Full text: Die digitale Gesellschaft (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/2008Internationales 42 D er Filmregisseur Oliver Stone nennt ihn einen großen Mann, Supermodel Naomi Campbell reist eigens nach Venezuela um ihn zu interviewen und kennenzulernen und beschreibt ihn als »Engelsrebellen«. Die Frankfurter Rundschau bezeichnet ihn nach seiner Beteiligung an der Befrei- ung dreier Geiseln in Kolumbien als einen »Friedenstifter und Gutmenschen«. Für US-Präsident George Bush steht er für die »Achse der Subversion« zwischen Kuba und Venezuela, und das britische Magazin »The Economist« freute sich im Dezember 2007 über »den Anfang vom Ende des Hugo Chávez«. Popstar Hugo Chávez Man kann den populistischen Präsi- denten Venezuelas Hugo Chávez lieben oder hassen. Seine Sozialprogramme lo- ben oder sich über seine rhetorischen Entgleisungen und seine unpassende Al- lianz mit dem iranischen Präsidenten Mahm?d Ahmad?-Než?d empören. Eines steht jedoch zweifelsfrei fest. Hugo Chávez ist im Moment der Popstar unter den lateinamerikanischen Staatsober- häuptern. Er versteht es ausgezeichnet, die Öffentlichkeit in seinen Bann zu zie- hen und symbolisiert für KritikerInnen und AnhängerInnen den Linksruck in Lateinamerika. Eric Hershberg und Fred Rosen nennen ihn in ihrem Buch »Latin America after Neoliberalism« »den un- verfrorenen Rebellen und Radikalen«, der mit seiner antiimperialistischen Rhetorik und konsequenten Süd-Süd-Solidarität den Spielraum für alle vergrößert habe. 1999 wurde der ehemalige Putschist gegen die Militärdiktatur, Hugo Chávez, zum Präsidenten von Venezuela gewählt. Er propagierte einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts und läutete den Wandel im südlichen Amerika ein. 2002 siegte der Arbeiterführer und Gewerkschafter Luiz Inácio Lula da Silva bei den Präsident- schaftswahlen in Brasilien. Im selben Jahr übernahm der Linksperonist Nestor Kirchner die Präsidentschaft in Argenti- nien. 2007 wurde seine Frau Cristina Fernández de Kirchner zur Präsidentin gewählt. Sie hat angekündigt seine Poli- tik fortzusetzen. In Uruquay siegte 2004 der Kandidat der Linken Tabaré Vázquez und in Chile 2006 die Sozialistin Michel- le Bachelet. In Nicaragua kamen 2006 mit Daniel Ortega zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder die Sandinisten an die Regierung. Im Dezember 2006 über- nahm der ehemalige Kokabauer und So- zialist Evo Morales als erster Indigener die Präsidentschaft in Bolivien. Und seit Jänner 2007 hat auch Ecuador einen lin- ken Präsidenten: den Wirtschaftswissen- schafter Rafael Correa. Um diese aktuelle Entwicklung besser nachvollziehen zu können, lohnt es sich, einen Blick auf die jüngere Geschichte des lateinamerika- nischen Kontinents zu werfen. Industrialisierung Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Ausbruch der Schuldenkrise in den Achtzigerjahren verzeichneten die meisten lateinamerikanischen Staaten ein beachtliches Wirtschaftswachstum von konstant über fünf Prozent – mit einer Politik, die auf wirtschaftlichem Protek- tionismus und öffentlichen Investiti- onen beruhte. In dieser Phase der soge- nannten importsubstituierenden Indus- trialisierung wurden auch die Sozialsysteme ausgebaut. Letztlich waren diese Verbesserungen aber partiell und die soziale Ungleichheit in Lateinamerika blieb eine der höchsten der Welt. Poli- tisch war diese Zeitspanne gekennzeich- net durch relative Unsicherheit und einen Wechsel zwischen Phasen der Demokra- tie und – oft von den USA unterstützten – brutalen Militärdiktaturen. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs liehen sich viele Staaten Lateinamerikas große Summen von internationalen Gläu- bigern. Von 1975 bis 1983 vervierfachte sich so die Auslandsverschuldung des la- teinamerikanischen Kontinents. Als schließlich die Weltwirtschaft in eine Re- zession geriet, wurde klar, dass die mei- sten Länder keine Chance hatten, diese Schulden jemals zu begleichen. Washington Consensus Die unmittelbare Folge der Krise war nicht nur ein Einbruch beim Wirtschafts- wachstum, sondern auch eine Kehrtwen- de bei der wirtschaftlichen Entwicklungs- strategie. Diskreditiert waren zudem die mit der importsubstituierenden Industri- alisierung verknüpften Regime. Insofern trug die Schuldenkrise dazu bei, die Dik- taturen in der Region zu Fall zu bringen. Die Krise hatte die hoch verschuldeten Auf dem Weg nach Links Von Argentinien bis Venezuela macht sich auf dem von sozialen Gegensätzen geprägten Kontinent Lateinamerika ein neues Selbstbewusstsein breit. Autorin: Mag. Lucia Bauer Büro des Vorsitzenden GPA-DJP

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