Full text: Mitbestimmung in Europa (11)

Arbeit&Wirtschaft 11/2006 Bücher
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Dem flexiblen Kapitalismus und seinen öko-
nomischen, sozialen und kulturellen Im-
plikationen sind in den letzten Jahren 
viele Analysen gewidmet worden. Diese 
Bestandsaufnahmen verlangen politische 
Alternativen. In diesem Band wird eine 
Alternative ins Zentrum gerückt: Wirt-
schaftsdemokratie!
Ist es möglich, den Wettbewerb von 
demokratisierten Unternehmen über 
Märkte auszunutzen? Den bislang nicht 
realisierten Anspruch einer zentralstaat-
lichen Planung zugunsten wirksamer 
Steuerungsmethoden aufzugeben und da-
mit eine sozial und ökologisch verträg-
lichere Ökonomie zu schaffen?
Entfesselung des Kapitalismus
Die kapitalistische Marktwirtschaft ist seit 
der großen Weltwirtschaftskrise Ende der 
1920er-Jahre durch mehr oder minder 
weitreichende sozialstaatliche Absiche-
rungen ergänzt worden. Diese Regulie-
rungen wurden in den letzten Jahrzehnten 
in allen kapitalistischen Hauptländern 
wieder aufgehoben. Die wichtigsten Kon-
sequenzen dieser Entfesselung des Kapi-
talismus sind die relative Verselbständi-
gung der Finanzmärkte, die Verschiebung 
der Machtbalance zwischen Lohnarbeit 
und Kapital in den Unternehmen und der 
Gesellschaft, eine wachsende Zerstörung 
der Lohnarbeitsgesellschaft sowie die 
Rückkehr von Massenarbeitslosigkeit und 
heftigen Finanzkrisen.
Durch diese Entwicklung werden 
zwei Fragen in das Zentrum der poli-
tischen Debatte gerückt:
Wie konnte es zu dieser folgenreichen 
Veränderung der Machtverhältnisse zwi-
schen Lohnarbeit und Kapital kommen? 
Und mit welcher wirtschaftspolitischen 
Reformkonzeption kann ein umfassender 
Politikwechsel angestrebt und durchge-
setzt werden?
»In der heutigen Zeit eines gewach-
senen Anpassungsdrucks auch gewerk-
schaftlicher und sozialdemokratischer 
Forderungen und Konzepte an den Main-
stream des Neoliberalismus scheint die 
Reaktualisierung von Wirtschaftsdemo-
kratie als politische Leitidee fast »revolu-
tionär«. Doch in der bestehenden Krise 
der politischen Repräsentanz lohnt ein 
Blick zurück.
Demokratisierung der Wirtschaft be-
zeichnet kein allgemeines Modell, son-
dern eine Methode der Politik. Sie defi-
niert das übergeordnete politische Ziel 
und dient zur Entwicklung eines breit 
vermittelbaren Maßstabs zur Bewertung 
tagesaktueller Forderungen und Poli-
tiken. Politischer Pragmatismus und die 
Abwehrkämpfe gerade des gewerkschaft-
lichen Alltagsgeschäfts werden so strate-
gisch diskutier- und verortbar, soziale 
Kämpfe erhalten einen Fokus über den 
Widerstand hinaus.
In den verschiedenen Beiträgen dieses 
Bandes geht es um die Frage: Ist die De-
mokratisierung der Ökonomie eine Al-
ternative zur neoliberalen Totalität von 
Markt und Profit? Mit der Politik der 
Deregulierung und Privatisierung wird 
die Transformation in Richtung leistungs-
loser Einkommen verstärkt, die Abwärts-
spirale der Ökonomie dreht sich schnel-
ler, immer stärker tritt eine Tendenz zur 
Entdemokratisierung in Erscheinung. 
Daher: Eine Demokratisierung der Wirt-
schaft kann mit einer deutlichen Vermin-
derung der Massenarbeitslosigkeit und 
der Umweltgefährdung die Grundlage 
für neuen Gesellschaftsvertrag legen.
Aktive gesellschaftliche Teilhabe
Es geht aber auch um die Frage, wer die 
TrägerInnen einer Demokratisierung der 
Wirtschaft sein können, welche Bedeu-
tung also den Beschäftigten bei der Um-
setzung und Gestaltung von Wirtschafts-
demokratie zuwächst. Die neuen Dimen-
sionen der Lohnarbeit werden die Frage 
nach den Entwicklungspotenzialen und 
der Dynamik dieser Gesellschaftsforma-
tion auf. Mit dem Übergang zur flexiblen 
Massenproduktion und einer entspre-
chenden Aufwertung der Subjektivität 
der unmittelbaren Reichtumsprodu-
zenten werden die Grundlagen der bis-
herigen Entwicklung in Frage gestellt. 
Die Struktur der gesellschaftlichen Arbeit 
war stets eng mit der Herausbildung ei-
ner sozialen Ordnung und der dazuge-
hörigen Einrichtung (wie etwa der Sozi-
alversicherungen) verbunden, die wie-
derum das Verständnis von Arbeit und 
Individualität prägten. Mit der Erosion 
sozialer Inklusion geht es nicht nur dar-
um, dass ein relevanter Teil der Bevölke-
rung vom System der gesellschaftlichen 
Arbeit abgekoppelt wird, sondern auch 
darum, dass die im System Eingeschlos-
senen – egal ob Träger eines Normalar-
beitsverhältnisses oder Menschen in pre-
kären Arbeits- und Lebensbedingungen 
– gewandelte Ansprüche an eine aktive 
gesellschaftliche Teilhabe stellen. Die 
Kluft zwischen den ökonomisch-sozialen 
Realitäten und dem Gestaltungswillen 
der Subjekte wird immer tiefer.
In der konkreten Ausgestaltung der 
Zivilgesellschaft ist ein wachsendes eman-
zipatorisches Potenzial eingeschlossen, 
das sowohl zur realen Ökonomie, der die-
ser entsprechenden Sozialstruktur und 
erst Recht dem politischen Feld in einen 
sich verschärfenden Widerspruch tritt. 
Die Anforderung an eine emanzipato-
rische Politik besteht darin, diese Poten-
ziale freizusetzen. Die Demokratisierung 
der gesellschaftlichen Arbeit im entfessel-
ten flexiblen Kapitalismus bleibt die 
Grundlage F. K.
Wirtschaftsdemokratie
Heinz J. Bontrup/Julia Müller u. a.: Wirtschafts-
demokratie. Alternative zum Shareholder-Kapi-
talismus.148 Seiten, VSA-Verlag, Hamburg 2006, 
€ 12.80, ISBN 3-89965-190-1
        

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