Volltext: Europa der Generationen (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201218 Schwerpunkt
Betagte Mythen
Alte Menschen sind meistens griesgrämig; Jugendliche folgen keinen höheren Idealen 
– solche Klischees sind ebenso weit verbreitet wie unrealistisch.
D
ie Jugend liebt heute den Luxus. 
Sie hat schlechte Manieren, ver-
achtet die Autorität, hat keinen 
Respekt mehr vor älteren Leuten.“ 
Diese Aussagen fielen nicht etwa jüngst 
auf einem Seniorenkränzchen, sondern 
stammen vom griechischen Philosophen 
Sokrates, der 470 bis 399 vor Christus 
lebte. Auch Aristoteles (384–322 v. Chr.) 
ließ an der jüngeren Generation kaum 
ein gutes Haar: „Ich habe überhaupt kei-
ne Hoffnung mehr in die Zukunft un-
seres Landes, wenn einmal unsere Jugend 
die Männer von morgen stellt. Unsere 
Jugend ist unerträglich, unverantwortlich 
und entsetzlich anzusehen.“
Impotente Lustgreise
Aber nicht nur die Jugend ist seit Tausen-
den von Jahren mit Klischees behaftet, 
auch das Alter hatte schon immer mit 
Vorurteilen zu kämpfen. Einen guten 
Überblick über Altersmythen liefert das 
Werk „Das Alter. Eine Kulturgeschichte“, 
herausgegeben von Pat Thane. Hier er-
fahren wir, dass Literatur und darstellen-
de Kunst der europäischen Antike ein 
widersprüchliches Bild zeigen: Während 
alte Männer häufig als weise präsentiert 
werden, sind Frauen eindeutig negativ 
besetzt und werden meist als bösartige 
und sexuell besessene Hexen oder Trin-
kerinnen dargestellt. Geschlechtsspezifi-
sche Vorurteile sind offensichtlich keine 
moderne Erfindung, wobei allerdings 
auch alte Männer in antiken literarischen 
Quellen nicht nur schmeichelhaft behan-
delt werden. So überzeichnen römische 
Dramen die Schattenseiten der Greise, 
sexuelle Fantasien impotenter alter Män-
ner stehen im Mittelpunkt.
Im Großen und Ganzen lassen sich 
von der Antike bis ins Heute zwei Sicht-
weisen des Alters erkennen: Auf der einen 
Seite wohl situierte, erfahrene, gütige und 
weise SeniorInnen, mit sich und der Welt 
ins Reine gekommen, auf der anderen 
hilflose, schwächelnde, verbitterte Grei-
sInnen. Bei der Beschreibung der Jugend 
verhält es sich ähnlich: Entweder dyna-
misch und heldenhaft oder naseweis und 
rüpelhaft. Was aber bedeuten Jugend und 
Alter aus philosophischer, soziologischer 
und kulturgeschichtlicher Sicht?
Vorbereitung auf das Ende
In der soziologischen Forschung wird das 
Jugendalter gerne zwischen 14 und 24, 
maximal aber 30 Jahren, angesetzt. Etwa 
ab dem 60. Lebensalter gilt man von der 
Antike bis zum heutigen Tag als alt. Der 
Beginn des Alters wird oft mit dem Aus-
scheiden aus dem Berufsleben gleichge-
setzt, die Grenzen sind aber fließend. Der 
Philosoph Michel de Montaigne (1533–
1592) betont, dass Geburt und Jugend 
ebenso zum natürlichen Kreislauf gehören 
wie Altern und Tod. Wobei Montaigne in 
seinem bis heute einflussreichen Essay 
„Philosophieren heißt sterben lernen“ (ein 
Ausspruch Ciceros) das Altern vor allem 
als Vorbereitung auf den Tod sieht. Er 
schreibt: „Warum fürchtest Du deinen 
letzten Tag? Er trägt keinen Deut mehr zu 
deinem Tode bei als jeder andere (...) Alle 
Tage sind zum Tode unterwegs, der letzte 
– er langt an.“ Der an der Humboldt-Uni-
versität Berlin tätige Philosoph Héctor 
Wittwer interpretiert das so: „Das Altern 
sei also eine Vorbereitung auf den Tod und 
in gewisser Weise auch eine Vorwegnahme 
desselben, weil es – wie dieser – Verluste 
mit sich bringt. Jeden Tag verlören wir et-
was, sodass sich die Verluste addierten und 
schließlich durch den Tod vollendet wür-
den.“ („Philosophie des Todes“) In seiner 
natürlichen Funktion könnte also das Al-
ter die Angst des Menschen vor dem Tod 
lindern. Ein junger Mensch kann sich aber 
wiederum kaum das eigene Alter mit 
Krankheit und körperlichem Verfall vor-
stellen. Logische Reaktion: Furcht und 
Ablehnung. Auf der anderen Seite spielt 
nur scheinbar widersprüchlich Neid mit: 
Der alte Mensch hatte in seiner Lebenszeit 
zumindest die Möglichkeit, sich materiel-
le Güter und einflussreiche Positionen zu 
erarbeiten. Ein steiniger Weg, der der 
 Jugend meist noch bevorsteht. Furcht, 
 Ablehnung und Neid sind gute Nähr-
böden für negativ besetzte Klischees. Alte 
Menschen denken hingegen nicht selten 
mit Wehmut an ihre eigene Jugend zurück, 
an Gesundheit und Mobilität, wobei sie 
Unangenehmes oft ausblenden und Er-
Autor: Harald Kolerus
Freier Journalist B u c h t i p p
Héctor Wittwer
Philosophie des Todes 
Reclam Verlag, 2009,  
135 Seiten, € 10,20
ISBN 978-3150203262 
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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