Full text: Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungen in der EU und Österreich (2)

Fallstudien Deutschland 
etc) neue Anforderungen entstanden sind, hebt ver.di hervor, dass das Unternehmen 
versuche, Qualifikationsanforderungen herunterzuschrauben. So gibt es aktuell eine 
Auseinandersetzung mit der Betriebsleitung, welche Qualität von Ausbildung für 
Menschen, die im Bereich der Briefzustellung oder für den Schalterdienst eingestellt 
werden, erforderlich sei. Im Bereich Zustellung wird gestritten, ob eine Ausbildung von 
2 oder doch 3 Jahren notwendig ist. Wer mit zweijähriger Ausbildung seinen Beruf 
beginnt, hat andere Perspektiven im Unternehmen als jemand mit dreijähriger 
Ausbildung. 
1.3. Rolle der Gewerkschaft 
Wie bei der Deutschen Bahn hat sich auch die Deutsche Post Gewerkschaft entschieden, 
in der Restrukturierung des Postsektors zu kooperieren und den Übergang sozialver-
träglich zu gestalten. D.h. aber nicht, dass dies völlig konfliktfrei vor sich gehen konnte. 
Die Gewerkschaft betont daher, dass sie den Übergang von einer Betriebsgewerkschaft, 
die für die ‚Dreifaltigkeit’ Post, Postbank und Telekommunikation zuständig war, 
meistern und sich verändern musste. Daher habe man sich entschlossen den Übergang 
zu ver.di zu wagen. Zunächst habe die Aufgabe darin bestanden, auf Gefahren der 
Deregulierung und Privatisierung zu verweisen und dagegen zu kämpfen. Dieser Kampf 
wurde aber nicht gewonnen. Die Strategie sei daher zweigleisig: Einerseits verhindern 
oder abmildern, andererseits sich mit den Folgen für die Beschäftigten auseinanderset-
zen. Vor allem die BeamtInneninteressen mussten gewahrt werden. Mit Rationalisie-
rungsschutztarifverträgen sei der dramatische Arbeitsplatzabbau und der Umbruch in 
den vorhandenen Arbeitsplätzen flankiert worden (keine betriebsbedingten Kündigun-
gen, Qualifizierung, Maßstäbe für Versetzungen und Zumutbarkeit, wenn der Arbeits-
platz verloren geht). Der Umbruch sei daher für Regierung und Unternehmen sehr 
geräuschlos vor sich gegangen. Alles in allem sei es notwendig gewesen die Treppe 
abwärts mitzugehen, was Arbeits- und Einkommensbedingungen (zumindest bei 
Neueinstellungen) betrifft, um nicht noch größere Verluste zu erleiden. Inzwischen 
versuche die Gewerkschaft auch außerhalb der Post Fuß zu fassen, was nach Angaben 
von ver.di nicht sehr problematisch zu sein scheint. Ziel ist es, die 
Einkommensbedingungen im gesamten Sektor zu stabilisieren. 
Insgesamt sind die Mitgliederzahlen bei der Gewerkschaft weiterhin sehr hoch und 
liegen stabil über 70%. Mit Blick auf die Notwendigkeit von einer 
Betriebsgewerkschaft zur Branchenorientierung zu kommen, betont ver.di, dass der 
Sektor zum Niedriglohnbereich werden und viele sozialrechtlich abgesicherte 
Arbeitsplätze (mit Auswirkungen auch auf die Sozialversicherungssysteme) verloren 
gehen könnten, wenn es der Gewerkschaft nicht gelingt, bei den neuen Anbietern Fuß 
zu fassen. 
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