Full text: Beschäftigung und Arbeitslosigkeit im tertiären Sektor Wiens in den achtziger und neunziger Jahren (77)

Wenig komplexe Arbeiten mit nur geringer Qualifikationsanforderung können
problemloser auf mehrere Personen aufgeteilt werden. Sie eignen sich daher weit
besser für diese Beschäftigungsform. Gerade die Bereiche Handel, Beherbergungs¬
und Gaststättenwesen sowie die persönlichen Dienste sind auch jene mit weit
unterdurchschnittlich qualifizierten Beschäftigten (Lassnigg/Prenner 1998). Ebenso
ist bei den unternehmensbezogenen Diensten und dem Gesundheitswesen zu
vermuten, daß eher einfache (Büro)Tätigkeiten durch geringfügig Beschäftigte
übernommen werden.
Eine zentrale Fragestellung bei der Beurteilung zukünftiger Entwicklungspotentiale
der Wiener Gesamtbeschäftigung wird sein, ob und in welcher Form herkömmliche
Vollzeitarbeitsplätze durch atypische Beschäftigungsformen ersetzt werden. Die
vorliegenden Untersuchungsergebnisse erlauben in einfacher Form auf
Substitutionseffekte durch geringfügige Beschäftigung einzugehen, indem die
Entwicklungsverläufe der beiden Beschäftigungsformen gegenübergestellt werden.
Dabei zeigt sich insbesondere im Handel und bei den persönlichen Diensten eine
unterschiedliche Entwicklung von geringfügiger und nicht geringfügiger
Beschäftigung - erstere ist kräftig im Steigen begriffen, zweitere nimmt hingegen
verstärkt ab. Das kann als deutliches Zeichen für Substitution gewertet werden. Die
durch die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten im Einzelhandel entstandene
zusätzliche Beschäftigungsnachfrage wurde überwiegend mit geringfügig
Beschäftigten gedeckt. Bei den persönlichen (arbeitsintensiveren) Diensten kommt
eher die Problematik der hohen Besteuerung des Faktors Arbeit und die dadurch
zunehmende Attraktivität der Schattenwirtschaft zum Tragen. Der vermehrte Einsatz
geringfügig Beschäftigter kann hier gleichsam als Kompromissvariante betrachtet
werden.
Entsprechend den unterschiedlichen Beweggründe des vermehrten Einsatzes
geringfügig Beschäftigter, stellt sich auch ein allfälliges Alternativszenario dar. Die
Entwicklung der nicht geringfügig Beschäftigten im Einzelhandel hätte sicherlich
einen positiveren Verlauf genommen, wären entsprechende Maßnahmen zur
Eindämmung geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse gesetzt worden. Dagegen ist
zu vermuten, daß restriktive Regelungen bei den persönlichen Diensten nur mäßig
positive Effekte für die Beschäftigungsentwicklung erzielt hätten. Vielmehr wäre
dadurch die Erbringung persönlicher Dienstleistungen noch mehr in die Grauzone
der Schattenwirtschaft verlagert worden.
Anders stellt sich die Situation bei einer Gegenüberstellung der Entwicklungsverläufe
geringfügiger und nicht geringfügiger Beschäftigung im Beherbergungs- und
Gaststättenwesen, den unternehmensbezogenen Diensten und dem
Gesundheitswesen dar. In allen drei Bereichen expandierte sowohl die geringfügige
als auch die nicht geringfügige Beschäftigung. Zwar sind auch hier
Substitutionseffekte nicht von vornherein auszuschließen - immerhin nahm die
geringfügige Beschäftigung in weit stärkerem Ausmaß zu als die übrige. Der
gestiegene Beschäftigungsbedarf wurde jedoch nicht ausschließlich über
geringfügige Beschäftigungsverhältnisse abgedeckt. Besonders für
unternehmensbezogene Dienste und das Gesundheitswesen gilt, daß viele
Tätigkeitsbereiche mit hohem Qualifikationsbedarf einfach nicht mit geringfügig
Beschäftigten besetzt werden können. Im Tourismus und Gastgewerbe weisen die
beiden Beschäftigungsverläufe allerdings darauf hin, daß auch hier die Tendenz in
Richtung Ausbau der geringfügigen Beschäftigung geht.
47
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.