Volltext: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/2012 19Schwerpunkt werten in der Ablehnung gegenüber dem bestehenden politischen System. Laut einer neuen Market-Umfrage halten 57 Prozent der Befragten dieses System in Österreich für nicht reformierbar. Die FPÖ hat genau an diesem Punkt ein weit geöffnetes Einfallstor für sich ausge- macht. Ihre permanente Kritik „am Sys- tem“ verbindet sie faktisch ausschließlich mit Angstparolen gegen MigrantInnen. Nicht weniger als 27 Prozent der Befrag- ten folgen ihr inzwischen dabei und wür- den bei der nächsten Wahl „freiheitlich“ wählen. Gleichzeitig haben allerdings viele der in der Bevölkerung gefühlten und gerade jetzt auch zunehmenden Ängste wenig mit den Angeboten und „Lö- sungen“ der FPÖ zu tun. So machen sich im Angesicht der Krise knapp 90 Prozent der Menschen Sorgen um ihre künftige soziale Absicherung. Ebenso viele haben Angst vor einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Aus der Perspektive von ÖGB und AK sind ge- rade solche Ängste nicht nur rational nachvollziehbar, sondern sie werden als Handlungsauftrag verstanden. „Die Be- schäftigten haben die Krise nicht verur- sacht. Aber sie haben mit Angst um den Arbeitsplatz oder mit Arbeitslosigkeit dafür gezahlt und sollen jetzt auch noch die Sparpakete mittragen“, kommen- tierte AK-Präsident Tumpel die Stim- mung Anfang 2012. Welt, „die niemand mehr versteht“ „In jedem Fall hat die Finanzkrise eines bewirkt: Alle (auch die Experten und Po- litiker) sind in eine Welt katapultiert, die niemand mehr versteht.“ Zweifellos be- schreibt der Soziologe Ulrich Beck mit diesem Satz ein breit verankertes Gefühl. Und ebenso unstrittig ist, dass dieses „Nicht-mehr-verstehen“ den Pegel irra- tionaler Vorstellungen steigen lässt. Doch wer, wenn nicht gerade auch die Gewerkschaftsbewegung, könnte zum „rationalen Verstehen“ der Welt beitra- gen? Erstens kann durch die Bildungs- und Kulturarbeit von AK und ÖGB der bzw. die Einzelne nicht nur befähigt wer- den, ökonomische Zusammenhänge zu verstehen (und zu verändern), sondern auch bei der Bekämpfung irrationaler Ängste spielt dieser persönliche Ansatz eine entscheidende Rolle. Perspektiven einer anderen Welt Entsprechende – irrationale – Denkmus- ter können nämlich zwar durchaus „kol- lektiv“ und „von oben“ implementiert werden. Doch ohne persönlichen Kon- takt, ohne eine „am Kollegen bzw. an der Kollegin“ orientierte Strategie, wer- den beispielsweise Vorurteile und Feind- bilder Einzelner kaum nachhaltig aufge- löst. Professionelle Trainingseinheiten gegen Rassismus und Rechtsextremis- mus – wie sie u. a. auch im Rahmen des VÖGB angeboten werden – machen also durchaus Sinn. Zweitens besitzen Gewerkschaften seit jeher das Potenzial, eine Perspektive in Richtung einer „anderen Welt“ zu er- zeugen. Insbesondere der seit mehreren Jahren bestehende Dialog bzw. die Zu- sammenarbeit mit neuen politischen Kräften und sozialen Bewegungen ha- ben hier eine Vielzahl von Konzepten zur Veränderung der Gesellschaft erge- ben. Theoretisches und auch praktisch umsetzbares Rüstzeug wäre somit vor- handen. Spannenderweise finden sich Gewerkschaften zudem in der aktuellen politischen Großwetterlage in einem völlig offenen Rennen wieder. Neue Töne im Widerstand Nicht nur die öffentliche Debatte um die Neubewertung des Fiskalpaktes oder der griechische Widerstand gegen die Spar- politik setzen ganz neue Töne. Mindestens ebenso bemerkenswert scheint, dass in den zwei bereits er- wähnten Negativfällen – jener der Regierung in den Niederlanden und Ex-Präsident Sarkozy – PolitikerInnen zu Fall gebracht worden sind, die nicht nur für Soziabbau standen, sondern sich auch an die extreme Rechte anbie- derten. Und in beiden Fällen hatten Positionen und Aktivitäten von Ge- werkschaften schlussendlich einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dieser Entwicklung. Internet: Zum Weiterlesen – Jahresbericht 2011 der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz: tinyurl.com/cpwwse7 Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor johnevers@gmx.net oder die Redaktion aw@oegb.at WahrsagerInnen und KartenlegerInnen nehmen heute Sendeplätze im deutschen Privat-TV ein, die früher ausschließlich dem Teleshopping vorbehalten waren. © D an ie l F la m m e

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.