Full text: Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungen in der EU und Österreich (2)

Fallstudien Großbritannien 
lastung, Stress, Gesundheitsgefährdung durch Reduktion der Sicherheitsstandards, 
weniger Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs. 
Die meist in den Betrieben umgesetzten, mit ‚Golden Handshakes’ erleichterten frei-
willigen Kündigungen sind solche oft nur dem Namen nach, für die Betriebe notwen-
dige Qualifikationen gehen gerade durch den Verlust älterer Beschäftigter, die die 
Möglichkeit in Frühpension zu gehen nutzen, verloren. 
Die unter den Bedingungen der Verstaatlichung dominierende Kultur lebenslanger 
Beschäftigung ist definitiv beendet. Obwohl die Altersstruktur im Elektrizitätssektor 
Strategien des sozialverträglichen Beschäftigungsabbau förderte, haben gerade 
gekündigte ArbeitnehmerInnen mit mittleren und hohen Qualifikationen Probleme 
anderswo eine Anstellung zu finden, da ihre Fähigkeiten nicht nachgefragt werden. 
Durch die Schaffung flacherer Organisationsstrukturen ist auch das mittlere Manage-
ment besonders von den Restrukturierungen betroffen. 
1.6. Zusammenfassung 
? Der Elektrizitätssektor in Großbritannien wurde in eine Reihe von Aufgabenberei-
chen (Produktion, Netz, Übertragung etc.) geteilt und Anfang der 1990er Jahre 
privatisiert. Dies hatte einen massiven Abbau von Beschäftigung zur Folge. 
Zwischen 1990 und 2001 sank die Zahl der Beschäftigten von etwa 140.000 auf 
knapp 60.000, was einem Rückgang von fast 60% entspricht. Europaweit ist der 
Rückgang der Beschäftigung im Elektrizitätssektor in Großbritannien einer der 
markantesten. Durch die technische Umstellung der Kraftwerke auf Gasturbinen sind 
auch in anderen Sektoren (Bergbau) massive Beschäftigungsverluste zu verzeichnen. 
? Die Auswirkungen der Liberalisierung und Privatisierung des Elektrizitätssektors in 
Großbritannien kann nicht von den gewerkschaftsfeindlichen Maßnahmen der kon-
servativen Regierungen der 1980er und -90er Jahre getrennt betrachtet werden. Die 
Schwächung der Gewerkschaften in den vormals öffentlichen Sektoren ist eines der 
Ziele, das mit den Privatisierungen verbunden war. Die Umstrukturierung des Elek-
trizitätssektors führte zu einer Dezentralisierung und Fragmentierung des vormals 
zentral organisierten Systems industrieller Beziehungen öffentlicher Versorgungs-
betriebe. Zwar scheint es, als hätten die Gewerkschaften alles in allem ihre Position 
in den Betrieben behaupten können, trotzdem ist der gewerkschaftliche Organisati-
onsgrad beträchtlich zurückgegangen, nach unterschiedlichen Quellen um 23% bzw. 
sogar um  rund 30% auf knapp 60%. In einigen Fällen kam es zu einer 
Aufkündigung der Kollektivvertragsverhandlungen durch das Management. Trotz 
oder wegen veränderter Managementstrategien in und nach der Privatisierung kann 
von einer Fortsetzung der eher konflikthaften industriellen Beziehungen ausge-
gangen werden. Erst in den letzten Jahren haben sich, nicht zuletzt aufgrund der 
Förderung der ‚Social Partnership’-Ideologie durch die neue Labour-Regierung, neue 
Formen der Kooperation und Einbindung der Gewerkschaften in einigen Betrieben 
entwickelt. Aus einer eigenständigen Vertretung der Belegschaften werden sie in 
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