Full text: Nachhaltiger Tourismus (3)

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werbstätigen aus. So gehören zu den häufig-
sten Invaliditätsursachen psychische Erkran-
kungen und Erkrankungen am Bewegungs-
apparat (Skelett, Muskeln, Bindegewebe).
Ein besonderes Problem im Tourismus
stellen die sogenannten Saisoniers dar. Der
rechtliche Status von Saisoniers, also jener
ausländischen Beschäftigten, die über ein
bestimmtes jährliches Kontingent in Öster-
reich vor allem in der Landwirtschaft und im
Tourismus einen Arbeitsplatz finden, führt
aufgrund seiner wesentlichen Unterschiede
gegenüber anderen in- und ausländischen
Beschäftigten zu massiven Problemen für
die Betroffenen. So ist die Mitnahme von Fa-
milienangehörigen nicht zulässig, genauso
wenig wie der Wechsel des Arbeitsplatzes.
Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses führt
im allgemeinen auch zur Beendigung des
Aufenthaltrechts. Die Beschäftigung ist auf
die Dauer der zulässigen Einsatzperiode be-
fristet. Für die Beschäftigten ist damit die
Abhängigkeit vom Dienstgeber enorm. Die
Praxis zeigt, dass berechtigte Ansprüche der
Saisoniers, insbesondere bezüglich der Be-
zahlung, häufig nicht eingeklagt werden.
Natürlich wünschen sich die Arbeitgeber im-
mer mehr Saisoniers und suchen nach Mög-
lichkeiten, die Kontingentplätze zu erwei-
tern – was ihnen derzeit auch gut gelingt.
Diese Arbeitsform bringt allerdings so-
wohl die Saisoniers als auch alle anderen Be-
schäftigten unter Druck. Billige Arbeitskräf-
te konkurrieren hier mit anderen Beschäftig-
ten, ungünstige Wirtschaftsstrukturen wer-
den verfestigt, die Integration von Migran-
tInnen in den Arbeitsmarkt wird nicht wirk-
lich gefördert.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die
Tourismusbranche ist eine wichtige Stütze
der österreichischen Wirtschaft. Gleichzei-
tig zeichnet sie sich durch eine schwierige
und teilweise problematische Arbeitssitua-
tion aus. Notwendig wäre jedenfalls eine
Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der
Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz
und vor allem auch der beruflichen Qualifi-
zierung und Weiterbildung. Zu diesem
Zweck könnten regionale Branchenpools
gebildet werden, die gerade auch für die
vielen in Kleinbetrieben Beschäftigten den
Zugang zu Weiterbildung ermöglichen.
Wichtig wäre auch die Entwicklung von
Ganzjahresbeschäftigungsmodellen, um
die Nachteile des Saisonmusters in der Be-
schäftigung abzufedern. Was das Saisonier-
modell betrifft, so muss die Zielrichtung je-
denfalls eine Integration von ausländischen
Beschäftigten sein. Eine Zwei-Klassenge-
sellschaft bei der Beschäftigung darf es in
keiner Branche geben. 
URLAUBSSKLAVEN?
Nachhaltigkeit hat im Tourismus, wenn es um die
Ökologie geht, Eingang gefunden und lässt auch wirt-
schaftlich die Kassen klingeln. Doch wie steht es um
die Sozialverträglichkeit, um die Beschäftigten in die-
ser Branche? Darüber sprach Wilfried Leisch mit dem
Vorsitzenden der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe,
Persönlicher Dienst (HGPD),  Rudolf Kaske.
Arbeiten im Tourismus
ist kein Honiglecken. Wie
schaut es mit der Be-
zahlung aus?
Kaske: Die Beschäftigten
im Tourismus verdienen
ein Drittel weniger als
der Durchschnittsöster-
reicher, das sind brutto
nur ca. 1.200 Euro im Mo-
nat statt knapp 1.900 Eu-
ro. Das führt unter ande-
rem zu einer sehr hohen
Fluktuation: So werden
98 Prozent aller Be-
schäftigungsverhältnisse
im Tourismus innerhalb
eines Jahres begründet
oder beendet, und vier
von fünf MitarbeiterIn-
nen, also 80 Prozent,
scheiden spätestens
nach zehn Jahren aus
der Branche aus. Das ist
ein Alarmzeichen.
