Full text: infobrief eu & international - April 2013 (2)

30  infobrief eu & international  Ausgabe 2 | April 2013 
   wien.arbeiterkammer.at
 
Buchbesprechung
Eine lateinamerikanisch-europäische Debatte
 
Andere mögliche Welten?
In Lateinamerika ist als Antwort auf 
die Neoliberalisierung seit geraumer 
Zeit eine Renaissance des Staates 
von links zu beobachten. Allen voran 
die Regierungen in Venezuela, Bo-
livien und Ecuador haben sich eine 
Transformation der Gesellschaft zum 
Ziel gesetzt. Es geht um nicht we-
niger als um die Entwicklung einer 
antikapitalistischen Alternative, um 
einen Paradigmenwechsel angesichts 
des „Endes des Kapitalismus, wie wir 
ihn kennen“ (Elmar Altvater). Doch 
auch wenn in Lateinamerika zurzeit 
viel Neues entsteht und die nicht 
wenigen enttäuschten europäischen 
Linken hoffnungsvoll bis neidisch gen 
Süden schauen, materialisieren sich 
die progressiven Konzepte bislang 
lediglich als einige neue Akzente im 
alten politischen System. Die Grund-
struktur des bürgerlichen Staates mit 
seiner Funktion, sozioökonomische 
Machtverhältnisse gegen fundamen-
tale Veränderungen abzusichern, 
bleibt bestehen. Daher ähnelt der 
„Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ 
im politischen Alltag eher einer „mit 
radikal-antiimperialistischer Rheto-
rik untermauerten Wohlfahrtspoli-
tik“ (S. 11), wie Raul Zelik und Aaron 
Tauss schon in der Einleitung zu ih-
rem Sammelband anmerken.
Die beiden Herausgeber suchen des-
wegen nach einem Ausweg für eman-
zipatorische Politik; denn Staaten 
seien Herrschaftseinrichtungen und 
stünden somit einer realen Demokra-
tisierung der Gesellschaft entgegen. 
Zelik und Tauss fragen nach anderen 
möglichen Welten jenseits der Tret-
mühle des darwinistischen Kapitalis-
mus, weil eine richtige, gute Politik 
im Sinne des buen vivir im falschen 
System nicht möglich ist. Gemeinsam 
mit europäischen und lateinamerika-
nischen KollegenInnen wie u.a. Elmar 
Altvater, Andrés Antillano, Joachim 
Hirsch und Patricia Chávez untersu-
chen sie die Utopie als Wahrheit von 
morgen. Klaus Meschkat, der in sei-
nem Beitrag die Rätekonzepte Latein-
amerikas analysiert, bezeichnet etwa 
die Verfassung Venezuelas von 1999 
als demokratischer als die meisten 
Verfassungen der bürgerlichen eu-
ropäischen Staaten (S. 23). Und die 
2006 unter Hugo Chávez eingeführten 
Consejos Comunales stellen neue po-
litische Strukturen dar, denen gar das 
Potenzial innewohne, die bestehen-
de staatliche Ordnung zu unterlau-
fen. Dennoch warnt Andrés Antillano, 
dass die venezuelanische Gesellschaft 
weiterhin grundsätzlich kapitalistisch 
organisiert ist und durchaus Gefahr 
läuft, sich in eine staatskapitalistische 
zu verwandeln (S. 47).
Überhaupt ist der Grundtenor des 
kompakten und gut strukturierten 
Sammelbandes, der 2012 zuerst 
auf Spanisch erschienen ist, ein nur 
vorsichtig optimistischer. Denn auch 
wenn Aaron Tauss am Fallbeispiel 
von Argentiniens besetzten Betrieben 
ein emanzipatorisches Potenzial der 
Selbstverwaltung, die auf Solidarität 
und kollektivem Bewusstsein beruht, 
konstatiert (S. 180), so gibt doch vor 
allem Raul Zelik in seinem Beitrag 
zu bedenken, dass es aufgrund der 
zugrunde liegenden sozioökonomi-
schen Machtstrukturen unmöglich er-
scheint, den bürgerlichen Staat alter-
nativ zu regieren (S. 71). Nach Zelik 
hat eine emanzipatorische Bewegung 
innerhalb der bestehenden Institutio-
nen nicht viel zu gewinnen. Im Ge-
genteil: Da sie auf staatlichem Terrain 
handelt, schreibt sie dessen instituti-
onelle Form kontinuierlich fort. Das 
heißt nicht weniger, als dass weder 
Demonstrationen noch Regierungs-
wechsel im Grunde etwas ändern. 
In Spanien waren Millionen auf den 
Straßen, ohne dass nur eine einzige 
Sparmaßnahme zurückgenommen 
wurde; die meisten neoliberalen Ver-
änderungen in Europa gingen auf das 
Konto von Mitte-Links-Regierungen, 
die sich seit den 1980ern neoliberalen 
Dogmen und vermeintlichen „Sach-
zwängen“ unterworfen und eben ge-
rade nicht für emanzipatorische Poli-
tik gesorgt haben.
Doch was ist zu tun? Die AutorInnen 
des Bandes sind sich einig, dass der 
Staat kein neutrales Instrument 
Gibt es Antworten auf die Vielfachkrise der kapitalistischen 
Welt? Eine lateinamerikanisch-europäische Debatte befasst  
sich mit anderen möglichen Welten jenseits der Tretmühle des 
darwinistischen Kapitalismus. Tamara Ehs
Progressive Konzepte 
materialisieren sich  
bislang lediglich  
als einige neue  
Akzente im alten  
politischen System.  
Raul Zelik /Aaron Tauss (Hrsg.)
Andere mögliche Welten?
Krise, Linksregierungen, populare Bewegungen:
Eine lateinamerikanisch-europäische Debatte
VS
V
Andere mögliche Welten?
Krise, Linksregierungen, populare 
Bewegungen: Eine lateinameri-
kanisch-europäische Debatte
herausgegeben von Raul Zelik  
und  Aaron Tauss, VSA (2013) 
Zu den Herausgebern: 
Raul Zelik, geb. in München, ist 
Professor für Politik an der Nati-
onaluniversität Kolumbiens und 
veröffentlichte zuletzt den Essay 
„Nach dem Kapitalismus? Pers-
pektiven der Emanzipation oder: 
Das Projekt Communismus anders 
denken“ (Hamburg 2011).
Aaron Tauss ist Professor für 
Internationale Politik an der Natio-
naluniversität Kolumbiens.
»
Buch-Tipp
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.