Full text: Haben wir eine Wahl? (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201224 Schwerpunkt
Big Player – nicht nur in Wahlzeiten
In Zeiten des Web 2.0 geht die Meinungsforschung neue Wege. Erstmals sind Trends 
in Echtzeit beobachtbar – auch wenn es um Politik geht. 
I
n der Politik – und besonders im Wahl-
kampf – spielt die Meinungsforschung 
eine bedeutende Rolle. Selbst kurz vor 
dem Urnengang können Umfrageer-
gebnisse und Wahlprognosen sowohl Po-
litikerInnen als auch WählerInnen noch 
entscheidend beeinflussen.
Opinion Mining heißt der neueste 
Trend der Meinungs- und Marktforsche-
rInnen. Dabei werden mittels Online-
Analyse-Tool (Facebook-)Postings und 
Tweets nach bestimmten Inhalten durch-
sucht. So erfährt man theoretisch schon 
kurz nach einer TV-Diskussion, welchen 
Eindruck ein/eine SpitzenkandidatIn 
hinterlassen hat. Die Vision: Allmor-
gendlich zeigt der Blick auf den soge-
nannten Campaign Alert die neuesten 
Trends der vergangenen 24 Stunden im 
Web und in den Social-Media-Streams. 
Mit dem EU-finanzierten Forschungs- 
und Entwicklungsprojekt „Trendminer“, 
an dem unter anderem das sozialwissen-
schaftliche Institut SORA beteiligt ist, 
sollen diese Tools bis 2014 die wich-
tigsten Sprachen, inklusive der etwa bei 
Twitter gebräuchlichen Abkürzungen 
und Akronyme, gelernt haben. Schon im 
Wahljahr 2013 sind erste Praxistests 
 geplant.
Fehlprognosen als „part of the game“
Von derart raschen Ergebnissen in Echt-
zeit konnte George Gallup, der Pionier 
der Marktforschung, nicht einmal träu-
men. Ihm gelang 1936 sein erster großer 
Erfolg, als er nach der Befragung von le-
diglich ein paar Tausend nach bestimmten 
Kriterien ausgesuchten Wahlberechtigten 
prognostizierte, dass Franklin D. Roose-
velt die Präsidentschaftswahlen gewinnen 
würde. Bis dahin waren vor Wahlen Mil-
lionen Fragebögen verschickt worden. Es 
galt die Devise: Je mehr Menschen befragt 
werden, desto besser das Ergebnis. Zwölf 
Jahre später erstellte Gallup allerdings ei-
ne Fehlprognose, die das Ansehen der 
Meinungsforscher empfindlich schmäler-
te. Sein „Favorit“ unterlag dem demokra-
tischen Präsidentschaftskandidaten Harry 
S. Truman.
„Ich denke, dass es einen Weltmarkt 
für vielleicht fünf Computer gibt“, 
schätzte IBM-Boss Thomas Watson 
1940. Ob diese Prognose mithilfe von 
MeinungsforscherInnen damals anders 
ausgefallen wäre, darf bezweifelt werden. 
Aber auch im Computerzeitalter gehören 
Fehlprognosen zum Alltag der Demo-
skopInnen. So kam beispielsweise 2009 
der deutliche Wahlsieg des BZÖ in 
Kärnten für fast alle sehr überraschend. 
Beinahe sämtliche Meinungsforschungs-
institute hatten ein Kopf-an-Kopf-Ren-
nen von SPÖ und ÖVP prognostiziert.
Last-Minute-Swing
Nicht nur der „Sonderfall Kärnten“ macht 
den Expertinnen und Experten Probleme. 
Die anhaltende Tendenz, sich erst kurz vor 
dem Wahlgang für eine Partei zu entschei-
den, sorgt für Unwägbarkeiten. Der Anteil 
all jener, die sich in der letzten Phase, also 
während des Intensivwahlkampfs ent-
scheiden, ist von neun Prozent im Jahr 
1979 kontinuierlich auf 33 Prozent bei 
den Nationalratswahlen 2008 angewach-
sen. Die Bindungskraft der Parteien wur-
de in den vergangenen Jahren immer klei-
ner, entlang neuer politischer Spannungs-
linien haben sich Parteien gebildet, die oft 
nicht mehr den alten Rechts-Links-Ideo-
logien entsprechen. Ein weiterer Trend ist 
die höhere Wählermobilität: 2008 haben 
laut GfK-Exit-Poll 28 Prozent der Wäh-
lerInnen eine andere Partei gewählt als 
2006. Das macht Prognosen nicht leich-
ter. Die Herabsetzung des Wahlalters auf 
16 Jahre (2007) hat die Wählermobilität 
und den Trend zum Last-Minute-Swing 
noch weiter verstärkt. Dementsprechend 
liefert auch die Sonntagsfrage oft trüge-
rische Ergebnisse. „Die Zahl jener, die sich 
als ‚unentschlossen‘ deklarieren, ist seit 
Jahren relativ konstant, obwohl die klas-
sischen Parteienbindungen deutlich zu-
rückgegangen sind“, so Dipl.-Ing. Paul 
Unterhuber, GfK Austria. Soll heißen, in 
letzter Minute ist noch alles drin: Wer vier 
Monate vor einer Wahl noch für die SPÖ 
war, macht am Ende vielleicht sein Kreuz 
bei einer anderen Partei.
Während eines Wahlkampfs werden 
die WahlkampfmanagerInnen mindes-
Autorin: Astrid Fadler
Freie Journalistin B u c h t i p p
Regula Troxler
Der gläserne Wähler/ 
Konsument
Holzhausen, 2009,  
112 Seiten, € 7,–
ISBN 978-3-85493-162-1
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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