Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201332 Schwerpunkt
Armut, Reichtum und Gesundheit
„Lieber reich und gesund als arm und krank“, sagt der Volksmund.  
Wie sich Armut und Reichtum letztendlich auf die Gesundheit auswirken.
A
rm ist, wer aus finanziellen Grün-
den nicht mehr am Alltagsleben 
teilnehmen kann. Die „Armuts-
konferenz“ nennt einige Faktoren, 
die das Risiko erhöhen, arm zu werden: 
keine oder atypische Arbeit, Geschlecht, 
Familiensituation und/oder Staatsbürger-
schaft. Atypische Erwerbsformen oder pre-
käre Arbeitsverhältnisse wie gering fügige 
Beschäftigung, neue Selbstständigkeit 
(Ich-AGs), freie Dienstverträge oder auch 
„nur“ Teilzeitbeschäftigung führen in die 
Armutsfalle. Schon 31 Prozent oder 1,1 
Mio. aller Erwerbstätigen Österreichs (!), 
davon 800.000 Frauen, arbeiten in Teil-
zeitbeschäftigungsverhältnissen. Sie sind 
schon jetzt trotz Arbeit arm oder armuts-
gefährdet (Working Poor) und noch mehr 
von  Altersarmut bedroht. 
Reichlich arm
Als armutsgefährdet gelten Personen mit 
niedrigem Haushaltseinkommen. Die in 
der europäischen Sozialberichterstattung 
verwendete Armutsgefährdungsschwelle 
liegt bei 60 Prozent des Medians des äqui-
valisierten Jahresnettoeinkommens (= be-
darfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) 
und beträgt laut EU-SILC (Statistics on 
income, social inclusion and living condi-
tions) 2010 in Österreich 1.031 Euro pro 
Monat (zwölf Mal im Jahr) für einen Ein-
personenhaushalt. Zum Vergleich: Die 
„bedarfsorientierte“ Mindestsicherung 
von derzeit 794,91 Euro für Alleinstehen-
de liegt weit darunter. In Österreich sind 
zwölf Prozent der Bevölkerung oder über 
eine Million Menschen armutsgefährdet. 
511.000 Menschen sind absolut arm, das 
heißt, dass die Lebensführung zumindest 
in zwei der folgenden Dimensionen ein-
geschränkt ist: die Wohnung angemessen 
warm zu halten, regelmäßige Zahlungen 
in den letzten zwölf Monaten rechtzeitig 
zu begleichen (z. B. Miete), notwendige 
(zahn-)ärztliche Behandlung in Anspruch 
zu nehmen, unerwartete Ausgaben bis zu 
900 Euro zu finanzieren, neue Kleidung 
zu kaufen.1
Von 1998 bis 2011 hat laut Einkom-
mensbericht 2012 des Rechnungshofes 
das unterste Zehntel der ArbeiterInnen 
40 Prozent an Kaufkraft verloren.2 Rund 
40 Prozent der Lohnsteuerpflichtigen ha-
ben so geringe Einkommen, dass sie die 
Einkommenssteuergrenze von 1.110 
Euro pro Monat gar nicht überschreiten. 
Trotzdem zahlen sie genauso Sozialversi-
cherungsbeiträge und Massensteuern wie 
Umsatz-, Verbrauchs- (Tabak, Alkohol, 
Mineralöl) und Verkehrssteuern (z. B. 
Maut, Vignette) wie Spitzenverdiene-
rInnen und Vermögende. Apropos Ver-
mögende: In Österreich besitzen nur 
zehn Prozent 68 Prozent des Vermögens, 
das sind 1 Billion oder 1.000 Mrd. Euro, 
und 90 Prozent verfügen über nur etwas 
mehr als 30 Prozent des Vermögens!3
13 Prozent der Armen geht es gesund-
heitlich sehr schlecht – von jenen mit ho-
hem Einkommen klagen hingegen nur 
zwei Prozent über einen schlechten Ge-
sundheitszustand. Zudem: Arme sind 
doppelt so oft krank, Männer mit gerin-
gem Einkommen und geringer Bildung 
sterben sogar zehn Jahre früher als wohl-
habende, gebildete Männer.4 In Wien 
etwa ist die Lebenserwartung von Män-
nern in Arbeiterbezirken wie Favoriten, 
Simmering oder Brigittenau um 3,5 bis 
4,5 Jahre niedriger als in den Nobel-
bezirken Innere Stadt oder Döbling.5
Wer reich ist, lebt länger
Es besteht ein Zusammenhang zwischen 
gesundheitlichem Zustand und sozialer 
Lage. Die Kluft wird größer, je mehr die 
ökonomische Ungleichheit zunimmt. Aus-
reichendes Einkommen, Bildung, Wohn-
verhältnisse und Umwelt bzw. der Abbau 
von sozialen Ungleichheiten sind zentrale 
Voraussetzungen für Gesundheit. „Der 
Zusammenhang zwischen gesundheitli-
chem Zustand und sozialem Status von 
Menschen lässt sich in allen untersuchten 
Ländern der westlichen Welt in den ver-
schiedensten Zeiträumen nachweisen. 
Vom Anstieg der Lebenserwartung haben 
vor allem die Bessergestellten profitiert“, 
so der Sozialmediziner Wolfgang Freidl 
von der Universität Graz. Armut erzeugt 
Dauerdruck und wirkt auf Psyche und 
Körper: Bei den häufigsten Todesursachen 
wie Krebs, Herzinfarkt, Atemwegserkran-
kungen oder Unfall lässt sich der Faktor 
Armut ebenso ablesen wie bei chronischen 
Leiden.6 
Die Bedeutung von „mehr Eigenver-
antwortung“, dass jeder nicht nur in 
Schule, Lehre oder Beruf, Freizeit, son-
Autor: Wilfried Leisch
Freier Journalist und Publizist in Wien
1  BMASK: Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung in Österreich. 
 Ergebnisse aus EU-SILC 2010, Statistik Austria, Wien 2011.
2  Rechnungshof: Einkommensbericht 2012.
3  www.pro-vermoegenssteuer.at
4  www.forumgesundheit.at, Statistik Austria, EU-SILC Erhebungen 
2007.
5  Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG): 
Soziale Ungleichheit und Gesundheit, BMSG 2002.
6  zit. nach Fritz Kalteis: Ungleich bis in den Tod – Armut macht 
krank. www.forumgesundheit.at, OÖGKK.
        

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