Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/2012 31Schwerpunkt
grund für Arbeit neben Schule oder Stu-
dium ist die eigene finanzielle Lage. Je 
schlechter SchülerInnen und Studieren-
de diese beurteilen, desto häufiger sind 
sie neben ihrer Ausbildung berufstätig.
Junge fühlen sich ausgenutzt
Die Verschärfung des Arbeitsmarktes 
wird auf die Studierenden abgewälzt, ob-
wohl das ein politisch-soziales Problem 
ist. „Die Angst beginnt schon bei der Stu-
dienwahl“, weiß Gruber. „Man soll zum 
Beispiel Jus studieren, auch wenn das 
nicht den eigenen Neigungen und Inte-
ressen entspricht, weil man ja angeblich 
mit  sogenannten Orchideenfächern nie-
mals einen Job bekommt. Während des 
Stu diums geht es dann darum, Soft Skills 
zu erwerben, Praktika zu absolvieren, 
ECTS-Punkte abzuhaken und nebenbei 
auch noch zu arbeiten. Da bleibt dann 
eine Auseinandersetzung mit dem Fach 
auf der Strecke.“
Der AK-Studie zufolge fühlt sich die 
Mehrheit der Jungen ausgenützt: „Die 
meisten Betriebe benutzen Praktikanten 
nur als billige Arbeitskräfte“, meinen gut 
zwei Drittel der Befragten. Freilich 
spricht das für die meisten nicht gegen 
Praktika an sich, sondern gegen die Pra-
xis der Praktika. „Wir haben gemeinsam 
mit AK und Gewerkschaft das Gütesie-
gel Praktikum ausgearbeitet, das ver-
bindliche Richtlinien für faire Praktika 
zusammenfasst“, freut sich Gruber, „aber 
das kann nur ein erster Schritt sein.“ Die 
Zufriedenheit mit Ausbildung oder Be-
ruf ist eher durchwachsen: Fast die Hälf-
te der SchülerInnen (48 Prozent) geht 
„sehr ungern“, „nicht so gern“ oder „teils 
gern, teils ungern“ in die Schule. Unter 
den Lehrlingen beträgt der entspre-
chende Anteil 30 Prozent, bei den Be-
rufstätigen sind es 29 Prozent und bei 
den Studierenden 22 Prozent.
Uni- und arbeitsmarktpolitisch be-
steht viel Handlungsbedarf, um Preka-
risierung, Werkverträgen und Neuer 
Selbstständigkeit etwas entgegenzuset-
zen und eine soziale Absicherung wäh-
rend des Studiums zu gewährleisten. 
„Der Bund darf seit ein paar Monaten 
nur mehr bezahlte Praktika anbieten“, 
berichtet Angelika Gruber, „ein erster 
Erfolg, dem noch viele folgen müssen.“ 
Die ÖH setzt sich für eine sinnvolle Ar-
beitsmarktpolitik ein, die die Zukunfts-
ängste der Studierenden verringert. 
„Klar, wir haben eine Wirtschaftskrise, 
und in Spanien zum Beispiel haben die 
Menschen noch ärgere Exis tenzängste, 
aber auch bei uns sind die Aussichten 
nicht rosig. Damit es nicht noch 
schlimmer wird, sollte die Verschulung 
der Universitäten rückgängig gemacht 
werden und die Wirtschaft soll sich 
nicht in die Unis beziehungsweise FHs 
einmischen“, meint Angelika Gruber 
kämpferisch. „Die Mindeststudienzeit 
ist heute de facto die Höchststudien-
zeit, denn länger darf man nicht für ein 
Studium brauchen. Eine Begriffs-
umkehr!“ 
Alarmsignal Jugend unter Druck
Auch diejenigen, die keine konkrete 
Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes 
haben, beschreiben meist das Gefühl, 
dass die Situation in der Arbeit „immer 
enger“ wird. Etymologisch kommt Angst 
ja von der Enge (lat. angustia), das heißt 
also, dass es für fast alle immer enger am 
Arbeitsplatz wird. „Es ist ziemlich egal, 
ob sie aus bildungsnahen oder bildungs-
fernen Verhältnissen kommen, viele jun-
ge Menschen müssen in prekären Ver-
hältnissen leben“, stellt Jürgen Michl-
mayr fest, „und sie alle haben die Angst: 
‚Werde ich den Job in sechs Monaten 
noch haben?‘“
„Für mich ist es ein Alarmsignal, wie 
stark sich die jungen Menschen in 
 Österreich heute unter Druck gesetzt 
fühlen“, sagt AK-Präsident Herbert 
 Tumpel. Ernst zu nehmen sei die Forde-
rung nach mehr Gerechtigkeit in der 
 Gesellschaft: „Bei der Kritik und den 
Forderungen der Jungen müssen wir an-
setzen, wenn wir nicht eine ganze 
Genera tion enttäuscht zurücklassen 
wollen.“ Es gehe, so Tumpel „um nichts 
weniger, als das Vertrauen in die gesell-
schaftliche Entwicklung wiederherzu-
stellen. Wir müssen die Sorgen der Jun-
gen ernst nehmen. Wir brauchen ja 
auch ihr Engagement und ihren Einsatz, 
wenn wir mehr Gerechtigkeit in der Ge-
sellschaft wollen.“
 
Internet:
Jugendwertestudie:
wien.arbeiterkammer.at/bilder/d174/ 
Jugendwertestudie.pdf
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e
Die Jugendlichen stehen unter Druck, zum Beispiel 
am Bau, wenn sie dort nur als billige Hilfskraft 
 Verwendung finden, Zementsäcke schleppen.
        

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