Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2013 33Schwerpunkt
dern auch bei seinem persönlichen 
 Gesundheitszustand „seines eigenen 
Glückes Schmied“ sei, wird zunehmend 
propagiert. Zuletzt fuhr die Sozialversi-
cherungsanstalt der Gewerblichen Wirt-
schaft (SVA) unter diesem Motto eine 
breit angelegte Kampagne, nachdem 
viele, insbesondere in der SVA versicher-
te „Ich-AGs“, den 20-prozentigen Selbst-
behalt kritisiert hatten. Zuckerl: Wer mit 
seinem Arzt ein persönliches „Gesund-
heitsziel“ verein bare und einhalte (wer 
kann das kontrollieren?), könne sich 
zehn Prozent Selbstbehalt sparen. Abge-
sehen davon, dass diese Vorgangsweise 
der SVA erspart, die Selbstbehalte über-
haupt abzuschaffen, Gesunde bestraft 
und MedizinerInnen ein Geschäft zu-
schanzt, ändert dies nichts an der grund-
legenden Problematik. 
Laut WHO sind nämlich die „Le-
bensbedingungen (...) das Ergebnis von 
sozialen und ökonomischen Umständen 
und der physikalischen Umwelt – die alle 
einen Einfluss auf die Gesundheit haben 
können –, und sie liegen größtenteils 
 außerhalb der  direkten Kontrolle des 
Einzelnen.“7
Aber nicht nur bei Gewerbetrei-
benden oder Beamten, auch im Bereich 
des Allgemeinen Sozialversicherungsge-
setzes (ASVG – Arbeiter, Angestellte, 
freie Dienstnehmer) gibt es eine Reihe 
von Selbstbehalten (Rezept-, E-Card- 
und Ambulanzgebühr, Kostenbeiträge 
bei Spitalsaufenthalt, Selbstbehalte bei 
Zahnarzt und bei Heilbehelfen). Der 
 gesamte Anteil der Selbstbeteiligungen 
der privaten Haushalte an den 
Gesundheitsaus gaben beträgt rund 30 
Prozent. Damit liegt Österreich über 
den EU-Schnitt von rund 25 Prozent.8 
Was bedeutet das? Da rund 80 Pro-
zent der Gesundheitsleistungen von ca. 
20 Prozent der Bevölkerung benötigt 
werden, meist von ärmeren, schwer kran-
ken Menschen mit niedrigem Einkom-
men, bedeuten (weitere) Selbstbehalte 
enorme Belastungen für die Kranken. 
Denn Selbstbehalte haben für Arme und 
untere Einkommensschichten einen ne-
gativen Verteilungseffekt. Durch den Zu-
sammenhang von Einkommen und Ge-
sundheitsrisiko – je mehr Einkommen, 
desto mehr soziale Absicherung, desto 
gesünder – brauchen Reiche nicht nur 
weniger Gesundheitsleistungen, sondern 
diese sind im Fall des Falles via fixe 
 Selbstbehalte bzw. Begrenzung der 
Sozialversicherungs beiträge durch die 
Höchstbemessungsgrundlage für Reiche 
im Verhältnis zum jeweiligen Einkom-
men auch billiger.9
Gesunde Reformen?
Durch Regierungsmaßnahmen wurden 
den Kassen in den 2000er-Jahren jährlich 
ca. 800 Mio. Euro entzogen. Im „Kassen-
paket“ 2009 erhielten die Kassen einmalig 
550 Mio. Euro zum Abbau der davor 
durch Aushungerung der Kassen provo-
zierten Schulden. Allerdings mit der Auf-
lage, bis 2013 weitere 1,7 Mrd. Euro ein-
zusparen.10 
Neue Belastungen sind zu erwarten
Ende 2012 hatten die Kassen die Einspa-
rungen mit 2,4 Mrd. Euro übererfüllt 
und waren im Plus. Trotzdem soll weiter 
„gespart“ werden – mit der jüngst be-
schlossenen „Gesundheitsreform“, die 
2014 in Kraft treten soll. Um 11 Mrd. 
Euro sollen die öffentlichen Gesundheits-
ausgaben, also das Budget, bis 2020 ent-
lastet werden.11 Sparen bei der Gesund-
heit wegen des „Stabilisierungspaktes 
2012“ der Regierung (= Schuldenabbau 
über die Bevölkerung als Folge der durch 
die Finanzmarktkrise auch in Österreich 
geschnürten „Bankenrettungspakete“)? 
Es ist zu erwarten, dass auch für die 
Masse der Sozialversicherten neue Belas-
tungen anfallen, die wiederum Arme 
 wesentlich stärker als Besser- und Best-
verdienende bzw. Vermögende treffen.
 
Internet:
Mehr Infos unter:
www.armutskonferenz.at
www.statistik.at
www.forumgesundheit.at
www.arbeiterkammer.at
www.bmask.gv.at
www.sozialversicherung.at
Schreiben Sie Ihre Meinung
an den Autor
w.leisch@aon.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
 7  WHO: Gesundheit21. Das Rahmenkonzept „Gesundheit für alle“ 
für die Europäische Region der WHO, 1999.
 8  ÖBIG: Selbstbeteiligungen. Internationaler Vergleich und Impli-
kationen für Österreich, 2003.
 9  Vgl. Ziniel G.: Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen, ein ge-
scheitertes Experiment?, Soziale Sicherheit 2003; Alfred Wurzer: 
Effekte von Selbstbehalten in solidarischen Krankenkassen. 
WISO 32. Jg. (2009), Nr. 2, www.isw-linz.at.
10  BM für Gesundheit, Sanierungskonzept des Hauptverbandes der 
österreichischen Sozialversicherungsträger, 14. September 2009.
11  Hauptverband der Sozialversicherungsträger, PA 31. Dezember 
2012.
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Armut erzeugt Dauerdruck und wirkt auf 
 Psyche und Körper: Bei den häufigsten Todes-
ursachen wie Krebs, Herzinfarkt, Atemwegs-
erkrankungen oder Unfall lässt sich der Faktor 
Armut ebenso ablesen wie bei chronischen 
 Leiden.
        

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