Volltext: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/2012 41Schwerpunkt
sieht es vermutlich in Betrieben aus, die 
keine Forschung und Entwicklung in 
 Österreich haben, am inländischen Un-
ternehmensstandort lediglich produzie-
ren lassen und dadurch keine Nische 
 besetzen. Darüber waren jene Kollegin-
nen und Kollegen in unserer Reisegruppe 
beunruhigt, die in solchen Konzernen 
arbeiten. 
Die Erfahrung in den besuchten 
 Betrieben zeigt, dass nicht (mehr) die 
billigen Arbeitskräfte der Grund sind, 
einen Unternehmensstandort in China 
zu betreiben. Zum Glück verliert China 
zunehmend den für viele Arbeitneh-
merInnen sehr bitteren Beigeschmack 
„Billiglohnland“. Mittlerweile unter-
nimmt die Regierung Chinas große 
 Anstrengungen, um die Binnennach-
frage zu stärken und die Abhängigkeit 
vom Außenhandel zu minimieren. So ist 
ein großes Ziel von Chinas Regierung 
im Fünfjahresplan von 2011–2015, 
ein nachhaltiges Wachstum bei Aus-
gleich sozialer Entwicklungsdifferenzen 
zu schaffen – von „glücklichem Wachs-
tum“ wird gesprochen. Die Mindest-
löhne sollen jährlich um 13 Prozent 
 steigen. 
Chinas Wirtschaftswachstum
Seit China 1976 mit seiner Öffnungspo-
litik begonnen hat, geht es mit seiner 
Wirtschaft rasant bergauf. Alle Prognosen 
zum Wirtschaftswachstum wurden bis-
her immer übertroffen. So verzeichnete 
China in den letzen Jahren ein jährliches 
reales BIP-Wachstum von mehr als zehn 
Prozent, 2011 lag es bei 9,2 Prozent.1 
Zum Vergleich: Das reale BIP-Wachstum 
2011 in Österreich lag bei 3,1 Prozent.2 
Zudem hört man immer wieder aus der 
Medienlandschaft, dass China die Welt 
aufkauft und es auch in Österreich bereits 
erste Übernahmen gab, wie z. B. beim 
Flugzeugzulieferer FACC mit Standort 
Oberösterreich oder dem Motorenher-
steller ATB Austria in der Steiermark. 
China ist mittlerweile nicht nur mehr 
Empfängerland von ausländischen Dritt-
investitionen, sondern investiert auch 
 zunehmend in ausländischen Märkten. 
Die Direktinvestitionen, die China im 
Ausland tätigte, lagen 2010 bei 69 Mrd. 
USD. Obwohl die chinesischen Investi-
tionen in der EU steigen, nehmen sie mit 
neun Prozent im Jahr 2010 nach wie vor 
eine untergeordnete Rolle ein. Die aus-
ländischen Direktinvestitionen in China 
beliefen sich dazu im Vergleich im Jahr 
2010 auf 106 Mrd. USD. 
Die Kehrseite der Medaille
Die Situation und die positive Entwick-
lung Chinas wirken sich auf die/den 
Einzelne/n aber nicht so rosig aus. Das 
Pro-Kopf-BIP lag 2011 bei 8.382,00 
USD, im Vergleich dazu Österreich: 
41.822,00 USD.3
Nach wie vor gibt es Millionen von 
Menschen, die an der positiven Ent-
wicklung nicht partizipieren. Jährlich 
ziehen Millionen von Wanderarbeite-
rInnen vom Land in die Stadt und hof-
fen durch die Arbeit in einer Fabrik auf 
ein besseres Leben. Dafür nehmen sie 
oft jahrelange Trennungen von ihren Fa-
milien in Kauf. Erwartet werden sie von 
ausbeuterischen Bedingungen, die ein 
Leben und Arbeiten in Würde kaum er-
möglichen. 
Global agieren, ganzheitlich denken
Die von uns besuchten Betriebe sind al-
lesamt Vorzeigebetriebe im Hochtechno-
logiebereich, die uns gelehrt haben, dass 
in China derzeit vieles parallel verläuft: 
Arbeitsbedingungen nach unserem Stan-
dard neben völlig ausbeuterischen Struk-
turen. Daher ist es wichtig, beide Seiten 
zu sehen. Oft fertigen gerade jene, die der 
größten Ausbeutung ausgesetzt sind, die 
Kleidung, die wir tragen, Spielzeug, das 
wir unseren Kindern geben und Elektro-
nikmaterial, mit dem wir unseren Ar-
beitsalltag erleichtern oder unseren Frei-
zeitbeschäftigungen frönen.
Wenn wir global agieren, müssen wir 
auch lernen ganzheitlich zu denken. Es 
ist in unserem Sinne, wenn sich China 
wirtschaftlich positiv entwickelt, da-
durch ein Mittelstand entsteht und als 
Folge für uns die Gefahr des Lohndum-
pings nachlässt. Schließlich geht es ja 
um Wohlstand für alle auf dieser Welt.
Internet:
Mehr Infos unter:
www.weltumspannend-arbeiten.at
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an die Autorin
eva.prenninger@oegb.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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l Kein Wunder, dass China von vielen als die 
„gelbe Gefahr“ wahrgenommen wird und die 
Angst groß ist, dass „die Chinesen“ uns die 
 Arbeitsplätze wegnehmen. Aber ist das so?
1 wtinyurl.com/yjovfug
2 tinyurl.com/44p3jd
3 World economic outlook 2012, knoema.com/IMFWEO2012Apr
        

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