Full text: Brot und Spiele (7-8)

Arbeit&Wirtschaft 7–8/201242 Internationales
E
in Unternehmen der neuen Welt, in 
dem das Zeitalter der Zusammenar-
beit und der Liebe zwischen den 
Menschen angebrochen ist.“ (Le 
 Corbusier) „Wir gewähren euch eine Betei-
ligung am Gewinn, nicht vielleicht deswe-
gen, weil wir das Bedürfnis fühlen, irgend 
Geld einfach aus Herzensgüte unter Men-
schen zu verteilen. Wir verfolgen mit die-
sem Schritt ganz andere Ziele. Wir wollen 
mit Hilfe dieser Einrichtung den Produk-
tionsaufwand noch mehr herabsetzen.“ 
(Tomáš Ba�a)
„Fabrik im Grünen“
Streng gerasterte Fabrikshallen und Büro-
gebäude aus Stahlbeton, Ziegeln und Glas, 
idyllisch verstreut im Grünen, daneben 
Tausende Einfamilienhäuschen für die 
 ArbeiterInnen und ihre Familien – so zeigt 
sich das Zentrum der mährischen Stadt 
Zlín den ArchitekturtouristInnen, die ehr-
furchtsvoll die „Fabrik im Grünen“, die 
erste funktionalistische Stadt der Welt, be-
suchen. „In allen öffentlichen und privaten 
Gebäuden strömen Licht und Luft in Flu-
ten durch große Öffnungen. Die Materia-
lien sind hell und heiter und harmonieren 
perfekt mit dem Wald, der die Stadt um-
gibt und sie unaufhörlich mit belebender 
Luft versorgt“, begeisterten sich schon 
1935 belgische Repräsentanten von CIAM, 
dem Internationalen Kongress für Moder-
ne Architektur. Hier hat sich die Familie 
Ba�a von der Flickschusterwerkstatt zum 
weltweit größten Schuhproduzenten hoch-
gearbeitet. 1914, 20 Jahre nach der Unter-
nehmensgründung, beschäftigte Ba�a be-
reits 1.200 ArbeiterInnen, 1917 stellten 
4.000 ArbeiterInnen bereits 10.000 Paar 
Schuhe täglich her. Nach dem ersten Welt-
krieg arbeitete Gründer Tomáš Ba�a in den 
USA, kam mit den Ideen Henry Fords zu-
rück nach Europa und rationalisierte die 
Schuhproduktion, zerlegte sie in kleine 
Einheiten und kontrollierte den Ablauf bis 
ins kleinste Detail. In den Fabrikshallen 
wurde Ba�as Leitspruch plakatiert: „Der 
Tag hat 86.400 Sekunden.“ 1928 war der 
ursprünglich kleine Handelsbetrieb an der 
Weltspitze angelangt.
„Gebäude sind nur ein Haufen Ziegel 
und Beton. Maschinen – nur Eisen und 
Stahl. Es sind die Menschen, die ihnen 
Leben einhauchen.“ Laut Ba�a-Stiftung 
war Tomáš Ba�a ein großer Menschen-
freund, der seine Beschäftigten lieber Kol-
legen oder Mitarbeiter nannte. Die Linke 
hingegen kritisierte permanente Über-
schreitung der Arbeitszeit. Wurden die 
strengen Produktivitätsvorgaben von ein-
zelnen Abteilungen nicht erreicht, wurde 
den ArbeiterInnen der Lohn gekürzt. Das 
führte zu gegenseitiger Kontrolle, die so 
weit ging, dass MitarbeiterInnen ihre Kol-
leginnen und Kollegen „entfernten“.
Natürlich wurde die Ausbeutung der 
ArbeiterInnen nicht in Zlín erfunden. 
Was Ba�a aber zur Perfektion geführt hat, 
war ihre Tarnung hinter der Maske des gü-
tigen Patriarchen, der seine „Mitarbeiter“ 
„gewinnbeteiligt“ statt bezahlt und sich 
um ihr gesamtes Leben kümmert. Er und 
später sein Bruder und Nachfolger Jan 
 Antonín Ba�a bauten „ihren Mitarbeitern“ 
Ba�a-Siedlungen, Ba�a-Warenhäuser, das 
Ba�a-Kino mit 2.580 Sitzen (und für ge-
eignet gehaltenen Filmen für die Mittags-
pausen der ArbeiterInnen), Speisesäle 
(„Frauen werden nicht einmal mehr ein-
machen müssen. Ba�a macht das für sie.“), 
sie gründeten den Ba�a-Sportverein (pro-
minentes Aushängeschild: die „tschechi-
sche Lokomotive“ Emil Zátopek), Kinder-
gärten, Produktionsschulen, Internate, ein 
Freibad, das Firmen-Spital. „Sozialdekor 
zur Camouflage der Ausbeutung“, nennt 
das Winfried Nerdinger vom Architek-
turmuseum der TU München.
Gewerkschaft nicht geduldet
Mitreden sollten die „Kollegen“ Ba�as al-
lerdings nicht: Obwohl Tomáš noch 1903 
an der Gründungssitzung der Zlíner Sozi-
aldemokratischen Gewerkschaft teilgenom-
men hatte, hielt er bald nur mehr wenig 
von gewerkschaftlicher Organisation und 
griff schon drei Jahre später, als es zu grö-
ßeren Streiks kam, zu fristlosen Entlassun-
gen. Der kommunistische Schriftsteller  Ilja 
Ehrenburg schrieb 1931: „Er duldet in Zlín 
keine Gewerkschaftsbünde. Auf einem Pla-
kat sagt er: ‚Ich erkenne nur eine Organi-
sation an, das ist mein Unternehmen.‘ Die 
Gewerkschaften sind in der Tschechoslo-
wakei gesetzlich anerkannt, aber Gesetze 
interessieren Herrn Ba�a wenig.“ Auch Jan 
Antonín Ba�a, der den Konzern nach 
Tomáš’ Tod 1932 übernommen hatte, war 
ein Feind der Gewerkschaften. Die Ansprü-
che des Unternehmens an seine Mitarbei-
terInnen waren unerbittlich. „Verlangt wur-
den perfekte Leistung und eine absolute 
Ergebenheit gegenüber dem Konzern. Das 
Unternehmen sicherte sich diese extreme 
Bindung der Beschäftigten mithilfe ver-
schiedener Vergünstigungen – aber auch 
durch kompromisslose Entlassungen der 
Autor: Florian Kräftner
Mitarbeiter ÖGB-Kommunikation
Modernisierer, Visionär, Ausbeuter
Schuhproduzent Ba�a hat Zlín zur ersten funktionalistischen Stadt der Welt  
gemacht. Aber: Gewerkschaftliche Aktivitäten wurden mit Rausschmiss geahndet.
        

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