Full text: Die digitale Gesellschaft (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/2008 28 Meinung KommentarKommentar { Brigitte pellarHistorikerin, Schwerpunkt Geschichte und Entwicklungs-analyse der ArbeitnehmerInnen-interessenvertretungen D ie Haltung zur »schönen neuen Welt« der Kommunikations- und Informationstechnologien (KIT) schwankt – wie immer bei technolo- gischen Innovationen – zwischen kritik- losem Jubel, Hinnehmen und starrer Ab- lehnung. Das gilt besonders auch für die Veränderungen in der Wirtschaft. Es gibt Opinionleader, die das »Ende der Arbeits- gesellschaft« feiern, weil endlich mit Hil- fe von Computer, Internet & Co selbst- bestimmtes Arbeiten möglich sei, das Sklavendasein in Fabrik, Geschäft und Büro ein Ende haben werde. Kritische Distanz notwendig Diese Leute vergessen nur leider, dass un- sere Wirtschaft noch immer (und wieder verstärkt) unter kapitalistischen Macht- verhältnissen funktioniert. Sie vergessen, dass die neuen Möglichkeiten der Ar- beitsorganisation unter dieser Bedingung neue Abhängigkeiten schaffen, die die alten ersetzen – oder es ist ihnen egal. Kritische Distanz zur KIT-Entwicklung ist sogar höchst notwendig. Fragwürdig sind aus meiner Sicht aber manche »Re- zepte» zur Lösung des Problems, vor allem der Ruf nach einem Zurück in vor- elektronische Zeit. Maschinenstürmerei ist keine Problemlösung. Diese bittere Erfahrung mussten schon die Arbeite- rInnen während der ersten industriellen Revolution machen, die vor etwa 200 Jahren einsetzte. Sie machten diese Er- fahrung beim Aufstand der schlesischen HeimweberInnen, denn das Zerschlagen der Maschinen änderte nichts am Vor- marsch der Fabriksproduktion. Sie mach- ten diese bittere Erfahrung auch während der Revolution von 1848, denn das An- zünden der Fabriken in den Wiener Vor- städten änderte nichts an Hunger und Wohnungselend. Aus diesen Erfahrungen heraus entwickelte sich die Arbeiterbe- wegung mit ihren Parteien und Gewerk- schaften. Sie stand für eine andere Art der Problemlösung. Statt des Rufs nach der Rückkehr in das vorindustrielle Zeit- alter (in dem die Mehrheit der Menschen ja keineswegs in einer heilen Welt lebte) hieß die Parole jetzt: Änderung der ge- sellschaftlichen Machtverhältnisse oder zumindest Demokratisierung und Mit- sprache, um die neuen Technologien im Interesse der Mehrheit der Menschen ein- zusetzen und nicht nur im Interesse einer privilegierten Minderheit. In logischer Konsequenz spielte die Arbeiterbildung dabei eine zentrale Rolle. Die Arbeite- rInnen sollten für den Umgang mit den neuen Technologien ihrer Epoche und für demokratische Mitbestimmung glei- chermaßen fit gemacht werden. Web für Demokratie nützen Heute stehen wir vor einer vergleichbaren Herausforderung. Es geht darum, die neuen sozialen Barrieren, die mit dem Einsatz der KIT aufgebaut wurden, zu beseitigen statt etwa Schulkinder von Notebook und Internet fernzuhalten. Es geht darum, gute Lebens- und Arbeits- bedingungen für die ArbeitnehmerInnen unter den neuen Rahmenbedingungen durchzusetzen statt vergebens auf Lö- sungen vergangener Jahrzehnte zu behar- ren. Es geht darum, das Web zur Verbrei- terung der Demokratie zu nutzen, statt es jenen zu überlassen, die die Demokra- tie mit diesem Instrument einengen. Pro Infotechnologie Wir sollten die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien zur Demokratisierung nützen, anstatt sie zu verdammen. k o n t a k t Schreiben Sie uns Ihre Meinung an die Autorin brigitte.pellar@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at

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