Auch die Arbeitsbedin-
gungen lassen oft zu
wünschen übrig. Was
sind die Hauptkri-
tikpunkte der Gewerk-
schaft?
Kaske: Es sind vor allem
drei Bereiche, in denen
es große Unzufriedenheit
gibt: Arbeitsklima, Be-
zahlung und Arbeitszeit.
Der Arbeitsstress führt
nicht selten zu einem 
für die Beschäftigten
schwer zu ertragenden
Umgangston im Betrieb.
Es wird viel gefordert,
der Lohn steht in keiner
Relation zum Einsatz.
Tourismus findet an 365
Tagen im Jahr, fast rund
um die Uhr, statt. Neben
der Länge stört die Be-
schäftigten vor allem die
Nichtkalkulierbarkeit der
Arbeitszeit. Man geht
morgens hinein und weiß
nicht, wann man abends
wieder heraus kommt.
Wegen mangelnder oder
fehlerhafter Dienstpläne
und Arbeitszeitaufzeich-
nungen muss oft ums
Geld für bereits erbrach-
te Leistungen gestritten
werden. 
Was kann im Sinne der
sozialen Nachhaltigkeit
die Lage der Beschäftig-
ten im Tourismus ver-
bessern?
Kaske: Es gibt so viele
Gütesiegel, aber kein So-
zialgütesiegel! Ich glau-
be, dass so ein Zertifikat
für alle von Vorteil wäre.
Es bietet Orientierung
für Beschäftigte und
Gast. Die MitarbeiterIn-
nen sehen auf einem
Blick: ja, in diesem Be-
trieb stimmen die Rah-
men- und Arbeitsbedin-
gungen. Für den Gast
wiederum – selbst zum
Großteil ArbeitnehmerIn-
nen – ist sichtbar: in die-
sem Betrieb wird nicht
nur auf Umwelt, Hygiene
oder Qualität des Touris-
musangebots Wert ge-
legt, sondern auch auf
die soziale Qualität. 
Welche Maßnahmen
müssten dazu gesetzt
werden?
Kaske: Ich habe dazu
schon früher die Einrich-
tung eines Tourismusbei-
rates vorgeschlagen.
Darin sollten die Sozial-
partner, das Ministerium,
die Konsumenten, etc.
vertreten sein. Zuerst
müssen in den Betrieben
die gesetzlichen Aufla-
gen erfüllt werden, nach-
vollziehbar etwa durch
Prüfungen des Arbeitsin-
spektorates. Dann stellt
der Betrieb einen Antrag
auf das Sozialgütesiegel.
Schließlich prüft der Bei-
rat nach Qualitätskriteri-
en und vergibt bei Vorlie-
gen der Voraussetzun-
gen das Gütesiegel.
Doch im zuständigen Mi-
nisterium ist diese Sache
bisher nie über das Dis-
kussionsstadium hinaus
gekommen. 
Gibt es bereits positive
Beispiele?
Kaske: Es gibt genügend
positive Einzelbeispiele,
jeder kocht aber sein
Süppchen für sich. Wir
wollen, dass man die
Best-Practice-Modelle
regional wie national er-
weitert und für die ganze
Branche umsetzt, sowie
durch Verbundmaßnah-
men ergänzt. Etwa durch
Schaffung branchenüber-
greifender Karriere- und
MitarbeiterInnenpools,
um den MitarbeiterInnen
Um- und Aufstiegschan-
cen zu geben. Alle reden
von Österreich als Land
des Qualitätstourismus.
Richtig. Das muss aber
auch für die Mitarbeite-
rInnen gelten: beim Ar-
beitsklima, bei der Ar-
beitszeit und bei der Be-
zahlung. Sonst gibt es für
den Qualitätstourismus
keine Zukunft. 
SCHWERPUNKT
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