Full text: Europa der Generationen (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201214 Schwerpunkt
S
tellen Sie sich vor, Sie müssten heu-
te über eine europäische Bankenu-
nion, den Fiskalpakt oder den eu-
ropäischen Stabilitätsmechanismus 
abstimmen. Vertreten Sie eine Meinung 
dazu? Haben Sie das Gefühl, ausreichend 
informiert zu sein, um darüber entschei-
den zu können? Faktum ist, dass die 
 Themen, mit denen sich die europäische 
Politik mittlerweile beschäftigt,  enorm 
komplex geworden sind. Vertrauen – vor 
allem in Expertinnen und Experten – 
scheint in der heutigen Zeit ein zentraler 
Bestandteil der politischen Willensbil-
dung geworden zu sein. Dass die Europä-
ische Union in Schwierigkeiten steckt und 
dass selbst unter den Expertinnen und 
Experten keine Einigkeit darüber herrscht, 
wie diesen am besten begegnet werden 
soll, ist längst kein Geheimnis mehr. „Die 
Anforderungen an die BürgerInnen, aber 
auch an die PolitikerInnen sind massiv 
gestiegen“, bestätigt Hannes Swoboda, 
Präsident der S&D-Fraktion (Fraktion 
der Progressiven Allianz der Sozialisten und 
Demokraten) im Europäischen Parlament. 
„Häufig sind Entscheidungen notwendig, 
wo wir Experten auf allen möglichen 
 Gebieten sein müssten.“ 
Sind wir mündig?
Es drängt sich also die Frage auf, ob die 
Bevölkerung heute noch über die notwen-
digen Voraussetzungen verfügt, um aktiv 
an politischen Prozessen in Europa mit-
wirken zu können oder überhaupt, um 
als „mündig“ bezeichnet werden zu kön-
nen. Wer sich ein wenig mit Demokra-
tietheorien beschäftigt, wird schnell fest-
stellen, dass sie – so unterschiedlich sie 
auch sein mögen – alle der Meinungsbil-
dung einen außerordentlich hohen Stel-
lenwert einräumen. Denn jede Form der 
Partizipation setzt natürlich ausreichende 
Kompetenz voraus. Und obliegt das Ent-
scheidungshandeln letztendlich aus-
schließlich den politischen VertreterIn-
nen, so muss die Bevölkerung zumindest 
die Fähigkeit besitzen, über die jeweils 
getroffenen Entscheidungen ur teilen zu 
können. Eine politisch informierte Ge-
sellschaft stellt also die Basis einer funk-
tionierenden Demokratie dar und die 
mündigen BürgerInnen sind die Voraus-
setzung einer vom Volk getragenen Ge-
sellschafts- und Regierungsform. 
Bereits in der griechischen Antike, 
als die ersten Demokratien entstanden 
(auch wenn damals nur die sogenannten 
Vollbürger – also keine Frauen, Sklaven 
oder gar Besitzlose – mitbestimmen 
durften), setzte sich schnell die Erkennt-
nis durch, dass die Volksaufklärung not-
wendige Grundvoraussetzung ist. Die 
Sophisten versuchten dieser – gegen 
 Bezahlung und meist im Auftrag der 
Herrschenden – Rechnung zu tragen. 
Als Experten auf den verschiedensten 
Wissensgebieten und wahre Redekünst-
ler (sie beherrschten eine ausgezeichnete 
Rhetorik) unterrichteten sie Bürger, mit 
dem Ziel, diese für die aktive Teilnahme 
an der Politik zu befähigen. Die Agora, 
also der Marktplatz der Stadt, bildete da-
für die nötige Öffentlichkeit (der Begriff 
der Öffentlichkeit ist übrigens mindes-
tens so alt wie die Demokratie selbst). 
Hier versammelten sich die Bewohner 
der Polis, tauschten ihre Meinungen aus 
und diskutierten über alle möglichen 
politischen Themen. Für Sokrates ging 
die Arbeit der Sophisten aber nicht weit 
genug, da diese seiner Ansicht nach le-
diglich die Kunst der politischen Rede 
vermittelten. Er hingegen erkannte im 
Dialog das geeignete Instrument, um die 
Bürger über Gut und Böse, Leben und 
Sitten nachdenken zu lassen. Durch das 
Stellen geeigneter Fragen half er „bei 
der Geburt zur richtigen Einsicht“ 
 (Hebammenkunst). 
Medien vs. Marktplatz
Auch heute noch erfolgt die Vermittlung 
von Politik über Kommunikation in der 
Öffentlichkeit – ein wenig anders eben 
als damals. Sich öffentlich zu äußern 
 bedeutet heute eher, etwas „über die 
 Medien“ auszurichten und wohl nicht 
mehr, etwas auf einem Marktplatz zu ver-
künden. Überhaupt sind die Medien 
mittlerweile die nahezu einzige Quelle 
geworden, die der Gesellschaft zur Verfü-
gung steht, um politische Realität zu er-
fahren. War früher die Performance der 
Was Sokrates wohl dazu  
sagen würde? 
Immer häufiger ertönt der Ruf nach mehr direkter Demokratie für Europa. 
Autorin: Martina Steiner
Öffentlichkeitsarbeit ÖGB Kärnten B u c h t i p p
Christoph Kniest
Sokrates zur Einführung
Junius Verlag, 2012,  
200 Seiten, € 14,30
ISBN 978-3-8850-6356-8
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.