Full text: Der Wert der Arbeit (11)

Arbeit&Wirtschaft 11/2010Schwerpunkt
22
Autor: Mag. Sebastian Baryli
 
Freier Journalist
W
er heute vom Wert der Arbeit 
spricht, der wagt kaum mehr 
von Ausbeutung zu sprechen. 
Zu antiquiert, zu unmodern, zu 
belastet erscheint der Begriff, kaum je-
mand bringt ihn mehr – vor allem in der 
akademischen Diskussion – über die Lip-
pen. Möglicherweise sei er noch in der 
Alltagssprache angebracht für die Be-
schreibung der Arbeitsbedingungen der 
Bergarbeiter in China oder jener der 
LandarbeiterInnen in Kolumbien. Doch 
für europäische Verhältnisse scheint dieses 
Konzept längst überholt. Dabei kann sich 
die Scheu in der Alltagssprache auf eine 
Tendenz in der Volkswirtschaftslehre stüt-
zen. Denn dort hat man mit dem Nie-
dergang des Marxismus und dessen anti-
kapitalistischer Tradition auch den Be-
griff Ausbeutung ad acta gelegt. Zu sehr 
war der Begriff mit den Bedingungen der 
marxistischen Wirtschaftstheorie ver-
knüpft. Dennoch wurden neue Begriff-
lichkeiten entwickelt, die nun in die Bre-
sche springen sollen. Ob man dabei wirk-
lich viel gewonnen hat, bleibt offen.
Ausbeutung als Kampfbegriff
Dabei erlebte der Begriff in seinen An-
fängen geradezu einen Höhenflug: Sogar 
Adam Smith hatte in der Ausarbeitung 
seiner klassischen Wirtschaftstheorie 
Ausbeutung als Art Marktversagen the-
matisiert. Die neoklassische Schule nahm 
diesen Faden wieder auf und erklärt das 
Zustandekommen von Ausbeutung 
durch einen unvollständigen Wettbe-
werb, wie etwa durch Monopole. Auf-
grund eines solchen Marktversagens wür-
de das gesamtgesellschaftliche Wohl nicht 
zum Tragen kommen, so ihr Argument. 
Aber auch in der Wert- und Mehrwert-
theorie von David Ricardo hat sich der 
Begriff fortgesetzt.
Doch vor allem in der antikapitalis-
tischen Literatur erlebte der Begriff Aus-
beutung seine eigentliche Ausgestaltung. 
Insbesondere in der französischen Kritik 
am Privateigentum – angefangen von 
Henri de Saint-Simon bis hin zu Pierre-
Joseph Proudhon – wirkte der Begriff bis 
weit in die Arbeiterbewegung. Dort er-
lebte er seine eigentliche Blüte und wur-
de zu einem Kampfbegriff gegen die ka-
pitalistischen Arbeitsverhältnisse.
Seine erste fundierte Ausarbeitung er-
hielt das Konzept vor allem durch die 
ökonomischen Studien von Karl Marx. 
In der Rezeption der Wert- und Mehr-
werttheorie Ricardos schuf er ein eigen-
ständiges Konzept, das ein wesentliches 
Grundproblem der Analyse des Kapita-
lismus lösen sollte: »Kapital kann also 
nicht aus der Zirkulation entspringen, 
und es kann ebenso wenig aus der Zirku-
lation nicht entspringen. Es muss zugleich 
in ihr und nicht in ihr entspringen«, bringt 
Marx die Bedingungen der Analyse im 
ersten Band des Kapitals auf den Punkt.
Diese Bedingung in der Analyse ka-
pitalistischer Arbeitsbedingungen konn-
te er durch eine besondere Unterschei-
dung erfüllen: »Zum Nachweis der Aus-
beutung der Arbeiter und Arbeiterinnen 
– das Geschlecht spielt keine Rolle – be-
nötigt Marx daher neben dem Wertbegriff 
ein zweites fundamentales Konzept: die 
Unterscheidung zwischen Arbeitskraft 
des Arbeiters und der Arbeit, die er (pro 
Tag) leistet«, erklärt Johannes Berger im 
Historisch-kritischen Wörterbuch des 
Marxismus. Mit dieser Unterscheidung 
wurde im Wesentlichen die Mehrwert-
produktion erklärt, die dem Kapitalisten 
Profit verschafft: »Die Arbeiter sind dann 
ausgebeutet, wenn sie länger arbeiten, als 
nötig wäre, um die Subsitenzmittel zu 
produzieren, die sie mit ihrem Geldlohn 
kaufen.«
Einwände der Volkswirtschaft
Doch die moderne Wirtschaftstheorie – 
gleich ob neoklassisch oder keynesianisch 
– hat den Begriff aus ihrem theoretischen 
Repertoire gestrichen. »Mit dem Nieder-
gang der marxistischen Wirtschaftstheo-
rie hat auch der Begriff der Ausbeutung 
einen Niedergang erlebt«, erklärt Markus 
Marterbauer vom Österreichischen Insti-
tut für Wirtschaftsforschung (WIFO). 
»Zu eng war das Konzept mit den Vo-
raussetzungen wie Arbeitswertlehre und 
Mehrwerttheorie verknüpft«, erklärt der 
Wirtschaftsexperte.
Heute hat man dafür neue Konzepte 
gefunden, um Probleme in Bezug auf die 
Arbeitswelt zu erfassen: » Der Verteilungs-
titel hat dabei den Begriff der Ausbeutung 
weitgehend ersetzt«, erklärt Marterbauer 
weiter. »Es geht heute nicht mehr um die 
Analyse von Ausbeutungsverhältnissen, 
sondern um die Ungleichheit der Vertei-
lung von Einkommen und Vermögen.«
Doch auch in der Frage der Verteilung 
ist es schwierig, wissenschaftlich fundierte 
Antiquiert und unbequem
Mit dem Begriff Ausbeutung kann die moderne Volkswirtschaftslehre wenig anfangen. 
Dennoch muss sie mit anderen Konzepten die bestehende Lücke füllen.
        

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