Full text: Haben wir eine Wahl? (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201216 Aus AK und Gewerkschaften
Benya-Formel für Europa
Die „Benya-Formel“ stellt seit Jahrzehnten die Leitlinie für die Lohnpolitik  
der österreichischen Gewerkschaften dar.
W
enn sich die Lohnpolitik an der 
legendären „Benya-Formel“ 
orientiert, sichert sie eine Nach-
frageentwicklung, die in Ein-
klang mit der Produktion steht. Dann 
ist sichergestellt, dass weder von Profiten 
zu Löhnen noch von Löhnen zu Profiten 
umverteilt wird und dass alle Beschäf-
tigten am gesamtwirtschaftlichen Fort-
schritt Anteil haben.
Der einzige Weg aus der Krise
Für die weitere Entwicklung der Zusam-
menarbeit in Europa ist die Orientierung 
der Löhne an der Benya-Formel der 
 einzige Weg, der Krise zu entkommen. 
Die Benya-Formel fordert, dass die Hö-
he der Lohnsteigerung der Inflation plus 
dem mittelfristigen gesamtwirtschaftli-
chen Produktivitätszuwachs entsprechen 
muss. In den Beschlüssen des ÖGB-Bun-
deskongresses wird als Ziel eine „gesamt-
wirtschaftlich ausgerichtete, produktivi-
tätsorientierte, solidarische Lohnpolitik“ 
vorgegeben.
Dabei geht es nicht nur um den 
ökonomischen Inhalt, sondern auch da-
rum, dass diese Ziele nicht als mathe-
matische Formel vorgegeben werden. 
Lohnverhandlungen haben keinen sta-
tistisch vorbestimmten Ausgang. Es ist 
kein Fall bekannt, in dem Unterneh-
men die Löhne erhöht haben, nur weil 
neue Zahlen publiziert wurden. Lohn-
steigerungen kommen nur zustande, 
wenn sich die ArbeitnehmerInnen orga-
nisieren und Lohnerhöhungen durch-
setzen. Denn Lohnpolitik ist das Ergeb-
nis von Verhandlungen zwischen den 
VertreterInnen von ArbeitgeberInnen 
und ArbeitnehmerInnen.
Mehr Produktivitätsorientierung
Durch die Produktivitätsorientierung 
sollen die realen Löhne und Gehälter et-
wa gleich schnell steigen wie die Menge 
der Güter und Dienstleistungen, die pro 
Stunde oder Monat produziert werden. 
Wenn dies nicht der Fall ist, bleibt die 
Nachfrage zurück und die Unternehmen 
müssen mangels Absatz ihre Produktion 
drosseln.
Die Lohnforderungen der Gewerk-
schaft orientieren sich dabei nicht am 
kurzfristigen Auf und Ab der Produk-
tion pro Beschäftigtem, sondern am 
längerfristigen Trend. So können die 
Löhne eine stabilisierende Funktion für 
die gesamtwirtschaftliche Nachfrage 
und auch für den sozialen Zusammen-
halt der Gesellschaft erfüllen. Nicht je-
der kurzfristige Produktionseinbruch 
des Unternehmens soll gleich zu mas-
siven Problemen der Beschäftigten füh-
ren, ihren Lebensunterhalt zu finanzie-
ren und ihren laufenden Zahlungsver-
pflichtungen wie Mietzahlungen und 
Kredittilgungen nachzukommen. 
Gesamtwirtschaftlich bedeutet in 
diesem Zusammenhang, dass sich die 
Lohnerhöhungen in den einzelnen 
Branchen an der Produktivitätsentwick-
lung der Gesamtwirtschaft orientieren 
sollen. Dadurch stellt die Benya-Formel 
eine breite Beteiligung aller Beschäf-
tigtengruppen am technischen und or-
ganisatorischen Fortschritt sicher. Die 
Beschäftigten in Sektoren mit schnel-
lem technischem Fortschritt nutzen die 
Produktivitätssteigerungen nicht gänz-
lich für Lohnforderungen aus. Damit 
bleibt ein Spielraum für Preissenkungen 
bei diesen Produkten. Gleichzeitig kön-
nen die Dienstleistungssektoren im Ver-
gleich zu ihrer schwächeren Produktivi-
tätsentwicklung höhere Löhne bezah-
len, die sie teilweise durch höhere 
Verkaufspreise finanzieren können. Da 
die anderen Waren billiger werden, 
steigt die Inflation insgesamt nicht an.
Europäische Dimension
Um zu erkennen, warum eine solche Po-
litik die wirtschaftlichen Ungleichge-
wichte in Europa verhindern könnte, 
sollte man folgende Entwicklungen be-
trachten: Mit der Einführung der ge-
meinsamen Währung kam es zu einem 
deutlichen Sinken der Zinsen in der 
 Euro-Zone. Gerade in Ländern wie Spa-
nien oder Irland, die bereits vorher einen 
rasanten Aufholprozess gestartet hatten, 
führte dies zu einem Wachstumsschub.
Da aber in dieser Zeit die Lohnent-
wicklung in Deutschland oder auch Ös-
terreich hinter der Produktivität zu-
rückblieb, sich also nicht an der 
Benya-Formel orientierte, entstand da-
raus kein zusätzliches Wachstum für 
den Kauf der Produkte aus den aufho-
lenden Ländern.
Einfach gesagt: Die Deutschen ver-
kauften den SpanierInnen zwar mehr 
Autos, konnten sich aber den Urlaub in 
Spanien nicht mehr leisten, weil ihre 
Löhne stagnierten. So wie es innerhalb 
Autor: Josef Zuckerstätter
Lohn- und Einkommensentwicklung, 
Lohnstruktur, Arbeitsmarkt in der AK Wien
        

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