Full text: Beschäftigung und Arbeitslosigkeit im tertiären Sektor Wiens in den achtziger und neunziger Jahren (77)

Auch in bezug auf die Produktivitätsentwicklung sind die Dienstleistungen mittlerweile
überaus heterogen: Zu den Dienstleistungsbranchen mit nur geringfügig steigender,
stagnierender oder gar fallender Arbeitsproduktivität zählten in Österreich in den
letzten Jahren alle Konsumorientierten Dienste mit Ausnahme der Wirtschaftsklasse
'Kultur, Unterhaltung, Sport', die Öffentliche Verwaltung und die Sozialen Dienstlei¬
stungen. Dabei handelt es sich entweder um Dienstleistungen, welche die gleichzei¬
tige Anwesenheit von Produzenten und Konsumenten an einem Ort voraussetzen.
Ihre Qualität hängt in hohem Maße von der aufgewandten Zeit ab. Oder es sind
Dienstleistungen, bei denen der unmittelbare Kontakt zwar eine untergeordnetere
Rolle spielt, aber die Leistungen ebenfalls nicht oder kaum standardisiert werden
können und das Ergebnis vornehmlich von der Menge und der Qualität der Ar-
beitsinputs bestimmt wird. Die höchsten Zuwachsraten der Arbeitsproduktivität ver¬
zeichneten die Luftfahrt, die Nachrichtenübermittlung, die Datenverarbeitung und das
Bankwesen. Der außergewöhnliche Produktivitätsfortschritt in den drei letztgenann¬
ten Branchen resultierte in erster Linie aus der systematischen und umfassenden
Anwendung der modernen Informations- und Kommunikationstechniken (IKT). Diese
ermöglichen die Speicherung von Dienstleistungs-Outputs und deren Übertragung
über beliebige Distanzen; damit können die betreffenden Produzenten die Vorteile
von Standardisierung und internationalem Handel nützen.3
Wegen des überdurchschnittlichen Preisauftriebs im Dienstleistungssektors nahm
der reale BIP-Anteil desselben in Österreich während der letzten Jahrzehnte nur
langsam zu. Nach dem revidierten VGR-Konzept blieb er in der zweiten Hälfte der
neunziger Jahre im wesentlichen gleich (66,7% im Jahre 1995 und 66,2% 1999, Wl-
FO-Prognose; siehe Tabelle 1 im Tabellenanhang).
2. Veränderungen in der sektoralen Erwerbstätigkeitsstruktur Öster¬
reichs
Tabelle 2 führt die gravierenden Verschiebungen in der sektoralen Struktur der Er¬
werbstätigkeit Österreichs in den letzten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts vor Au¬
gen. War in den dreißiger Jahren noch mehr als ein Drittel der Erwerbspersonen in
der Land- und Forstwirtschaft tätig, so betrug der entsprechende Anteil Ende der
neunziger Jahre nur noch rund 6%. Der Erwerbspersonenanteil der Sachgüterpro-
duktion (verarbeitendes Gewerbe und Industrie, Bergbau, Energie- und Wasserver¬
sorgung) erreichte in der ausgeprägten Hochkonjunkturphase Anfang der siebziger
Jahre mit etwa 42% seinen höchsten Wert. Seitdem nahm diese Quote kontinuierlich
ab; gegenwärtig ist ein schwaches Drittel der Erwerbstätigen im Bereich der Sach-
güterproduktion beschäftigt. Der Anteil des Dienstleistungssektors endlich hat sich
seit Anfang der fünfziger Jahre mehr als verdoppelt. Auf der Grundlage der ÖNACE-
Gliederung (Werte ab 1994), welche die Abgrenzungen der Sektoren etwas anders
zieht als die Betriebssystematik (BS) 1968, belief sich der Erwerbstätigenanteil des
tertiären Sektors im Jahre 1999 bereits auf 63,3%.
Zwischen 1994 und 1999 verlangsamte sich der Erwerbstätigenzuwachs im Dienst¬
leistungssektor der österreichischen Volkswirtschaft (Tabelle 3). Darin kommt zum
Ausdruck, daß - im Gegensatz zu den vorhergehenden Jahrzehnten - ab Mitte der
neunziger Jahre nicht mehr alle großen Dienstleistungsbereiche positive Verände¬
rungsraten der Beschäftigung aufweisen, die Streuung der letzteren mithin stark zu¬
nahm. So erfolgte v.a. im Bank- und Versicherungswesen, in der Landtransportwirt¬
schaft und im Postwesen eine Tendenzwende in der Beschäftigungsentwicklung, und
im Bundesdienst kam ein Aufnahmestopp zum Tragen. Währenddessen setzte sich
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