Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201236 Schwerpunkt O perngala eines international agie- renden Konzerns. Während aus- nahmslos alle der festlich geklei- deten Menschen in Richtung der Logen und Balkone drängen, versucht sich ein Herr den Weg Richtung Bille- teur zu bahnen. Seine Gesichtsfarbe ist resedagrün und gleicht im Farbton eini- gen changierenden Festroben. Seine Stimmung allerdings ist einfach zu be- schreiben: Panik. Er könne unmöglich seinen Platz behalten und brauche ent- weder einen im Parkett, welcher sei völ- lig gleich, aber dort im dritten Rang könne er unmöglich sitzen bleiben. Nach kurzem Hin und Her war klar, der Mann litt unter einer ausgeprägten Höhen- angst. Der Blick von seinem Platz am dritten Rang löste bei ihm Schweißaus- brüche, Atemnot, Übelkeit, kurz eben existenzielle Panik aus. Von Spinnenangst und Sozialphobie Das klassische Beispiel für Phobien dürfte aber die in unseren Breiten weit- verbreitete Spinnenangst sein. Kaum jemand, der oder die nicht jemanden kennt, der oder die beim Anblick der kleinen Krabbeltiere in Hysterie verfällt. Wobei die Stärken der Reaktion durch- aus unterschiedlich sein können. Von Unwohlsein und gesteigertem Kontroll- verhalten (sitzt das Tier noch ruhig in seinem Eck?) bis zu völlig unsinnigem Fluchtverhalten kann man schon im eigenen Umfeld meist alle Reaktionen beobachten. Es gibt aber auch Sozialphobike- rInnen. Menschen also, die sich in be- stimmten Situationen (in schlimmen Fällen auch so gut wie immer) Gedan- ken darüber machen, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder sich peinlich oder gar beschämend zu ver- halten. Für sie wird das Leben zur Qual, und die Sozialkontakte schrumpfen. Viele von ihnen verlieren nach einiger Zeit die Arbeit und nicht wenige flüch- ten in Abhängigkeiten. Depressionen und eine stark gesteigerte Suizidgefähr- dung machen das Leben mit einer aus- geprägten Sozialphobie zu einer sehr gefährlichen Sache, die jeglicher Komik entbehrt. Der Ursprung der Angst Angst und Furcht sind zwei Phänomene, die schon bei den alten Griechen belegt sind und mit Sicherheit die Menschheit begleiten, seit sie die Erde bevölkert. Wobei man zwischen Angst und Furcht unterscheiden muss, auch wenn diese Begriffe umgangssprachlich gerne als Synonyme verwendet werden: Furcht ist auf etwas gerichtet, Angst ist gegen- standslos. Als „Weltangst“ taucht sie schon im Hellenismus und später im Christentum auf. Bei den modernen Philosophen wird die Angst als Bestand- teil des menschlichen Handelns, als ein Grundzug des menschlichen Daseins begriffen. Im Gegensatz zur Angst ist die Furcht immer schon eine gute Ratgebe- rin und treue Begleiterin des Menschen gewesen. Die Furcht vor wilden Tieren hat unsere Vorfahren vorsichtig und er- finderisch gemacht. Die Furcht vor gif- tigen Pflanzen hat sie ein großes Wissen über essbare und giftige Pflanzen und deren Wirkungen sammeln lassen. Das kann man loswerden Die gute Nachricht für alle, die an Spinnen-, Höhen- oder Flugangst lei- den: Das kann man loswerden. Es gibt verschiedene Wege, diese Arten der Pho- bien zu therapieren, erklären Expertin- nen und Experten: Entspannungsver- fahren, Verhaltenstherapie, kognitive Therapie, Psychoanalyse, aber auch Medikamente werden eingesetzt, um Menschen mit ausgeprägten Phobien zu heilen. In der Verhaltenstherapie gibt es zwei Ansätze: Bei der Reizkonfrontation, dem sogenannten „flooding“, erfolgt mit therapeutischer Begleitung eine maxi- mal angstauslösende Situation, die so lange ausgehalten werden muss, bis eine physiologische Gewöhnung eintritt und der/die PatientIn lernt, dass die gefürch- teten katastrophalen Folgen ausbleiben. Diese brutale Methode ist bei den bekannten und gängigsten Phobien die erfolgversprechendste. PatientInnen al- lerdings nehmen das Konzept nicht wirklich gut an. Da ist den meisten der sanfte Einstieg ins Thema und die langsame Dosissteigerung dann doch lieber. So wie bei Flugangstseminaren, die gute Ergebnisse liefern. Dort wird erklärt, wie das Fliegen funktioniert und wie die zahlreichen Sicherheits- systeme zusammenspielen. Wie AUA- Psychologe Robert Wolfger betont, würden 99 Prozent aller TeilnehmerIn- nen seiner Seminare den Abschluss- Autorin: Dagmar Gordon Freie Journalistin Helle Panik und dunkle Abgründe Wir fürchten uns alle vor irgendetwas. Wenn sich die Furcht aber verselbstständigt und in Panik umschlägt, dann kann das Leben zur Hölle werden.

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