Full text: Europa der Generationen (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/2012 19Schwerpunkt
freuliches verklären. Wird der Frust auf die 
„Jugend von heute“ projiziert, sind Vorur-
teile nicht weit. Vielleicht gilt: Je weniger 
erfüllt das eigene Leben, desto größer die 
Vorurteile gegenüber „dem Anderen“, wo-
zu auch Jugend und Alter zählen können. 
Dass gängige Altersmythen mit der Reali-
tät nicht übereinstimmen, beweisen im-
mer wieder empirische Studien. So zum 
Beispiel der Jugendmonitor, den das Ins-
titut für Strategieanalysen (ISA) für das 
Bundesministerium für Wirtschaft, Fami-
lie und Jugend seit dem Jahr 2010 regel-
mäßig erstellt. Der Politologe und ISA-
Geschäftsführer Peter Filzmaier kommen-
tiert: „Klischees, die Jugendliche betreffen, 
stellen sich als falsch beziehungsweise stark 
vereinfachend heraus. Etwa dass die Ju-
gend unpolitisch ist oder mit traditionellen 
Werten nichts mehr anfangen kann.“ 
Junge Wilde sind medientauglich
Ein Beispiel: Laut Jugendmonitor bezeich-
net nur einer von zehn Jugendlichen Poli-
tik als zentralen Bereich seines Lebens. Das 
erscheint auf den ersten Blick bedenklich, 
allerdings ist diese Relation nicht schlech-
ter als bei erwachsenen Menschen. Der 
Mythos, die Jugend sei politikverdrossener 
als andere Altersgruppen, stimmt also 
nicht. Auch erweist sich der Mainstream 
der Jugendlichen als wertkonservativ: „Die 
Jugend strebt mehrheitlich eine fixe Part-
nerschaft mit Kinderwunsch an. Auch das 
kleine Häuschen mit Garten und Hund ist 
durchaus ein Ziel“, so Filzmaier. Laut dem 
Politologen sind die überzeichneten Rol-
lenbilder nicht zuletzt auf die den Massen-
medien eminente Logik zurückzuführen. 
Der konservative Durchschnittsjugendli-
che ist keine Schlagzeilen wert, als medien-
tauglich weil sensationell und somit ver-
kaufsfördernd erweisen sich hingegen die 
„jungen Wilden“. Politische RevoluzzerIn-
nen oder RebellInnen aus der Kulturszene 
sind hierzulande eher mit der Lupe zu su-
chen. Dann müssen eben Sensationen des 
Alltags herhalten, Drogen, Gewalt und se-
xuelle Ausschweifungen. Schnell wird hier 
die Jugend zum Sündenpfuhl. 
Falsche Mythen und überzogene Vor-
urteile zu Alt und Jung bergen soziale und 
politische Sprengkraft, wenn sie zur Pa-
nikmache instrumentalisiert werden. So 
können Mythen, dass die Jungen zu Ge-
walt und Drogenexzessen neigen, die Po-
litik zu übertriebenen Kontrollmaßnah-
men verleiten. Wobei die breite Masse der 
Jugendlichen unter anderen Problemen 
leidet, etwa galoppierender Arbeitslosig-
keit. Gewalt, Kriminalität und Drogen 
sind nicht von der Jugend gepachtet, den 
Nährboden bilden hingegen oftmals so-
ziale Ungleichgewichte – aber solche 
komplexen Zusammenhänge sind natür-
lich nicht griffig und schwer in Schlagzei-
len zu verpacken. Apropos Schlagzeilen: 
Nur allzu oft ist im Zusammenhang mit 
der steigenden Lebenserwartung in Ös-
terreich und anderen hochentwickelten 
Industrienationen von „Altenschwem-
me“, „Altenlawine“, dem „Reich der Grei-
se“ oder Ähnlichem zu hören. Simple 
Botschaft: „Die Alten fressen den Jungen 
die Haare vom Kopf!“ Diese tendenziöse 
Darstellung verschweigt, dass nicht so 
sehr der Rückgang der Sterblichkeit, son-
dern die sinkende Geburtenrate ein de-
mografisches Problem darstellt. 
Zuwanderung als adäquates Mittel
Der Soziologe Anton Amann schreibt in 
„Die großen Alterslügen“, dass es um 1920 
in Österreich mehr als 1,6 Mio. Kinder 
unter 14 Jahren gab, zu Beginn des dritten 
Jahrtausends sind es ca. 1,2 Mio., in den 
nächsten 30, 35 Jahren wird die Zahl ver-
mutlich auf weniger als eine Mio. absin-
ken. Nachdem in einem Rechtsstaat nie-
mand Menschen dazu zwingen kann, 
mehr Kinder in die Welt zu setzen, wäre 
Zuwanderung ein adäquates Mittel, sich 
den demografischen Herausforderungen 
zu stellen. Das trauen sich nur wenige Po-
litikerInnen und Medien laut zu sagen – 
einfacher ist es, auf „die Alten“ hinzuprü-
geln, längere Arbeitszeiten zu fordern und 
nach privater Vorsorge zu schreien. Der 
Wahrheit und den Menschen – ob alt oder 
jung – ist damit nicht gedient.
Internet:
Mehr Infos unter: 
www.arbeitundalter.at
www.dialogdergenerationen.at
Schreiben Sie Ihre Meinung 
an den Autor
haraldkolerus@yahoo.com
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Ein junger Mensch kann sich aber wiederum 
kaum das eigene Alter mit seinen möglichen 
negativen Seiten wie Krankheit und körper-
lichem Verfall vorstellen.
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