Full text: Europa der Generationen (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/2012 45Schwerpunkt
Scotia, den ich in seinem Büro in Down-
town Halifax treffe, sieht darin einen 
fast ironischen Widerspruch: „Die kana-
dische Öffentlichkeit ist im Schnitt ein 
bisschen links von der Mitte eingestellt!“ 
Die KanadierInnen würden eine starke 
Regierung wollen, sowie Unabhängig-
keit gegenüber den USA, größere 
Gleichheit und eine ausreichende Be-
reitstellung von öffentlichen Leistun-
gen. Dem habe aber das relative Mehr-
heitswahlrecht einen Strich durch die 
Rechnung gemacht. 60 Prozent der Ka-
nadierInnen haben gegen die jetzige Re-
gierung gestimmt, dennoch hält diese 
mit 39,6 Prozent der Stimmen eine ab-
solute Mehrheit.
Das soll sich laut Williams bald än-
dern: „Jetzt nimmt die NDP als natio-
nale Alternative Gestalt an!“ Williams 
streckt mir seine beiden Hände entge-
gen, eine steht für die Konservative Par-
tei und die andere für die Liberalen. Er 
legt sie teilweise übereinander. Drei Fin-
ger jeder Hand überlappen sich, womit 
er die große Übereinstimmung der bei-
den traditionellen Parteien in vielen Be-
langen darstellen möchte. Da käme jetzt 
die NDP ins Spiel.
Konservative in Bedrängnis
Die Konservativen scheinen tatsächlich 
in Bedrängnis zu geraten, sind doch be-
reits acht der zehn kanadischen Provinzen 
in oppositioneller Hand. In einem Land 
mit derart stark ausgebautem Föderalis-
mus wie in Kanada ist das ein sehr ernst-
zunehmender Faktor.
Einen großen Konfliktpunkt mit Ot-
tawa stellt der Bereich der Pensionen dar. 
Die von der Harper-Regierung geplante 
Anhebung des Regelpensionsalters von 
65 auf 67 Jahre hätte problematische 
Auswirkungen auf Nova Scotia. Das Ar-
gument der Bundesregierung, dass Per-
sonen die Möglichkeit bekommen 
sollten, länger in ihrem Job zu verblei-
ben, wenn sie ihn gerne ausüben und fit 
genug dafür sind, läuft im Falle Nova 
Scotias völlig ins Leere, legt Williams 
dar. „Ein hoher Prozentsatz unserer Ar-
beitnehmerInnen sind Working Poor. … 
Sie sind weniger gesund, ihre Jobs sind 
weniger erfüllend, die Bezahlung ist 
schlecht.“ Sie wollen so bald wie mög-
lich in den Ruhestand. „Das heißt, sie 
werden ein bis zwei Jahre ohne Einkom-
men sein und beantragen Sozialhilfe.“
Sozialprogramme in Planung
Unabhängig davon, wie der Konflikt um 
die Pensionen ausgeht, plant die Provinz-
regierung in Halifax bereits die nächsten 
Sozialprogramme: Uni-Stipendien sollen 
erhöht, Leistungen für Behinderte aus-
geweitet und die finanziellen Unterstüt-
zungen für die Ärmsten angehoben wer-
den. Und das, obwohl gut 40 Prozent des 
Budgets der Provinz aus Bundeszuschüs-
sen kommen.
Zu den Ärmsten gehören auch die 
„First Nations“, die UreinwohnerInnen 
der Provinz. Wie in den anderen Provin-
zen Kanadas leiden sie unter „hohen 
Drop-out-Raten in der Schule, hohem 
Drogenmissbrauch, hoher Arbeitslosig-
keit, und sie leben in Regionen, wo es 
keine leichten Lösungen für diese Pro-
bleme gibt“. Rick Williams war aller-
dings fast 40 Jahre lang in der regionalen 
Entwicklung tätig und kommt nach sei-
ner jahrzehntelangen Arbeit zu einem 
leicht optimistischen Schluss: „Trotz-
dem ist die Situation heute besser als sie 
je war. Wir sind heute in einer Situation 
schwindenden Arbeitskräfteangebotes. 
Die Geburtenrate der First Nations ist 
aber drei- bis viermal höher als die der 
anderen Kanadier. Das heißt, es gibt 
mehr und mehr junge Aborigines, die in 
den Arbeitsmarkt eintreten. Wir haben 
viele Unternehmen, die jetzt zu uns 
kommen und sagen, wir benötigen Ar-
beitskräfte, wir würden auch First Na-
tions nehmen, sofern ihr uns bei deren 
Ausbildung helft. Und die Regierung 
von Nova Scotia tut genau das!“
Was würde eigentlich passieren, 
wenn die kanadischen Sozialdemokra-
tInnen nicht nur in den Provinzen Er-
folge feiern könnten, sondern tatsächlich 
die nächsten nationalen Wahlen zum 
Bundesparlament gewinnen würden? 
Wären europäische „Erfolgs“modelle ? la 
Tony Blair und Gerhard Schröder für 
Kanada nachahmenswert? Wohl kaum, 
winkt Rick Williams ab. „Ich glaube, wir 
wissen über die Limitationen dieser Poli-
tik heute alle Bescheid!“ Das wäre zu 
hoffen.
Internet:
Mehr Infos:
de.wikipedia.org/wiki/Kanada
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oder die Redaktion
aw@oegb.at
Die UreinwohnerInnen der Provinz leiden wie in 
den anderen Provinzen Kanadas unter „hohen 
Drop-out-Raten in der Schule, hohem Drogen-
missbrauch, hoher Arbeitslosigkeit, und sie le-
ben in Regionen, wo es keine leichten Lösungen 
für diese Probleme gibt“.
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