Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201316 Schwerpunkt
Die rohe Bürgerlichkeit –  
verdirbt Geld den Charakter? 
Besserverdienende nehmen die soziale Spaltung der Gesellschaft weniger wahr.
E
in schwach beleuchteter Raum 
 ohne Mobiliar außer einem 
großen runden Tisch mit zehn 
 Sesseln rundherum. Am Tisch sit-
zen zehn Studierende, die sich für eine 
Studie zur Verfügung gestellt haben und 
verschiedenste Aufgaben am Laptop 
 bewältigen. 
In einer Pause betritt wie beiläufig 
ein Versuchsleiter den Raum und stellt 
ein Glas Bonbons in die Mitte des 
 Tisches. Diese seien eigentlich für eine 
Gruppe Kinder im Nebenraum be-
stimmt, teilt er den Probanden mit und 
verschwindet wieder. Manche von ih-
nen greifen zu, manche nicht. Danach 
warten wieder einige knifflige Auf- 
gaben am Laptop auf ihre Bewältigung. 
Was die Testpersonen nicht wussten: 
Paul Piff, amerikanischer Psychologe 
und Studienleiter, interessierte sich 
nicht für ihre Leistungen am Laptop. Er 
hatte die Probanden in zwei Gruppen 
geteilt und beobachtete ausschließlich, 
wer wie viele Bonbons gegessen hatte. 
Die Auswertungen ergaben, dass dieje-
nigen Probanden, die einer höheren 
Schicht angehörten, mehr Bonbons ge-
nommen hatten als solche einer unteren 
Schicht. 
Wie die Reichen sind
Handelt es sich hier um eine einzelne 
tendenziös angelegte Studie, mit der Res-
sentiments gegen „die da oben“ bedient 
werden sollen? Oder lässt sich der alte 
Spruch „Geld verdirbt den Charakter“ 
tatsächlich wissenschaftlich belegen?  Erst 
im Zuge der relativ jungen Reichtums-
forschung gibt es einige Untersuchungen, 
die sich auch mit Persönlichkeitsmerk-
malen von reichen Menschen beschäfti-
gen. Oben erwähnter Paul Piff startete 
eine ganze Versuchsreihe zu der Thema-
tik, unter anderem auch im Straßenver-
kehr: An einer vielbefahrenen Kreuzung, 
an der die Vorfahrt mit Stopp-Schildern 
geregelt ist, beobachtete er, ob und wel-
che Autos sich nicht an die Regeln halten. 
Und tatsächlich: Fahrer von Oberklasse-
wagen missachteten häufiger die Ver-
kehrsregeln. Sie ignorierten auch Fuß-
gänger an einem Zebrastreifen deutlich 
häufiger als dem Anschein des Wagens 
nach weniger reiche Leute.
Im Ghetto des Geldes …
Die Straße ist auch Schauplatz einer viel 
beachteten zweiteiligen Reportage des 
ZEIT-Journalisten Henning Sußebach in 
bester Günter-Wallraff-Tradition. Ver-
kleidet als Obdachlose ohne einen einzi-
gen Euro in der Tasche suchen Sußebach 
und eine Schauspielerin in Taunus bei 
Frankfurt im Dezember 2011 für eine 
Woche nach Hilfe und Herberge – ein 
modernes Weihnachtsmärchen.1
Der Ort ist nicht zufällig gewählt. 
Hier leben die reichsten Deutschen – 
Industriellenfamilien, Bankiers, Millio-
näre und Milliardäre. Die aufgezeichne-
ten Erlebnisse auf der einwöchigen 
Betteltour demaskieren die Welt der 
Reichen als eine von einer Wand aus 
Ignoranz abgeschottete Parallelwelt. 
Selbst als sich Sußebachs Partnerin als 
Schwangere ausgibt, änderte sich nichts 
am abweisenden Reaktionsmuster der 
Menschen. Wenn Hilfe kommt, dann 
fast ausschließlich von Bediensteten der 
Reichen – einem Gärtner, einer Rezep-
tionistin, einer Bäckerin. Und von 
einem Pfarrer.
… und in Berlin-Neukölln
Die Reportage sorgte für heftige Reakti-
onen. Ein Vorwurf: Auch in einem ärme-
ren Viertel wären die Menschen nicht 
mitfühlender gewesen.
Daraufhin gingen die beiden ein 
Jahr später mit der gleichen Geschichte 
im Gepäck in den wohl bekanntesten 
„Problembezirk“ Deutschlands, Berlin-
Neukölln.2 Das Ergebnis des Experi-
mentes war verblüffend: Es musste ab-
gebrochen werden – wegen zu großer 
Hilfsbereitschaft. Nachdem ihnen ein 
Kellner eines Skatklubs, in dem sie sich 
Tage zuvor zum Aufwärmen kurze Zeit 
aufhielten, einen Job vermittelte, be-
schlossen die JournalistInnen die Tar-
nung frühzeitig aufzugeben. Bis dorthin 
durchlebten die beiden „Obdachlosen“ 
– von wenigen Ausnahmen abgesehen – 
eine fast schon beschämende Hilfsbe-
reitschaft: Unterstützung bei der Her-
bergssuche, Einladung zum Essen, 
frische Lebensmittel aus dem Super-
markt.
Eine wissenschaftliche Erklärung für 
die Erfahrungen der ZEIT-Journalis-
tInnen liefert eine Studie der US-For-
scher Kraus, Côté und Keltner aus dem 
Autor: Christian Zickbauer
Freier Journalist
1  Henning Sußebach: Maria und Josef im Ghetto des Geldes, Die 
ZEIT, 52/2011.
2  Nadine Ahr, Henning Sußebach: Maria und Josef in Neukölln, Die 
ZEIT, 52/2012.
        

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