Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 18 (18)

OER BETRIEBSRAT
Friedrich und des Österreichers Rudolf geschichtlich ein
viel tieferer, über das Zufällige des Menschensehicksals
hinausragender Sinn: Europa blieb die Hoffnungslosigkeit
einer galvanisierten „Auferstehung" des totgeweihten
Liberalismus ersDart und es war besser so. Immerhin
verdient das Buch ob seines kulturhistorischen Charakters
und der Enthüllung mancher Geheimnisse der Habsburger-
Wirtschaft Beachtung.
Noch ein Stück Geschichte, aber aus der französi¬
schen Politik, vermittelt uns Fritz Roeoke: „Von
Gambetta bis Clemenceau" (Deutsche Verlagsanstalt, Stutt-
Eart 1922, 291 Seiten. 8ro Mk.). Von Gambetta, dem
Organisator des nationalen Widerstandes nach dem Sturz
Napoleons III. bis zu Clemenceau, dem Schöpfer des
„Friedens" von Versailles, führt eine vielgestaltige, oft von
der Hauptrichtung abgelenkte, aber im ganzen doch ein¬
heitliche und logische Entwicklung. Alle die Aufregungen
der ganzen letzten Geschichtsperiode, die inneren Kämpfe
um den Bestand der französischen Republik, die Kolonial¬
politik, den Aufschwung zur Weltmacht, die Marokko¬
krise und alles Üble, was dem gefolgt ist, läßt Roepke
in übersichtlicher Anordnung, wclche sich im allgemeinen
der Objektivität zu befleißigen sucht, an unserem geistigen
Auge vorüberziehen, und da auch das Kapitel der sozialisti¬
schen Bewegung nicht zu kurz kommt, kann man das Buch
Roupkes als eine gute Darstellung der jüngsten Spanne
Weltgeschichte bezeichnen.
Im Zusammenhang damit verweisen wir auf die
neueste Publikation des rührigen Verlages „Frankfurter
äoeietätsdruckerei", welche nach dem Italiener Nitti nun
Jen Engländer E. D. Morel im Sinne internationaler
Verständigung zu Worte kommen läßt. Morel widerlegt
in seiner Broschüre „Das Gift, das zerstört. —? Die Mär
von Deutschlands Kriegsanschlag" (80 Seiten, 128 Mk.) die
äehauptung von der Alleinschuld Deutschlands am Welt¬
krieg und verficht seine tapfere Ansicht mit Dokumenten
and Zahlen von eindringlicher Beweiskraft.
Weniger erfreulich erscheint uns das Unterfangen
:ines Herrn Horst Schöttler, der auf sage und schreibe
13 kleinen Seiten eine „Weltgeschichte in einer Stunde"
zustande bringen will. Das Büchlein ist im Verlag Dürr
u. Weber, Leipzig, erschienen, und zwar in der Serie der
von uns schon einmal gewürdigten Zellenbücher, einer
Aneinanderreihung von Lehrbehelfen für „bildungs"-
betlissene. aber im Drange anderer Geschäfte der nötigen
Zeit ermangelnde — Schieber. Demgemäß ist auch der
Inhalt aller dieser Zellenbücher beschaffen, ein feuille-
tonistisches Geschwätz seichtester Art. Schade um das
gute Papier und die schöne Ausstattung!
Ein grausiges Dokument von der Zeiten Schande ver¬
mittelt uns die bekannte Broschüre von E. J. Gumbel:
„Zwei Jahre politischer Mord" (Verlag der „Neuen Gesell¬
schaft", Berlin-Fichtenau), deren in stark erweiterter Form
erschienene 5. Auflage eine Titeländerung aufweist, die für
sich allein schon die schwerste Anklage vor dem Gerichts¬
hof des Weltgewissens bedeutet: anstatt zwei Jahre,
heißt es nunmehr vier Jahre politischer Mord. Zu den
364 Morden von 1919/20 sind 1921/22 weitere 26 hinzu¬
gekommen! Nur 22 aller Mordtaten dieser vier Jahre
wurden von links verschuldet, alle übrigen Schandtaten
stammen ans dem Lager der Reaktion. Im furchtbaren
Mißverhältnis dazu steht die Art der Sühne. Während fast
alle Linksmorde mit den schärfsten Strafen geahndet
wurden, geht die überwältigende Zahl der konterrevolutio¬
nären Schändlichkeiten gänzlich straffrei! Gumbel gibt
uns also ein Buch, das als wichtiger Beitrag zur Natur¬
geschichte der Reaktion zu bewerten ist.
. Schließlich möchten wir noch auf das Geschichts¬
werk M. B e e r s hinweisen, der im Verlag für Sozial¬
wissenschaft, Berlin, eine „Allgemeine Geschichte des
Sozialismus und der Klassenkämpfe" herausbringt. Von
den beabsichtigten fünf Bändchen sind bisher vier er¬
schienen und die historische Untersuchung bis auf die Zeit
vofi 1860 fortgeführt. M. Beer liefert im großen und ganzen
eigentlich mehr eine Geschichte der Geisteskämpfe
des Sozialismus und läßt das wirkliche historische Ge¬
schehen allzu stiefmütterlich davonkommen. Auch über¬
schätzt er den proletarischen Charakter der bürgerlichen
Revolutionen des ausgehenden 18. und beginnenden
19. Jahrhunderts allzusehr (insbesondere das wirklich nur
ganz episodenhafte Auftreten der Babeuf und Buonarrot).
