich in der gegenwärtigen Krise, wo
Not an Arbeitsgelegenheit herrscht, auch der Abbau voll¬
ziehen. Wenn es auch nicht so einfach geht, wie bei den
Lebensmitteln, so könnte doch bei einigem guten Willen
so manche Familie vor der äußersten Not bewahrt werden.
Es gibt nämlich eine sehr große Zahl von Doppel¬
verdienern. eine große Zahl von Familien, wo Mann und
Frau ihrem Beruf nachgehen, wo noch erwachsene Kinder,
mitverdienen, und anderseits gibt es viele Familien, welche
nur einen einzigen Verdiener haben, und deren Existenz
von diesem einen Verdienst abhängt. Es ist nun ein großer
Unterschied, ob eine Entlassung eine solche Familie oder
eine Familie mit mehreren Verdienern trifft
Zweck dieser Zeilen ist es. die Kollegen Betriebs¬
räte darauf aufmerksam zu inachen, daß sie in dieser
Richtung ihren ganzen Einfluß beim Unternehmer geltend
machen, damit Entlassungen nur mit ihrer Beizieliung
durchgeführt werden. Ist ja das für den Unternehmer
selbst von Vorteil, weil durch die Vertrautheit der Be¬
triebsräte mit den einzelnen Familienverhältnissen eine
gerechtere Auswahl, soweit sich da überhaupt von Gerech¬
tigkeit reden läßt,-gewährleistet wird, was für den unge¬
störten Frieden des Betriebes ja nur von Vorteil ist. Es
muß auf diese Weise versucht werden, die vorhandene
Arbeitsgelegenheit auf die Familien, nicht auf das
Individuum zu verteilen.
Karl S i e g 1 (Betriebsrat).
*) Vgl. Schott: „Statistik ", San 'ung aus „Kitur und
L.Geistesweit", Verlag jeubner, Leipzig J9J.3,
        

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