Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201318 Schwerpunkt
M
an könne ja auf der Terrasse 
Tomaten ziehen. Die Umset-
zung dieses Ratschlags von 
 Fiona Grasser, runde 48 Stun-
den nach der Insolvenz der amerika-
nischen Lehman Brothers Bank am 
15. September 2008 erteilt, ist aus min-
destens zwei Gründen nicht ratsam: 
Über Terrassen verfügen die wenigs- 
ten. Und selbst wenn, nagt die Frage: 
Warum hat der Nachbar ein immenses 
Glashaus?
Genügsam statt gerecht
Der Vorschlag der Millionen-Erbin, ge-
nügsam inmitten einer satten Gesell-
schaft zu sein, ist implizit – aber keines-
wegs schwächer – auch in der postlibe-
ralen Ära präsent. Nichts gegen 
Paradeiser und Eigenbau, vor allem nicht 
in Zeiten unterbezahlter ErntehelferIn-
nen, die Frage nach Gerechtigkeit sollte 
aber dabei nicht unter den Tisch fallen. 
Ganz ohne Vergleichsabsicht nämlich 
„lässt sich der Blick darauf kaum vermei-
den, dass sich andere nicht an die Maxi-
me der Genügsamkeit halten, dafür vom 
Marktsystem aber mit Erfolgen belohnt 
werden – und das zumindest teil- oder 
zeitweise mit der Folge, dass der Grad 
der Genügsamkeit, dem man sich selbst 
hinzugeben hat, ein wenig gesteigert wer-
den muss“, heißt es dazu in einer Studie 
der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). 
Sattsam bekannt ist die stets sich 
weiter öffnende Schere zwischen Arm 
und Reich, die für immer mehr Men-
schen nicht nur reine Metapher ist. Die 
angestrebte „Genügsamkeit“ aber for-
dert mehr als nur die Abkehr von der 
Bestrebung, sein eigenes Wohl und die 
soziale Gerechtigkeit zu steigern, 
schreibt der Studienautor Frank Null-
meier unter dem Titel „Neoliberalis-
mus und Gerechtigkeit in der öffentli-
chen Debatte“. „Es fordert Verzicht auf 
jeden Vergleich mit anderen und letzt-
lich sogar Verzicht auf Analyse gesell-
schaftlicher Zusammenhänge zwischen 
den Haltungen der einen und der Ge-
nügsamkeit der anderen.“ 
Schließlich sollte doch der Vergleich 
sicher machen, und warum funktioniert 
ein Vergleich nur bei Warenpreisen? 
Welches Denken in Bezug auf soziale 
Gerechtigkeit prägt heute den öffentli-
chen Diskurs? Von einer längst ausstän-
digen Analyse von Sprache und Bildern 
in Bezug auf die „Gerechtigkeitsdebat-
te“ spricht Experte Frank Nullmeier. 
Welche Denkfiguren dominieren? Die 
Finanzkrise hat zwar kurzfristig stärkere 
öffentliche Kritik an neoliberalen Kon-
zepten freigesetzt, (post)-neoliberale 
Ansätze, so Nullmeier, sind dennoch 
vorherrschend. „Eine neue Qualität er-
reichen sie, wenn soziale Ungleich-
heiten nicht mehr ausschließlich als Er-
gebnis von Erfolg oder Misserfolg auf 
Wettbewerbsmärkten erscheinen, son-
dern durch genetische Unterschiede 
von ‚Ethnien‘ oder ‚bildungsfernen‘ 
Schichten erklärt werden.“ 
Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität
Als Schlüsselelemente jeder politischen 
Debatte fungieren Wertebegriffe. Sie 
zeichnen sich dadurch aus, dass stets 
 eine Vielzahl unterschiedlicher Werte 
besteht. Seit den 1970er-Jahren, stellt 
Frank Nullmeier fest, hat sich in den 
Grundsatzprogrammen der meisten eu-
ropäischen Länder ein System von 
Grundwerten entwickelt, das in die 
 „Trias“ von Freiheit, Gerechtigkeit und 
 Solidarität mündete. 
Die öffentliche Vorherrschaft des 
Neoliberalismus in den Jahren 1998 
bis 2005 war damit verbunden, den 
Gerechtigkeitsbegriff auf eine Markt-
gesellschaft zu reduzieren. In Folge 
 vervielfältigten sich die Gerechtigkeits-
begriffe durch neue  Komposita: Genera-
tionen-, Teilnahme-, Geschlechter-, 
Bildungs- oder Chancengerechtigkeit. 
Aufgabe der  Politik ist es, so Frank 
Nullmeier, die Relationen sowohl zu 
den Zentralwerten als auch untereinan-
der zu klären und zu bestimmen. 
Wir brauchen Werte
Die Figur Frank Stronach, die nunmehr 
auf der politischen Bühne Österreichs 
erschien, ist beredtes Zeugnis einer Wer-
tediskussion, die jede vernünftige Rela-
tion überschritten hat. Die drei Schlag-
worte seines „Programms“ – an die zu-
mindest erinnern sich er und seine 
KandidatInnen in Interviews – sind we-
der Werte, noch geben sie Aufschluss 
über ein stringentes Konzept. Aufschluss-
reich ist die unverhältnismäßige Akzep-
tanz des verhaltensoriginellen Milliar-
därs, dessen Markterfolg gerne mit Leis-
tung verwechselt wird. Leistung für wen? 
Erinnert wird in der FES-Studie an 
die zwei Grundthesen des Hauptver-
Begnügt euch 
Wo genau ist die Leistung? Ein Streifzug durch die Begriffswelt der  
„sozialen Gerechtigkeit“.
Autorin: Gabriele Müller
Freie Journalistin
        

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