Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/2012 21Schwerpunkt gerung positiv, es hat jedoch keinen Ein- fluss mehr auf ihr Stress- oder Glücks- empfinden. Umgekehrt betrachtet, po- tenziert niedriges Einkommen laut dieser Studie emotionalen Stress, welcher durch unglückliche Lebensumstände (z. B. Scheidung, Krankheit) hervorgerufen wird. Auch die Psychologin und Glücks- forscherin Sonja Lyubomirsky bestätigt in ihren Publikationen, dass Geld zwar glücklicher macht, jedoch nur kurzfristig und beschränkt. Schließlich tritt ein Gewöhnungseffekt ein und der Nutzen ist nicht mehr so groß. Somit wird – gesamtgesellschaftlich betrachtet – die Gewerkschaftsforderung nach mehr Ver- teilungsgerechtigkeit unterstützt. Die Arbeiterkammer hat Manager- gehälter unter die Lupe genommen: Laut dem Austrian Traded Index (ATX), dem wichtigsten Aktienindex Öster- reichs, verdient ein Top-Manager das 48-Fache eines durchschnittlichen Be- schäftigten, vor zehn Jahren war es das 20-Fache. 2011 belief sich die Vor- standsgage auf 1.301.070 Euro, wäh- rend das Medianeinkommen bei 27.347 Euro lag. Abgesehen von der mora- lischen Bewertung kann aufgrund der oben angeführten Erhebungen ganz nüchtern davon ausgegangen werden, dass die Lebenssituation der Spitzenver- dienerInnen nicht um das 48-Fache besser ist. Genauso unwahrscheinlich ist auch, dass diese Spitzenverdiener 48- mal so viel arbeiten wie die übrigen Be- schäftigten. Insofern ist es doch umso verwunderlicher, warum dermaßen ver- bissen gegen vermögensbezogene Steu- ern lobbyiert wird. Dagobert-Duck-Syndrom? Diese Mentalität erinnert unweigerlich an Dagobert Duck. In seiner Überzeich- nung bringt der Charakter dieser Comic- Figur zum Ausdruck, dass ihn sein Reich- tum weder sorgenfrei noch glücklich macht. Im Gegenteil: Sein ganzes Streben ist dahingehend ausgerichtet, sein Ver- mögen zu vermehren, dabei kann er je- doch weder sich selbst noch anderen et- was gönnen. Er bezahlt seine Angestell- ten schlecht und widerwillig, spielt dabei gleichzeitig seinen eigenen gigantischen Reichtum so herunter, als ob ihm jemand unrechtmäßig etwas vom „kleinen“ Er- sparten wegnehmen würde. Dagobert Duck ist von der ständigen Angst beses- sen, auch nur einen Dollar zu verlieren. Eigentlich kein erstrebenswerter Zu- stand. Und doch: Gerade bei den vermö- gensbezogenen Steuern, wo es lediglich um die Herstellung von etwas mehr Verteilungsgerechtigkeit geht, wird – nicht in Comics, sondern ganz ernsthaft und real – gerne von „Enteignung des Mittelstands“ gesprochen, was bei den Geldbeträgen und vorgeschlagenen Steuermodellen (ÖGB-Vermögenssteu- ermodell: Gestaffelte moderate Steuer- sätze ab einem Reinvermögen von 700.000 Euro) natürlich an den Fakten komplett vorbeigeht. Nutzen aus spiritueller Sicht Oder wie der Dalai Lama unwissen- schaftlich, aber einleuchtend erklärt: Selbst bei unermesslichem Reichtum können Reiche nicht mehr essen als an- dere, da sie nur einen Magen besitzen, und an ihren Händen ebenfalls nicht mehr Finger haben, die sie mit Ringen schmücken könnten. Er räumt zwar ein, dass es Befriedigung verschaffen mag, sagen zu können „Ich bin reich“ – aber der Stress, um das Vermögen aufzubau- en, die provozierte Eifersucht und Miss- gunst an derer Menschen bergen gewal- tige Nachteile. Unterm Strich kommt der Dalai Lama zu dem Schluss, der einzige echte Vorteil, im Besitz von viel Geld zu sein, bestünde darin, dass man durch Reich- tum anderen besser helfen könne. So- mit ist das spirituelle Oberhaupt des ti- betischen Buddhismus sehr stringent in seinen Überlegungen, schließlich rät er auch beim Kampf gegen die Angst ähnliches. Internet: ATX – Managergehälter-Analyse per April 2012: tinyurl.com/ce8upzb Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin elke.radhuber@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm Der Begriff Angst kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „eng“ – von Angst erfüllt wird die Perspektive eng und letztlich auch der Handlungsspielraum.

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