Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201218 Schwerpunkt
D
ie italienische Presse spricht be-
reits von einem „stillen Massen-
mord“. Konkret gemeint sind 
hoch verschuldete Klein- und 
KleinsthändlerInnen, die aus Angst und 
Scham in Scharen Selbstmord begehen. 
Auch in Griechenland hat sich die Selbst-
mordrate zumindest verdoppelt, wenn 
nicht verdreifacht. Als besonders gefähr-
det gelten Männer im mittleren Alter. Sie 
verdienen plötzlich nicht mehr genug, 
um ihre Familie ernähren zu können. 
Doch in der Krise steigt nicht nur die 
Gefahr solcher irrationaler Kurzschluss-
handlungen. 
Viele VerliererInnen 
Auch das Geschäft mit der Irrationali - 
tät – konkret der nicht messbaren Ener-
gie – boomt. Das gilt ebenso für die 
„Wohlstandsregionen“ Europas. Wahr-
sagerInnen und KartenlegerInnen neh-
men heute Sendeplätze im deutschen 
Privat-TV ein, die früher ausschließlich 
dem Teleshopping vorbehalten waren. 
Die „Zeit“ berichtet, dass in 
Deutschland inzwischen jährlich 18 bis 
25 Mrd. Euro mit Esoterik umgesetzt 
werden (für Österreich liegen keine 
Zahlen vor). Die Tendenz ist stark stei-
gend. Prognosen gehen davon aus, dass 
dieser Wert innerhalb der nächsten 
zehn Jahre bis auf 35 Mrd. steigen wird. 
Auf die Bevölkerung umgelegt bedeutet 
das durchschnittlich über 400 Euro pro 
Person und Jahr – vom Baby bis zum 
Greis. 
Die Europäische Kommission gegen 
Rassismus und Intoleranz (ECRI) diagnosti-
ziert momentan die epidemische Aus-
breitung von Ängsten gegenüber Min-
derheiten. Die fortgesetzte ökonomische 
Krise – so die Kommission – hat eine 
Art Teufelskreis in Gang gesetzt. „Mi-
grantInnen“ werden zunehmend als 
„Bürde“ für die Gesellschaft wahrge-
nommen. Ebenso grassieren wieder ver-
stärkt Mythen über den angeblichen 
„jüdischen Einfluss“ auf die Weltwirt-
schaft. Zudem stellt der Bericht fest, 
dass fremdenfeindliche Parteien in Eu-
ropa momentan bei fast jeder Wahl zu-
legen können. 
Keineswegs nur, aber auch, wurde 
dieser Befund erst jüngst durch die fran-
zösischen und griechischen Wahlen An-
fang Mai 2012 bestätigt: Die rechtsex-
treme Kandidatin Marine Le Pen erhielt 
fast 18 Prozent, während die faschi-
stische Schlägertruppe der „Goldenen 
Morgenröte“ mit sieben Prozent ins grie-
chische Parlament einzog. 
Böse Erinnerungen 
Engagierte GewerkschafterInnen kön-
nen sich derzeit durchaus an bestimmte 
historische Bilder aus der Zwischen-
kriegszeit erinnert fühlen. Schließlich 
verarbeitete ja bereits der „proletarische“ 
Film „Kuhle Wampe“ (Deutschland 
1932, Mitarbeit B. Brecht) das Problem 
des Selbstmords als „Antwort“ des indi-
viduellen Arbeitslosen auf die damalige 
Krise. Ebenso waren die von Instabilität 
geprägten 1920er- und 1930er-Jahre 
Blütezeiten von Esoterik und Okkultis-
mus. Und kann die extreme Rechte nicht 
schon wieder – durch das Schüren von 
irrationalen Ängsten – am stärksten von 
der Krise profitieren? Auch wenn es um-
gekehrt keine Patentrezepte gibt: Ein 
Blick in die Geschichte bietet freilich ei-
nen ersten Hinweis dafür, wie insbeson-
dere dem letzten Phänomen zu begegnen 
ist. Das Wachstum (und gegebenenfalls 
die „Machtergreifung“) der extremen 
Rechten hing bekanntlich auch maßgeb-
lich vom Agieren bzw. Taktieren der an-
deren politischen Akteure ab. 
Angesichts dieser Erfahrungen ist 
 allerdings ein weiterer Aspekt des Be-
richts der ECRI besonders alarmierend. 
Dieser besagt, dass extrem rechte Kräfte 
heute bereits vielfach „direkt und indi-
rekt“ einen „Anteil an der politischen 
Macht“ in Europa erreicht haben. Ganz 
konkret nennt der Kommissionsbericht 
etwa Ex-Präsident Sarkozy, der seine 
Partei im Wahlkampf unmittelbar an 
die Parolen Le Pens herangerückt hat. 
Ein anderer Fall betrifft das Lavieren der 
niederländischen Minderheitsregierung 
um die rassistischen Aussagen Geert 
 Wilders’, dessen Unterstützung im Parla-
ment man nicht verlieren wollte. 
Ängste steigen auch in Österreich
Der Politologe Peter Filzmaier ortete be-
reits Ende 2011 einen geradezu drama-
tischen Trend Richtung Angst in Öster-
reich. Themen wie „Wirtschaftskrise, Fi-
nanzkrise und Euro“ haben binnen 
weniger Monate den Angstpegel derart 
ansteigen lassen, dass im Oktober 2011 
nur mehr 19 Prozent der ÖsterreicherIn-
nen ohne Sorge waren. Diese Werte kor-
respondieren inzwischen mit Höchst-
Wenn der Angstpegel immer  
weiter steigt ...
Wie machtlos sind wir gegen irrationale Ängste und Feindbilder in Zeiten der Krise?
Autor: John Evers
Historiker und Erwachsenenbildner
        

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