Full text: Haben wir eine Wahl? (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2012 15Aus AK und Gewerkschaften
Mitbestimmung waren die grundlegen-
den Ziele, die Anton Benya mit seinen 
MitstreiterInnen erfolgreich verfolgte. 
Darüber hinaus war Anton Benya die 
Humanisierung der Arbeitswelt ein gro-
ßes Anliegen, wobei ihm die Facharbei-
terInnen-Ausbildung besonders am Her-
zen lag. Benya maßte sich nie an Wirt-
schaftsfachmann oder Sozialrechtler zu 
sein. Sein Arbeitsstil war geprägt von re-
gelmäßigen Diskussionen im kleinen 
Kreis über die jeweils einzuschlagenden 
Verhandlungslinien und von einem ho-
hen Vertrauen in die Eigenverantwortung 
seiner MitarbeiterInnen. An dem letztlich 
mit den Sozialpartnern und der Bundes-
regierung geschlossenen Verhandlungs-
ergebnis durfte dann nicht mehr gerüttelt 
werden, es musste sowohl in den eigenen 
Reihen wie auch nach außen vertreten 
werden. 
„Den sozialen Frieden erhalten“
Am 25. April 1973 – die sozialistische 
Alleinregierung unter Bruno Kreisky war 
erst drei Jahre im Amt – wurde Anton 
Benya als Erster Präsident des National-
rates und Präsident des Österreichischen 
Gewerkschaftsbundes in einem Fernseh-
interview nach seinen persönlichen Zie-
len und Wünschen gefragt. Benya ant-
wortete: „Ich habe nur einen Wunsch: 
Dass es mir gelingt, in beiden Funktionen 
die gestellten Aufgaben zu lösen. Und als 
Gewerkschafter, dass es weiterhin mög-
lich sein wird, in diesem Lande mit dazu 
beizutragen, dass der soziale Friede erhal-
ten wird, dass aber trotzdem das Lebens-
niveau, der Lebensstandard der gesamten 
Bevölkerung gehoben wird, für mich na-
türlich in erster Linie jener der Arbeit-
nehmer, die ja noch immer ein kleines 
Stück zurückliegen.“ In der Tat gelang es 
in den vorangegangenen wie auch in den 
nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten, 
sowohl das ArbeitnehmerInnen-Einkom-
men sukzessive zu steigern als auch die 
Arbeitslosigkeit im europäischen Ver-
gleich niedrig zu halten. Die 1970er- 
Jahre wurden zu einem „Jahrzehnt der 
Sozialpolitik“. Im Jänner 1970 trat der 
Generalkollektivvertrag zur etappenwei-
sen Einführung der 40-Stunden-Woche 
in Kraft. 1971 begann man das Urlaubs-
recht der ArbeiterInnen an jenes der An-
gestellten anzugleichen. Die Erhöhung 
des Mindesturlaubs von drei auf vier Wo-
chen konnte durchgesetzt, die Lohnfort-
zahlung bei Krankheit oder Unfall für 
ArbeiterInnen durch das Entgeltfortzah-
lungsgesetz gesichert und der Kündi-
gungsschutz für ältere ArbeitnehmerIn-
nen verbessert werden. Das 1973 vom 
Nationalrat beschlossene Arbeitsverfas-
sungsgesetz war ein entscheidender 
Schritt in Richtung der seit Jahrzehnten 
von den Gewerkschaften geforderten 
 Kodifikation des Arbeitsrechts und be-
deutete einen weiteren Ausbau der be-
trieblichen Mitbestimmung. Darüber 
 hinaus ging auch die erfolgreiche Bewäl-
tigung der wirtschaftlichen Krisen der 
Siebziger- und Achtzigerjahre auf das 
 Politikmanagement des Präsidenten des 
Gewerkschaftsbundes und des als Natio-
nalratspräsidenten protokollarisch dem 
Rang nach „zweithöchsten Mannes im 
Staate“ zurück. 
Konnte sich Österreich im Laufe der 
Jahrzehnte einen vorzüglichen Platz im 
Ranking der Industrienationen sichern, 
so hatte jedoch der Erfolg auch seinen 
Preis. Die Intransparenz der Entschei-
dungsfindung innerhalb der Sozialpart-
nerschaft, die Konzentration der politi-
schen Macht in den Händen weniger, 
die Hintanstellung von wahrscheinlich 
damals schon notwendigen Reformen 
innerhalb der großen Verbände und im 
gesamtstaatlichen Gefüge führten ab 
Beginn der 1990er-Jahre, in der Zeit 
„nach dem Boom“, zu einer mit Ein-
flussverlust des ÖGB und der Gewerk-
schaften verbundenen Neuorientierung 
des politischen Systems. 
Geänderte Rahmenbedingungen
Das mit Ronald Reagan in den USA und 
Margaret Thatcher in Großbritannien 
einsetzende neoliberale Paradigma, des-
sen Einfluss in der ersten Hälfte der 
 Achtzigerjahre in Österreich von der 
 Gewerkschaftsbewegung noch begrenzt 
werden konnte, durchsetzte in den Neun-
zigerjahren, einem Virus gleich, alle po-
litischen Parteien und Verbände und 
 stellte den ÖGB und die Gewerkschaften 
unter nun grundlegend geänderten poli-
tischen Rahmenbedingungen vor völlig 
neue  Herausforderungen.
Internet:
Mehr Infos unter:
tinyurl.com/92efora
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„Ich habe nur einen Wunsch: Dass es mir 
 gelingt, in beiden Funktionen die gestellten 
Aufgaben zu lösen. Und als Gewerkschafter, 
dass es weiterhin möglich sein wird, in diesem 
Lande mit dazu beizutragen, dass der soziale 
Friede erhalten wird, dass aber trotzdem  
das Lebensniveau, der Lebensstandard der 
 gesamten Bevölkerung gehoben wird.“
        

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