Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201232 Schwerpunkt
Krank in die Arbeit 
Immer mehr Menschen trauen sich nicht, in Krankenstand zu gehen. Sie haben 
Angst, den Job zu verlieren oder Mobbing ausgeliefert zu sein.
H
aaatschi.“ – „Gesundheit.“ Be-
schäftigte schleppen sich zuneh-
mend krank zur Arbeit. Sie haben 
Angst, gekündigt zu werden und 
wagen es nicht, Grippe und Co. daheim 
auszukurieren. 
Immer mehr Menschen bleiben 
nicht daheim, wenn es ihnen schlecht 
geht, stellt die Arbeiterkammer Ober-
österreich im Beratungsalltag fest. Kon-
kret sind das rund 42 Prozent der 
DienstnehmerInnen, jede/r von ihnen 
durchschnittlich neun Tage pro Halb-
jahr, erzählt Präsident Johann  Kalliauer. 
Viele haben Angst um ihren Job – vor 
allem ArbeiterInnen, die schneller als 
Angestellte ab- oder angemeldet sind. 
Beispielhafte Anfrage bei der AK: Ein 
Arbeitgeber fordert den Arbeiter nach 
einem Arbeitsunfall auf, der einver-
nehmlichen Lösung des Dienstverhält-
nisses zuzustimmen. Oft folgt dabei der 
Zusatz: Derjenige könne sich melden, 
sobald er gesund sei. Empfehlung der 
AK: Nie vorschnell auf eine solche For-
derung eingehen – Krankengeld von 
der Krankenkasse stellt immer einen 
 finanziellen Nachteil im Vergleich zu 
einem aufrechten Dienstverhältnis dar.
Langfristig denken
Es gibt auch Unternehmen, die kranke 
MitarbeiterInnen schon mal heimschi-
cken. Viele ArbeitnehmerInnen bekom-
men aber Dinge zu hören wie: Man sol-
le sich ein Beispiel an der Kollegin neh-
men, die nie krank zu Hause bliebe. 
„Auch Unternehmen wären gut beraten, 
langfristig zu denken“, meint Kalliauer. 
„Eine übertauchte Grippe führt oft zu 
einem längeren Ausfall, nur dass vorher 
noch andere mit dem Virus angesteckt 
wurden.“
Reale Angst vor Krankheit
Weitere Motive, sich nicht zu Hause aus-
zuheilen: falsch verstandene Kollegiali-
tät, Pflichtbewusstsein oder bestehender 
Druck, weil niemand anderer außer 
dem/der Kranken Termine wahrnehmen 
kann. Eine Beobachtung, wie sie auch 
Hans Morschitzky macht: „Die Angst 
vor dem Kranksein ist eine reale Angst.“ 
Der Psychologe und Psychotherapeut 
beobachtet, wie immer mehr Menschen 
warnende Anzeichen einer Krankheit 
verdrängen – bis an einem Krankenstand 
kein Weg mehr vorbei führt. Bis dahin 
muss der Leidensdruck aber hoch 
werden … 
Dahinter steckt Angst um die eigene 
Existenz – im Alter unversorgt zu sein, 
keine Pension zu bekommen. Ein Ar-
beitnehmer, der keine Leistung bringt, 
ist schnell gekündigt. In der nett 
 klingenden Botschaft „Kurier dich da-
heim aus“ schwingt leicht die Warnung 
mit: „Aber wenn das noch mal passiert, 
müssen wir uns trennen.“ Hat man 
erst einmal beobachtet, wie es Kolle-
ginnen und Kollegen nach langer 
Krankheit ergangen ist, wagt man selbst 
nicht mehr zu Hause zu bleiben, auch 
wenn man sich noch so mies fühlt. 
Manch eine/r geht nicht mehr zum 
Arzt, weil sie/er sowieso nicht krankge-
schrieben werden will.
Zahlreichen Unternehmen geht es 
um Profitmaximierung. Viele geben 
zwar mittlerweile Geld für betriebliche 
Gesundheitsvorsorge aus, sehen jedoch 
in kranken und/oder alten Dienstneh-
merInnen nur einen Kostenfaktor, des-
sen einfachste Lösung die Kündigung 
zu sein scheint. Loyalität ist kaum mehr 
zu finden, wo man früher gute Leute bis 
zur Pension beschäftigt hat. In einer 
Zeit, in der jeder auswechselbar gewor-
den ist, macht ein Krankenstand den 
entscheidenden Unterschied … 
Durchschnittlich 13 bis 14 Tage pro 
Jahr sind die ÖsterreicherInnen im 
Krankenstand. Hat man einmal den Job 
wegen Krankheit verloren, spricht sich 
das herum – die Unternehmen warten 
lieber auf BewerberInnen ohne chro-
nische Erkrankungen ? la Migräne.
Krank oder VerräterIn?
In der heutigen Leistungsgesellschaft 
sind Stellenpläne vielerorts so knapp kal-
kuliert, dass die Arbeit nur in Vollbeset-
zung zu schaffen ist. De facto tritt diese 
mit Urlauben, Schulungen oder Kran-
kenständen aber nie ein. Es kommt zu 
Dauerstress. 
Viele ArbeitnehmerInnen glauben 
sich unersetzlich – wer länger als zwei 
Wochen ausfällt, gilt schnell als nicht 
belastbar und fühlt sich vor Kolleginnen 
und Kollegen als VerräterIn. Man will 
die anderen nicht im Stich lassen, soli-
darisch sein, statt Dinge zu hören wie 
„Wir müssen arbeiten, während du in 
der Hängematte liegst“. Die Gefahr von 
Mobbing seitens der Kolleginnen und 
Kollegen ist gegeben. „Na, wie lange 
Autorin: Anni Bürkl
Freie Journalistin
        

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