Doch bieten die Büchlein manche Anregung und Aufmunte¬
rung auch für die Kämpfe kommender Tage.
Nun zu einigen Arbeiten theoretischer Natur! Hier
nennen wir zunächst Professor A. Adlers vorzüglichen
„Leitfaden der Volkswirtschaftslehre" (neunte verbesserte
Auflage, .1. M. Gebhardts Verlag, Leipzig 1922, 308 Seiten.
220 Mk.). Die Friedensverträge und ihre katastrophalen
volkswirtschaftlichen Folgeerscheinungen haben, wie wir
schon des öfteren ausgeführt haben, das Interesse der
breitesten Volksschichten für Fragen der nationalökono-*
mischen Theorie gehoben, und die gute Marktlage für der-
artige Bücher hat ein Anschwellen der Volkswirtschaft-«
liehen Literatur bis zu nie geahnter Ausdehnung gebracht.
Das meiste ist Schund und schlecht. Adlers Buch hingegen
unterscheidet sich von ähnlichen Produktionen wohltuend
durch die sachliche, gediegene und dabei leichtverständ¬
liche Erläuterung aller Grundbegriffe der Volkswirtschafts-«
lehre. Es ist eine Art Wörterbuch der Nationalökonomie
für den Laien, ohne dabei den Charakter des Wissenschaft*
liehen zu verlieren. 1 (Schluß folgt.)
i. h.
Eingelaufene Bücher
Protokoll der Verhandlungen des elften Kongresses der
Gewerkschaften Deutschlands in Leipzig 1922 (Verlag
des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Berlin
1922. 640 Seiten. 1000 Mk.).
Protokoll des Parteitages 1922. Die Verhandlungen der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs.
Abgehalten am 14. und 15. Oktober 1922 in Wien (Volks¬
buchhandlung, Wien 1922, 208 Seiten, 15.000 K).
Richard Wagner: Der Handels- und Wirtschaftstgil der
Tageszeitung (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg
1922, 244 Seiten. Halbleinenband, 500 Mk.).
E. D. Morel: Das Gift, das zerstört. — Die Mär von
Deutschlands Kriegsanschlag (einzig berechtigte deutsche
Ausgabe. Mit dem Bild des Verfassers und einer
biographischen Einführung. Verlag der Societätsdruckerei.
Frankfurt am Main 1922, 80 Seiten, 128 Mk.).
Otto L e i b r o c k: Die volkswirtschaftliche Bedeutung der.
Deutschen Arbeitgeberverbände. 1. Teil: Geschichte.
Organisation und Aufgaben der Arbeitgeberverbände
(Verlag Otto Eisner, Berlin 1922, 140 Seiten, Grundpreis
broschiert Mk. 2.50, gebunden Mk. 3.75, Teuerungs-
schlüssel derzeit 210).
Sonderbericht über die Erhebung über Arbeitslosigkeit
(Internationales Arbeitsamt, Genf 1922. 58 Seiten, 25 Mk.).
Eugen Varga: Die Niedergangsperiode des Kapitalismus
(Verlag der Kommunistischen Internationale, Karl
Hoym, Hamburg 1922, 54 Seiten, 100 Mk.).
Oskar Stillich: Finanzwissenschaft auf soziologischer
Grundlage, II. Band (Verlag Kabitzsch und Mönnich,
. Würzburg 1922. Seite 113—247, 96 Mk.)
V. V o i t i n s k i: Kommunistische Blutjustiz (mit einem
Vorwort von Karl Kautskv, herausgegeben von der Aus-i
landsdelegation der Sozialrevolutionären 4S»'rtei Ru߬
lands. Kommissionsverlag J. H. W. Dietz-Vorwärts,
Berlin 1922. 112 Seiten).
Robert D a n n e b e r g:" Wiederaufbau? — Der Finanzplan
der Regierung Seipel (Rede im Nationalrat am 6. No¬
vember 1922. Verlag der Volksbuchhandlung. Wien 1922,
52 Seiten. 2000 K).
Jost Statthalter: Interessengemeinschaften. Ein Bei¬
trag zur Konzentrationsbewegung in Handel und Industrio
(Verlag G. D. Baedeker, Essen 1922, 107 Seiten, 504 Mk.).
Eduard Lukas: Spekulation und Wirklichkeit im ökono¬
mischen Marxismus. Eine Untersuchung zum Dogma der
kapitalistischen Ausbeutung (Verlag G. D. Baedeker.
Essen 1922. 100 Seiten. 504 Mk.).
Karl H e c k e 1: Nietzsche. Sein Leben und seine Lehre
(Reclams Universalbibliothek. Nr. 6342—6344, Verlag
Philipp Reclam. Leipzig 1922, 259 Seiten)
Nikolaus Osterroth: Otto Hue. Sein Leben und Wirken
(Herausgegeben vom Vorstand des Verbandes der Berg¬
arbeiter Deutschlands. Bochum 1922, 94 Seiten).
Erwin J acobi: Einführung in das Gewerbe- und Arbeiter¬
recht (3„ neubearbeitete Auflage, Verlag Felix Meiner.
Leipzig 1922. 84 Seiten, Grundpreis Mk. 1.50, Schlüssel¬
zahl derzeit 210).
Sämtliche der vorstehend genannten
Bücher sind zu beziehen durch die Volks¬
buchhandlung, Wien VI, Gumpendorfe r-
straße 18.
Druck: -Vorwärts". Wien V-
        

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