Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/2012 27Schwerpunkt
Unrecht bekämpft. Und nur äußerst sel-
ten ist reflexartig schnelles Handeln er-
forderlich. Wer helfen will, ohne sich 
selbst in Gefahr zu bringen oder mit dem 
Gesetz in Konflikt zu geraten, sollte nach 
Möglichkeit erst einmal tief durchatmen 
und Ruhe bewahren. Sobald man er-
kannt hat, dass tatsächlich etwas Unge-
wöhnliches passiert, verschafft man sich 
am besten einen Überblick, ob die Situ-
ation eskalieren könnte. 
Die Entscheidung, ob Handlungs-
bedarf besteht, ist oft schwierig: Wo 
beginnt unsere Verantwortung und 
wo endet die Privatsphäre der anderen? 
Ist ein Eingreifen erforderlich, dann 
stellen Sie Öffentlichkeit her, sprechen 
Sie mit lauter Stimme. Suchen Sie 
Mit„streiter“, bitten Sie andere, die 
vielleicht noch unentschlossen sind, 
um gemeinsames Vorgehen.
Nicht handgreiflich werden
Halten Sie Abstand von AngreiferInnen 
bzw. AggressorInnen. Duzen Sie den/die 
TäterIn nicht, das könnte von ihm/ihr 
als Provokation empfunden werden. Au-
ßerdem: PassantInnen vermuten dann 
vielleicht eine private Auseinanderset-
zung, was vom Eingreifen eher abhält.
Beschränken Sie sich darauf, eine 
Straftat zu verhindern, werden Sie nicht 
selbst handgreiflich! Dominik Brunner 
etwa hatte damals zwar auch per Handy 
die Polizei gerufen, aber dann als erster 
zugeschlagen. Und – wie erst spät be-
kannt wurde – der Manager hatte ein 
stark vergrößertes Herz, durch den 
Stress der tätlichen Auseinandersetzung 
starb er letztendlich an Herzversagen.
Zivilcourage ist in vielen Situati-
onen gefragt und kann – etwa am Ar-
beitsplatz – durchaus unspektakulär 
sein. Sich vom Firmentratsch über den 
Kollegen, dessen (vermeintliches) Alko-
holproblem seit Monaten hinter sei-
nem Rücken besprochen wird, deutlich 
zu distanzieren und stattdessen nach 
Lösungsmöglichkeiten zu suchen, er-
fordert trotzdem Mut und Selbstbe-
wusstsein.
Dran bleiben
Und manchmal gehören auch Durch-
haltevermögen und Hartnäckigkeit da-
zu. Behörden und Institutionen etwa 
reagieren erfahrungsgemäß eher langsam 
und träge, häufig sind mehrere Personen 
verwickelt, von denen sich mitunter 
 niemand richtig zuständig fühlt. So 
kommt es dann, dass Kinder (fast) zu 
Tode gequält werden, obwohl Jugend-
amt, Polizei etc. von aufmerksamen Bür-
gerInnen informiert wurden. 
Oder dass – wie kürzlich in Bosnien 
– eine 19-Jährige jahrelang von ihrer 
Großmutter und deren Familie wie eine 
Sklavin gehalten wird. Ein Nachbar 
 hatte schon Jahre zuvor Anzeige er-
stattet, die Polizei war damals bei der 
Hausdurchsuchung aber nicht gründ-
lich genug. So musste das Mädchen 
 weiterhin Misshandlungen erdulden, 
im Schweinestall leben, vor einen Lei-
terwagen gespannt Lasten ziehen (was 
auch von anderen Nachbarn beobachtet 
wurde). Erst als dem Nachbar ein Be-
weisfoto mit seinem Handy gelang, 
wurde das Mädchen schließlich gefun-
den und befreit.
Wie genau ein Mensch „gestrickt“ 
sein muss, um Zivilcourage beweisen 
zu können, darüber sind die Psycholo-
ginnen und Psychologen nicht ganz 
 einig. Wer in welcher Notsituation 
wie reagiert, das hängt nicht nur von 
der Persönlichkeit ab, sondern auch 
von der Tagesverfassung und von bisher 
 Erlebtem. 
Gleich mehrere Organisationen ha-
ben es sich zur Aufgabe gemacht, Kin-
der und Jugendliche hier zu unter-
stützen. Seit April 2010 bietet etwa 
das Mauthausen Komitee Österreich 
(MKÖ) Zivilcourage-Trainings an. Bis-
her nahmen mehr als 6.000 Jugend-
liche an den Workshops in ganz Öster-
reich teil. 
Die vierstündigen Trainings für 
SchülerInnen und Lehrlinge ab der 
10. Schulstufe sind kostenlos und wer-
den direkt vor Ort in den Räumlich-
keiten von Schulen oder Bildungsein-
richtungen durchgeführt. In Wien 15 
und 16 veranstaltet ZARA Schulwork-
shops zu den Themen Diskriminie-
rung, Gleichbehandlung und Zivil-
courage.
Internet:
Zivilcourage-Trainings des MKÖ:
www.zivilcourage.at
www.zara.or.at
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an die Autorin
afadler@aon.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Menschen, die wegschauen, vor dem Leid 
 anderer die Augen verschließen, vorbeigehen, 
bei Unfällen keine Hilfe leisten, sogar wenn  
sie selbst dadurch nicht gefährdet würden, 
diese Phänomene finden sich nicht nur in  
den  Geschichtsbüchern, sondern auch immer  
wieder in den Massenmedien. ©
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