Full text: Beschäftigung und Arbeitslosigkeit im tertiären Sektor Wiens in den achtziger und neunziger Jahren (77)

Die Tertiärisierunq der österreichischen und der Wiener Wirtschaft:
ein kurzer Überblick
Michael Mesch
1. Die Tertiärisierung der Wertschöpfung
Die Faktoren, welche die Richtung und das Ausmaß der Verschiebungen in der sek¬
toralen und branchenmäßigen Struktur von Wertschöpfung und Beschäftigung we¬
sentlich bestimmen, sind die unterschiedlichen Änderungsraten der Produktivität, die
Lohnstruktur, die Einkommens- und Preiselastizitäten der Nachfrage der privaten
Haushalte nach Sachgütern und Dienstleistungen, die Zunahme der Frauener¬
werbstätigkeit, demographische Veränderungen, der Wandel in der Nachfragestruk¬
tur der Unternehmungen, das Steuer-, Abgaben- und Transfersystem sowie die
branchenspezifischen Regulierungen.
„In Österreich ebenso wie in den meisten anderen hochentwickelten Volkswirtschaf¬
ten nahm die Arbeitsproduktivität im tertiären Sektor weniger zu als in der Sachgü-
terproduktion, verteuerten sich die Dienstleistungen relativ zu den Sachgütern, stieg
der Anteil des Dienstleistungssektors an der nominellen Wertschöpfung und erhöhte
sich der Anteil des tertiären Sektors an der realen Bruttowertschöpfung leicht. Infol¬
gedessen nahm die Beschäftigung im Dienstleistungssektor erheblich zu, so daß sich
sein Anteil an der Gesamtbeschäftigung deutlich vergrößerte."1
Die aus der VGR abgeleiteten Verschiebungen in der Wertschöpfungsstruktur sind
mit Vorsicht zu interpretieren: Die Messung des Outputs von Dienstleistungsberei¬
chen ist wegen des intangiblen Charakters der erbrachten Leistungen generell
schwierig. Rein physische Outputmaße sind ohne Berücksichtigung der teils stark
heterogenen Qualitäten von Dienstleistungen oft nutzlos. Und die Schwierigkeit, an¬
gesichts wenig standardisierter oder gar nicht marktmäßig erbrachter Leistungen
(z.B. öffentliche Verwaltung) geeignete Preisindizes zu konstruieren, behindert die
Aufteilung von nominellen Outputänderungen in Preis- und Mengeneffekte.
Der nominelle BIP-Anteil des Dienstleistungssektors stieg in Österreich von 43%
(1964) auf 50,4% (1980) und 60,7% (1994). Gemäß dem revidierten Konzept der
VGR (ESVG 1995) belief sich dieser sowohl 1995 als auch 1999 (WIFO-Prognose)
auf 66,7%. Österreich weist damit nach wie vor einen Tertiärisierungsgrad hinsicht¬
lich der nominellen Bruttowertschöpfung auf, der geringer ist, als es aufgrund des
Pro-Kopf-Einkommens zu erwarten wäre.
Wie Kratena (1998) zeigt, änderte sich die Struktur der (zu laufenden Preisen ge¬
messenen) gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach Dienstleistungen in den letzten
zwei Jahrzehnten erheblich: Während sich der Anteil des privaten und jener des öf¬
fentlichen Konsums von Dienstleistungen reduzierte, stieg die relative Bedeutung der
Vorleistungsnachfrage, der Investitionen und der Exporte.2 Der Beitrag der Endnach¬
frage zum Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach Dienstleistungen
belief sich zwischen 1976 und 1994 auf 61%, jener der Intermediärnachfrage auf
39%.
Die Preissteigerungsrate bei Dienstleistungen blieb auch nach 1980 mit 4,6% p.a.
deutlich höher als in der Sachgüterproduktion (3,1%). Der Fortschritt der realen Ar¬
beitsproduktivität (realer Beitrag zum BIP je Erwerbstätigen) im sekundären Sektor
übertraf 1976-97 mit 3,7% p.a. jenen im Dienstleistungssektor (1,3% p.a.; ohne Rea¬
litätenwesen, wo der „Output" laut VGR v.a. aus imputierten Mieten besteht) be¬
trächtlich (Gesamtwirtschaft: 1,9%).
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