Volltext: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201238 Schwerpunkt Working Class Heroes Die Arbeitswelt im Film – abseits von sexy Sekretärinnen, heldenhaften Ärzten und Top-Anwältinnen. D ie Anforderungen und Probleme der Arbeitswelt haben seit der Stummfilmzeit immer wieder Filmschaffende inspiriert. Neo- liberalismus, Kasino-Kapitalismus und nicht zuletzt die Wirtschaftskrise liefern nach wie vor jede Menge Stoff, eher neu ist der Trend, diesen mit Witz und Ro- mantik leichter verdaulich zu machen. Jung-Akademiker Till ist smart, ehrgeizig und hat mit den Idealen sei- ner Alt-68er-Eltern nichts am Hut. Als man ihn nach längerem Praktikanten- Dasein inklusive jeder Menge Über- stunden, Golftaschen-Schleppen für den Chef und anderen Erniedrigungen mit ein wenig Lob und einem weiteren Praktikum abspeisen will, wehrt er sich auf seine Art. Er gründet eine Agentur, die unzufriedene PraktikantInnen berät und diesen – mit manchmal etwas un- sauberen Methoden – zu ihrem Recht verhilft. Wie Till bald selbst zum ty- pischen Chef wird und dann doch wie- der – gemeinsam mit seiner Jugend- freundin Sydelia – zum Umsturz aufruft, das erzählt „Résiste! Aufstand der Praktikanten“ mit Witz und Ein- fühlungsvermögen. 1895 beim Verlassen der Fabrik Viel hat sich verändert, seit die Gebrüder Lumi?re im Jahr 1895 in einem der ers- ten Filme weltweit ArbeiterInnen beim Verlassen ihrer Fabrik beobachteten – nicht nur in technischer Hinsicht. Gleich geblieben ist die Absicht von manchen Filmschaffenden, aktuelle Ent- wicklungen und Probleme der Arbeits- welt aufzugreifen, zu zeigen, was Arbeit und deren Verlust bedeuten kann. Im Gegensatz dazu dien(t)en bei Main- stream-Produktionen (auch wenn diese nicht aus Hollywood kommen) der Ar- beitsplatz und damit zusammenhängen- de Probleme meist als Kulisse für Action, Heldentum, Witze oder Beziehungsge- schichten. „Modern Times“ Lange Zeit war die Abbildung von Ar- beit gleichbedeutend mit der Darstel- lung von Fabriken, FließbandarbeiterIn- nen, Ernte helferInnen etc., kurzum mit körperlicher Arbeit. Negative Folgen der Industrialisierung, Einsamkeit, Eintö- nigkeit und Entfremdung ließen sich so besonders anschaulich darstellen (z. B. 1938 „Modern Times“ von und mit Charlie Chaplin). Die Weltwirtschafts- krise inspirierte Autoren und die Film- industrie. John Ford verfilmte 1940 John Steinbecks „Früchte des Zorns“, wo die Schicksale ausgebeuteter Landarbeiter beschrieben werden. In Österreich stan- den 1932 in „Scampolo“ (Regie: Billy Wilder) ein armes Mädchen von der Straße sowie ein arbeits- und mittelloser Bankier im Mittelpunkt. Der Fokus des Interesses engagierter (linker) Filmschaffender lag lange Zeit auf der Arbeiterklasse, Hollywood leis- tete unter anderem 1978 mit Sylvester Stallone in der Rolle des Gewerk- schaftsführers Johnny Kovak einen Bei- trag („F.I.S.T. – Ein Mann geht seinen Weg“). Kurz darauf wurde „Norma Rae – Eine Frau steht ihren Mann“ (Titel- rolle: Sally Field) nicht nur mit Oscars und einem Golden Globe ausgezeich- net, sondern auch in Cannes prämiert. Die Veränderungen in der Welt der Ar- beiterInnen (Stichwort Emanzipation, MigrantInnen etc.) brachten auch neue Themen in die Kinos – zum Teil mit etwas Verspätung. So schilderte 2005 die neuseeländische Regisseurin Niki Caro in „Kaltes Land“ die Geschichte einer amerikanischen Minenarbeiterin, die in den 1980er-Jahren Klägerin im ersten Prozess zum Thema sexuelle Be- lästigung am Arbeitsplatz war. Am Puls der Zeit hingegen Sabine Derflinger mit ihrem Spielfilmdebüt „Vollgas“ (2002), in dem sie mit beklemmender Realität den Alltag einer Saisonkellne- rin im Tiroler Wintertourismus als ge- fährliches Pendeln zwischen den Extre- men beschreibt. „Ganz oder gar nicht“ Ein neuer, eher humorvoller Zugang zu den Problemen der Arbeiterklasse entwi- ckelte sich während der 1990er-Jahre in Großbritannien. In „Brassed Off“ (1996) und „Ganz oder gar nicht“ (1997) zeigen erwerbslose Arbeiter, dass Freisetzung auch etwas mit Freiheit zu tun haben kann und dass Arbeitslosigkeit zwar vie- le Probleme mit sich bringt, aber das Le- ben damit nicht automatisch zu Ende ist. „Brassed Off – Mit Pauken und Trompe- ten“ ist der ernstere Film, vermutlich kam deshalb die Komödie „Ganz oder gar nicht“, in der ehemalige Stahlarbeiter sich zu einer Männer-Strip-Gruppe formie- ren, beim Publikum deutlich besser an. Autorin: Astrid Fadler Freie Journalistin

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