Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201216 Schwerpunkt
I
n den letzten Jahren hat sich – neben 
der Soziologie und Politikwissenschaft 
– auch die Geschichtswissenschaft mit 
den kollektiven „Gefühlen“ einer Ge-
sellschaft im Rahmen einer „Geschichte 
der Emotionen“ beschäftigt. Dabei geht 
es – zum Teil mit Rückgriff auf sozialpsy-
chologische und neurowissenschaftliche 
Forschungsansätze – vielfach nicht um 
neue, andere Erzählungen der Geschichte, 
sondern um eine interpretative Einbin-
dung kollektiver Gefühlswelten in die Be-
trachtung der Vergangenheit. Im Vorder-
grund stehen die Fragen, wie Gefühle so-
zial hergestellt wurden, welche Rolle sie 
in und für die Gesellschaft oder gesell-
schaftliche Gruppierungen einnahmen, 
wie sie konstruiert und transportiert wur-
den. Weiter wird untersucht, wie sich 
Menschen von Emotionen und Interessen, 
die mit den jeweiligen Ordnungsvorstel-
lungen der Gesellschaft im Widerspruch 
stehen, steuern ließen und wie die Ge-
schichtsschreibung bisher in ihren Dar-
stellungen damit umging. Kurz: Die Ge-
schichte der Ängste, der Hoffnungen, des 
Zusammengehörigkeitsgefühls ist zu 
einem neuen, nun schon recht weit ver-
breiteten Forschungsfeld geworden. 
Emotionen: Ergebnis unserer Werte
Die amerikanische Emotionshistorikerin 
Barbara Rosenwein sieht Emotionen als 
„das Ergebnis unserer Werte und Wertun-
gen“. Damit wird auch mit der gängigen 
Vorstellung aufgeräumt, dass Gefühle ir-
rational, dem Verstand nicht zugänglich 
oder ihm entgegengerichtet seien, mit der 
Geschichte nichts zu tun haben und über-
dies – wenn überhaupt – nur individuell 
erfassbar seien. Vielmehr wird heute da-
von ausgegangen, dass sich Verstand und 
Gefühlsleben gleichsam ergänzen und ei-
ne Handlungsmotivation darstellen. 
Geschichte der Gefühle
Ute Frevert, die seit 2008 am Max-Planck-
Institut für Bildungsforschung den For-
schungsbereich „Geschichte der Gefühle“ 
leitet, geht davon aus, dass Gefühle eine 
Geschichte haben: „Zwar kannten die 
Menschen vor 300 Jahren auch das, was 
PsychologInnen primäre oder sekundäre 
Emotionen nennen – Hass, Angst, Freu-
de, Neid, Vertrauen. Wovor sie sich aber 
fürchteten, wem gegenüber sie Mitleid 
empfanden, worauf sie stolz waren, unter-
schied sich erheblich. Trieb viele Men-
schen die Angst vor Hexen um, ängstigen 
sie sich heute vor Klimawandel und Atom-
raketen. Mit der Zeit und dem Objekt 
ändert sich auch, wie Menschen ihre 
Angst ausdrücken und was sie daraufhin 
tun.“ Und Gefühle machen Geschichte: 
„Ausgelebte und unterdrückte Emoti-
onen leiten menschliches Verhalten im 
privaten wie öffentlichen Leben, in Fra-
gen des Konsums wie der Kultur. Und sie 
beeinflussen den Lauf der Geschichte: 
Kriege, Revolutionen, auch alltägliche 
Politik sind undenkbar ohne Angst, 
Wut, Enttäuschung, Ehrempfinden oder 
Vertrauen.“ 
Gefühle haben immer auch etwas mit 
Macht und Herrschaft zu tun. Wer be-
stimmt, welche Gefühle gesellschafts-
konform sind und welche nicht? War es 
nicht – um nur ein Beispiel aus der Ge-
schlechtergeschichte zu nennen – in ei-
ner von männlichen Konventionen do-
minierten Gesellschaft bis vor wenigen 
Jahren gleichsam „unmännlich“ zu wei-
nen, war es Frauen nicht mehr oder min-
der „verboten“, ihrer Wut und ihrem 
Ärger offen Ausdruck zu verleihen? Wir 
wissen, dass die Beobachtung und Kon-
trolle von kollektiven Gefühlen zum Re-
pertoire aller Diktaturen bei der Macht-
gewinnung und -erhaltung gehört. Doch 
versuchen nicht auch demokratisch ge-
wählte Regierungen den „Gefühlshaus-
halt“ der Menschen zur Durchsetzung 
politischer Ziele zu manipulieren? Durch 
die „Angst vor einer Verbreitung kom-
munistischer Regimes“ bekamen die 
USA über lange Jahre in der Bevölkerung 
Zustimmung für den Vietnam-Krieg, 
und die aufgrund von 9/11 ausgelöste 
und bewusst von der Bush-Regierung 
verstärkte „Terrorismus-Angst“ war ent-
scheidend für die Akzeptanz des Iran-
Krieges, wie überhaupt die oft bewusste 
Gefühl Macht Geschichte 
HistorikerInnen erforschen, wie Emotionen unser (Er-)Leben verändern, denn sie 
haben immer auch etwas mit Macht und Herrschaft zu tun.
Autor: Klaus-Dieter Mulley
Institut für Geschichte der Gewerkschaften 
und Arbeiterkammern in der AK Wien
B u c h t i p p
Ute Frevert
Gefühlswissen 
Eine lexikalische Spuren-
suche in der Moderne. 
Campus-Verlag, 2011  
364 Seiten, € 30,80 
ISBN 978-3-5933-9389-6
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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